»Aber warum haben sie uns verfolgt?«, fragte Hagen und fuhr fort: »Wir haben ihnen doch nichts getan!«
»Das hat keine Bewandtnis, Junge«, begann der Alte. »Dass sie euch gehetzt haben, ist etwas, was ich mir beim besten Willen auch nicht erklären kann. Ich weiß nicht, warum die Schwarzalben nach Midgard gekommen sind«, schien der Alte mehr zu sich als zu Hagen und den Geschwistern zu sagen. »Es muss etwas Großes vorgefallen sein. So einfach gehen sie nicht über die Grenze.«
Der Graue, wie Siggi ihn jetzt für sich nannte, sah sie an. Sein Blick schien sie zu durchdringen. Er sah zwar alt aus, hatte aber nicht die Haltung eines alten Mannes. Siggi kannte seine Großväter und andere ältere Männer, die gebeugt gingen, da ihre Muskeln erschlafft, ihre Gelenke steif geworden waren. Der Graue hingegen schien derlei Gebrechen nicht zu kennen. War das Gesicht auch ledrig und von Falten gefurcht, so steckte in diesem Mann doch noch eine seltsame Kraft. Siggi erschien es daher einfach unpassend, ihn als ›der Alte‹ zu bezeichnen. Daher war seine Kleidung ein willkommener Anlass, ihm einen Namen zu geben, wenn er denn seinen schon nicht verraten wollte.
»Berichtet mir«, sagte der Graue unvermittelt, und er wandte sich an Gunhild, die ihn mit großen Augen ansah. »Was ist geschehen? Erzählt es mir von Anfang an!«
»Mein Bruder hatte die Idee, ein Picknick zu machen, also sind wir oben zu der Lichtung am Berg gefahren«, begann Gunhild. »Weißt du, unterhalb des großen Felsens, von wo aus man den Rhein sehen kann. Da oben waren wir auch, und auf dem Rückweg waren wir am Siegfriedsbrunnen ...«, begann Gunhild die Aufzählung des Tagesablaufs.
»An welchem Brunnen?«, unterbrach sie der Graue. Ein seltsamer Zug schlich sich sein Gesicht.
»Dem mit der Inschrift. Von den Nibelungen.«
»Den Nibelungen ...« Er sprach das Wort aus, als hätte es eine tiefere Bedeutung, die keinesfalls angenehme Erinnerungen weckte. »Was habt ihr da gemacht?«
»Ach, ich habe mich an den alten Aberglauben erinnert, wo es heißt, wenn man dreimal um den Brunnen tanzt, darf man sich was wünschen und der Wunsch geht in Erfüllung. Dann hat es einen mächtigen Donnerschlag gegeben, und keiner konnte erklären, woher er kam ...«
»Nichts ist unerklärlich«, unterbrach sie der Graue wieder, und Siggi glaubte im Gesicht des Grauen eine wilde Anspannung zu lesen. »Es gibt keinen Zufall; das habe ich in langen Jahren erkannt. Sagt mir: Wer seid ihr?« In seinem Gesicht zuckte es nervös, als erwarte er etwas sehr Wichtiges.
»Ich bin Gunhild.«
»Mein Name ist Hagen.«
»Und ich heiße Siegfried.« Siggi sah in das Gesicht des Grauen.
Für einen Moment verlor der Alte die zur Schau getragene Beherrschung, als hätte er etwas gehört, das er nicht glauben konnte, etwas, das zwar nicht gerade unmöglich, aber sehr unwahrscheinlich war. Unter der Lederhaut des geschlossenen Auges zuckte es wild. Dieser Moment der Überraschung dauerte nur einen Lidschlag, dann hatte der Einäugige sich wieder gefasst; er wirkte zwar immer noch angespannt, aber nicht mehr so, als hätte man ihn mit Eiswasser übergossen.
»Es war sehr unvorsichtig von euch, am Sommersonnwendtag solchen Eingebungen zu folgen. Das ist ein heiliger Tag, an dem Dinge, die ihr Aberglauben nennt, Wirklichkeit werden«, sprach der Graue, und sein Gesicht wirkte dabei sehr ernst. Seine Stimme hatte den amüsierten Unterton verloren, und er blickte mit seinem einen Auge jedes der drei Kinder an. Siggi fühlte sich unter diesem Blick gestraft und irgendwie schuldig; sogar Gunhild konnte dem Bann dieses Blicks nicht widerstehen. Nur Hagen versuchte trotzig, dem Auge des Alten Widerstand zu bieten, aber auch er wandte sein Gesicht schließlich ab.
»Ihr wisst gar nicht, was ihr getan habt. Ihr könnt nicht einmal ahnen, was euch widerfahren ist, weil ihr nicht glaubt. Oh, was sind Menschen leichtfertig! Sie vermeinen alles zu wissen, aber in Wahrheit sehen sie nur eine Hälfte der Wahrheit.«
Der Graue holte Atem, sah jedem von ihnen aufs Neue ins Gesicht. Seine Miene war immer noch ernst, aber nicht unfreundlich.
»Ich kenne diesen Brunnen«, sagte er. »Mimirs Brunnen nennt man ihn hier. Wisst ihr, was es bedeutet, am Mittsommertag um diesen Brunnen zu schreiten?«
Hagen warf Siggi einen Blick zu, als wollte er sagen: Habe ich doch Recht gehabt! Und Siggi erinnerte sich an die Inschrift, jene seltsamen gekratzten Zeichen, die er für Zufall gehalten hatte. Er fühlte das Auge des Grauen auf sich ruhen und wagte es nicht, Hagens Blick zu erwidern.
»Schreitet man am Tage der Sommersonnenwende dreimal um diesen Brunnen«, fuhr der Alte fort, »öffnet sich für eine Nacht das Tor zum Reich der Alben. Seid also willkommen in der Anderswelt...«
»Das ist doch Schwachsinn!«, entfuhr es Hagen. Er schob das Kinn vor und sah dem Grauen direkt ins Gesicht. »Das glaubt doch kein Mensch - die Anderswelt, das ist doch bloß ein Märchen für Kinder. Du bist wohl nicht ganz richtig im Kopf.«
Siggi blickte entsetzt auf, aber der Alte schmunzelte nur, sah Hagen irgendwie mitleidig an und winkte ab. »Du wirst sehen«, sagte er, »dass ich Recht habe. Du bist in der Anderswelt, nah an deiner Welt und doch weit, weit weg. Erinnere dich, Hagen« - zum ersten Mal benutzte der Graue einen ihrer Namen -, »der Donner am Brunnen; das Gewitter, das irgendwann nicht mehr näher kam; auch die Wege im Wald waren nicht mehr so wie in deiner Welt; das Unterholz wurde dichter; das Zwielicht; der Nebel; die Schwarzalben; die Raben, die euch führten. Hat sich die Welt um dich herum nicht verändert? Du wirst mir glauben müssen, Hagen. Und auch ihr, Gunhild und Siegfried. Ihr habt das Tor aufgestoßen, habt es durchschritten und seid nun in jenem Teil der Welt, der den Menschen eigentlich verschlossen ist.«
Hagen blickte den Alten weiter misstrauisch an; Gunhild konnte man ihre Zweifel im Gesicht ablesen. Und Siggi? Siggi glaubte ihm. Es war so überzeugend, was er sagte. Es musste stimmen. Irgendwie wollte er, dass es wirklich so war ...
Der Alte wandte sich ab, starrte, so schien es Siggi, ins Nichts.
»Und ich hatte gedacht, die alten Sagen wären alle zu Ende«, sagte er mehr zu sich, als zu den Kindern. »Doch alles bewegt sich im ewigen Kreis. Mir scheint, die Nornen meinen es gut mit mir. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, die Geschichte so zu wenden, wie es damals nicht vermochte.« Aus seinen Worten sprach eine wilde, verzweifelte Hoffnung.
Siggi, Gunhild und Hagen sahen sich entgeistert an, sagten aber nichts. In Siggi begannen wieder Zweifel zu keimen. War dieser alte Mann echt, oder war er doch irgendwie nicht richtig im Kopf?
Der Graue war in Gedanken versunken, schien keine Notiz mehr von ihnen zu nehmen.
Siggi beugte sich zu Hagen rüber.
»Willst du ihm nicht«, flüsterte Siggi so, dass nur Hagen und Gunhild ihn verstehen konnten, »von dem Ring erzählen?«
»Ich bin doch nicht blöd!«, zischte Hagen leise zurück. »Ich trau dem durchgeknallten Greis nicht. Denkt dran, ich«, das Wort betonte er besonders, »habe den Ring gefunden. Sagt ihr auch nichts davon. Der Kerl braucht nicht alles zu wissen!«
Hagen wollte offensichtlich die Sache mit dem Ring für sich behalten. Siggi verstand zwar nicht so recht, warum, aber hielt es für besser, dem Wunsch seines Freundes Folge zu leisten, und so nickte er, ebenso wie Gunhild.
Hagen hatte offenbar schon die Frage als Zumutung angesehen. Mürrisch wandte er sich ab. Seine rechte Hand glitt in die Tasche seiner Shorts, und er betastete den Ring. Es war sein Ring; denn er war schließlich den Schacht hinuntergeklettert. Auch wenn Siggi ihn - vielleicht - zuerst gesehen hatte! Kein anderer sollte je Hand an seinen Schatz legen.
Der Graue kehrte aus seiner Gedankenwelt zurück, und er wandte sich wieder den Kindern zu.