»Gibt es da noch etwas, von dem ihr mir berichten könnt? Irgendetwas Besonderes, das euch aufgefallen wäre?«, fragte er und konnte dabei eine innere Spannung nicht unterdrücken. Sein graues Auge nagelte Siggi und Gunhild förmlich fest. Siggi erschien es, als könne es auf den Grund seiner Seele blicken.
»Nein«, sagte Gunhild, »nicht, dass ich wüsste. Stimmt's, Siggi?«
Der war nur fähig zu nicken, denn sprechen konnte er nicht. Er wusste, er würde nur stammeln, und dann würde der Graue merken, dass er log.
Hagen würdigte den Alten keiner Antwort und schwieg, die Hand fest in der Hosentasche vergraben.
»Und wie kommen wir wieder hier raus?«, fragte Gunhild und sah den Fremden etwas zweifelnd an. Das Schwarze Auge, dachte sie, und musste an sich halten, nicht zu kichern, doch es war eine hysterisches Lachen, keine echte Fröhlichkeit. Wir sind in ein Fantasy-Rollenspiel hineingeraten, und jetzt müssen wieder raus aus dem Verlies. Es war schön und gut, sich vorzustellen, durch eine Fantasiewelt zu streifen; aber daran zu glauben, dass man in einer Welt jenseits der eigenen steckte, das war eine völlig andere Geschichte.
»Diese eine Nacht werdet ihr hier verbringen müssen. Mit dem Licht des neuen Tages ist der Bann gebrochen, der euch hierher gebracht hat, und das Tor zu eurer Welt öffnet sich wieder«, erklärte der Graue. »Nur eine Nacht...«, fügte er, mehr zu sich selbst, hinzu.
»Dann brauchen wir nichts weiter zu tun, als hier in der Höhle zu warten, bis die Sonne aufgeht?«, fragte Hagen spöttisch.
Der Alte fuhr sich mit der Linken übers Kinn. Sein eisgraues Auge war fest auf die Kinder gerichtet.
»Nein«, sagte er, »nein, das wäre nicht gut. Die Swart-alfar, die Schwarzalben, könnten euch hier finden; das wäre zu gefährlich. Sie sind mächtig, und wenn sie kommen, bin nur ich zu eurem Schutz da. Ich habe etwas anderes mit euch vor.«
»Und was?«, fragte Hagen.
»Das werde ich dir gerne sagen«, nahm der Graue den Faden wieder auf, »wenn du mich lässt, mein skeptischer junger Krieger.« Der Alte sah Hagen an.
»Sprich dich aus ...«, sagte Hagen nur.
»Ich werde euch zu den Lichtalben, den Lios-alfar, bringen. Die werden euch diese eine Nacht vor den Swart-alfar schützen. Am Morgen werden sie euch wieder in eure Welt geleiten.«
»Lichtalben? Schwarzalben? Was geht hier eigentlich vor?«, wollte Gunhild wissen.
»Die Lichtalben und Schwarzalben bekriegen sich hier in der Anderswelt seit einer Ewigkeit. Hier in diesen Höhlen tobt der Kampf schon seit vielen hundert Jahren. Keine Seite konnte bisher die Oberhand gewinnen.«
»Die Guten und die Bösen, was?«, meinte Gunhild.
»Was ist Gut, was ist Böse? Das sind zwei Seiten einer Münze. Wer kann schon sagen, welche Seite davon die richtige ist. Der Unterschied liegt im Geist des Betrachters. Die Schwarzalben sind Ymirs Brut, mit denen sollte man so wenig wie möglich zu schaffen haben«, schloss der Graue.
»Wer ist Ymir?«, fragte Gunhild.
Der Alte lehnte sich auf seinen Stab. Dann begann er mit seltsam rhythmischer Stimme zu sprechen:
»Urzeit war's, / da Ymir herrschte;
Nicht war Sand noch See, / noch Salzwogen,
Nicht Erde unten / noch oben Himmel,
Gähnender Abgrund / und Gras nirgends ...«
Er verstummte, sah die Kinder an, bannte sie mit seinem funkelnden Auge.
»Ich will euch erzählen, wie die Zwerge erschaffen wurden. Hört gut zu, denn so hat sich zugetragen:
Am Anfang war Ginnungagap, der klaffende Abgrund. Dies war eine gewaltige, unbegrenzt große Schlucht, die sich unendlich in jede Richtung hin erstreckte und Platz hatte für eine Milliarde von Universen oder noch mehr. Darüber nachzudenken würde einen schwindlig machen, ja, den Verstand rauben; denn sie hatte keine Länge, keine Breite, kein Oben und kein Unten. Am Anfang gab es nichts in Ginnungagap, das ein menschliches Wesen hätte fassen können. Weder Licht noch Dunkelheit, keine Stille, aber auch keinen Ton - nur ein gähnendes Nichts. Obwohl dieses Nichts so ungeheuer und so gestaltlos war, war es doch nicht leer. Denn in ihm lag das Geheimnis der Schöpfung.
Nach dem Urbeginn wurde aus diesem Nichts ein Etwas, und es bildeten sich zwei gegensätzliche Regionen heraus. Auf der einen Seite war das Reich des Feuers, Muspelheim genannt. Kein gewöhnliches Wesen konnte dort leben, denn das Land stand in Flammen und die Luft ebenfalls. Die Hitze war so groß, dass sie noch in Entfernung von Millionen Meilen alles versengte und verdorrte. An den flammenden Grenzen stand ein Riese Wache; sein Name war Surt, und er hielt in seiner Flammenhand ein loderndes Schwert. Sein Haupt und sein Gesicht bestanden aus geschmolzenem Feuer, sein Haar verschoss in alle Richtungen Lichtstreifen wie Kometen, und beständig flossen Lavaströme seinen ungestalten Körper hinunter. Und es heißt, dass er am Ende der Zeit Flammen und Rauch über die Welt schleudern und alles Lebendige zu Asche verbrennen wird.
Das zweite große Reich am anderen Ende der tiefen Schlucht wurde Nibelheim genannt, eine kalte, öde Wildnis aus Eis, Schnee und gefrierendem Nebel. Mitten in Nibelheim sprudelte und schäumte die mächtige Quelle aller Gewässer, Wergelmir, der brüllende Kessel. Alle Flüsse der Urzeit hatten in ihm seinen Ursprung. Ihre Namen waren furchterregend: Lärmender, Stürmender, Schrecklicher oder Blasenbrodler. Der größte von ihnen war Eliwagar, Eiswellen, und aus ihm quoll giftiger Schaum empor, der zu schwarzem Eis gerann und sich zu Zacken und Bergen übereinander türmte, bis der gesamte nördliche Bereich von ihnen erfüllt war.
Irgendwann einmal, das war klar, mussten sich die Reiche von Feuer und Eis in der gähnenden Leere begegnen. Als dies geschah, entstand das erstaunlichste aller Phänomene, das nicht einmal die Götter erklären können: das Leben.
Über die Breite von Ginnungagap bildete sich aus einem Gebräu von giftigen, siedendem Lehm und Eis die Gestalt eines Riesen heraus: sein Kopf, seine Arme, sein Leib und seine schlammbedeckten Beine. Seine Abkömmlinge, die Reifriesen, gaben ihm später den Namen Orgelmir, was Schmutzsieder bedeutet; andere aber nannten ihn Ymir.
Nicht das gesamte Eis von Nibelheim war mit dem Gift Eliwagars durchdrungen; wo es rein war, aber durch das Feuer von Muspelheim geschmolzen wurde, erschien eine riesige Ziege in dem tauenden Eis, Audhumla genannt, die große Amme. Ihr Bauch breitete sich über die Höhen wie eine gigantische Wolke, und ihre Beine waren die Säulen der Erde. Aus ihrem Euter flossen vier Flüsse von Milch, und mit dieser Milch wurde der Riese Ymir ernährt. Audhumla selbst brauchte Nahrung, und sie begann die Eiskontinente um sich herum abzulecken. So wie ein Bildhauer aus einem Steinblock eine Form herausarbeitet, so leckte sie aus dem Eis die Gestalt eines Mannes. Er war von schönem Äußeren, und sein Name war Buri. Buri hatte einen Sohn, der Bor genannt wurde, und Bor nahm sich Bestia zur Frau, die Tochter eines Riesen, und aus ihr wurden drei Söhne geboren, die Ahnherren des Geschlechts der Asen, der Götter des Lichts. Ihre Namen waren Hoch, Ebenhoch und Dritt.«
»Komische Namen«, knurrte Hagen, der sich diese Bemerkung nicht verkneifen konnte.
Der Alte funkelte ihn nur an, fuhr aber fort:
»All diese Wesen, die Vorfahren der Riesen wie der Götter, hatten sich aus dem formlosen All herausgebildet. Doch das Gift Eliwagars wirkte in ihnen nach, bis es zu einer schrecklichen Schlacht zwischen den kosmischen Kräften kam.
Die Reifriesen waren ein gewalttätiges Geschlecht, monströs und laut. Der Sohn des alten Ymir, der aus einer Vereinigung eines Beines mit dem anderen erwachsen war, war ein Wesen mit sechs Köpfen, das Machtbrüller hieß, und dessen Sohn war bekannt als Bergbrüller. Wenn sie und ihr alter Vater Schmutzsieder sich im Rat trafen, gab es einen grässlichen Lärm, und Hoch, Ebenhoch und Dritt, die Söhne Bors, wurden auf das Äußerste gereizt.