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Die drei Brüder stritten mit dem alten Riesen Ymir und erschlugen ihn in einem heftigen Kampf. Als er, in Stücke gehauen, niederfiel, floss so viel Blut aus seinem Körper, dass das gesamte Volk der Reifriesen ertrank, bis auf den jüngsten von ihnen, Bergbrüller, und dessen Frau. So konnte das Geschlecht der Riesen weiterbestehen.

Das Blut Ymirs strömte in die gähnende Schlucht und füllte sie aus, sodass sie ein riesiges Meer bildete. Alle Ozeane der Welt haben ihren Quell in diesem Urmeer. Die Söhne Bors schleiften den Leichnam des Riesen in das Meer und zerhackten und zerschnitten ihn, zerrten ihn hierhin und dorthin. In dieser grausigen Arbeit wurde das Fundament der Erde gelegt: Hügel, Ebenen, trockene Flussbetten und leere Seen. In diese Hohlräume ließen sie Ymirs Blut fließen, sodass die Erde vom Meer umgeben war und die Flüsse hineinströmten. Sie zerhackten seine Knochen und schufen daraus die Berge. Seine Haare nahmen sie für die Bäume und Büsche. Und seine Hirnschale wuchteten sie empor, damit sie über der Erde eine Kuppel bildete.

Als nun Finsternis über der Erde lag, da krochen aus Ymirs Fleisch, Maden gleich, Wesen empor. Dies waren die Swart-alfar, die Schwarzalben, die man auch Zwerge nennt. Sie hassten das Licht und hassen es bis zum heutigen Tag. Und als Hoch, Ebenhoch und Dritt sie sahen, da geboten sie den ersten, derer sie habhaft wurden, sich an den vier Enden der Erde aufzustellen. Ihre Namen waren Austri, Sudri, Nordri und Westri, und ihnen wurde das gewaltige Gewicht des Himmelsgewölbes auf die Schultern gelegt. In den Raum unter dem Himmel warfen die Götter Ymirs Gehirn und machten daraus die Wolken.

Befreit von der Aufgabe, die Himmelskuppel halten zu müssen, fingen Bors Söhne die umherfliegenden Funken ein, die von Muspelheim hochgeworfen wurden und brachten sie in der gähnenden Schlucht an, damit sie die Erde beleuchteten. Einige wurden am Himmel befestigt, andere wieder sollten nach einem festen Plan ihren Lauf nehmen. So entstanden die Sterne.

Dem Geschlecht der Riesen schenkten die Götter ein Stück Land an den äußersten Ufern des Ozeans, damit sie sich dort niederlassen konnten. Schließlich nahmen die jungen Götter Ymirs Wimpern und bauten damit eine runde Festung mit felsenähnlichen Mauern rund um die Erde. Diese Festung nannten sie Midgard oder Mittlere Einfriedung.«

Siggi versuchte, sich Wimpern so groß wie Felsen vorzustellen, die einen ganzen Kontinent umspannten, aber alles, was er vor Augen hatte, war ein verschwommenes Bild von riesigen Dimensionen. Doch der Erzähler sprach bereits weiter:

»Eines Morgens nun gingen Hoch, Ebenhoch und Dritt am Gestade des Meeres entlang, als sie zwei Treibholzstämme fanden, die an der Grenzen zwischen Land und festem Meer trieben. Und der Schatten von Ebenhoch fiel auf den einen Stamm und der Schatten Dritts auf den anderen. Hoch sah, wie sich die Schatten ihrer Arme und Beine bewegten. Da ließ er sich vor dem Baumstamm, der dem Ufer am nächsten war, auf die Knie fallen, legte seine Lippen an die Rinde und hauchte ihm seinen göttlichen Atem ein. Alsdann bildete sich aus diesem Stamm, einer Ulme, die Gestalt einer Frau heraus, doch sie war noch leblos, und ihre Augen blickten leer. Hoch beugte sich über den anderen Stamm, der von einer Esche stammte. Wieder hauchte er darauf, und es entstand die Gestalt eines Mannes. Auch er öffnete die Augen und lag regungslos da.

Da wussten die beiden anderen Brüder, dass das Werk ohne ihre Gaben noch nicht vollendet war. Ebenhoch blickte auf die Frau, und er gab ihr die Jugend, die fünf Sinne und den Verstand. Langsam setzte sie sich auf und begann, die herrliche Welt zu bewundern. Dann wandte sie sich um, und ihr Blick fiel auf den Mann. Nun wandte Ebenhoch sich dem Mann zu und verlieh ihm seine Kraft, und auch dieser erhielt die Fähigkeit, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken.

Dritts Geschenk aber war die Gabe zu reden.

Und die Menschen gingen hinaus, die Welt in Besitz zu nehmen, und die Götter blickten auf ihr Werk und sahen, dass es wohl getan war.

Die Schwarzalben aber, die in den Tiefen von Ymirs Leib in dunklen Höhlen lebten, fühlten nichts als Neid auf die neuen Herren der Welt, und ihr Hass auf die Wesen des Lichts, die solches vollbracht hatten, wurde übermächtig und ist nicht geschwunden bis auf den heutigen Tag.«

Der Alte beendete seine Erzählung. Seine Stimme hatte alle in seinen Bann gezogen; selbst Hagen hatte zum Schluss andächtig gelauscht, und ob er nun etwas von seiner Skepsis verloren hatte oder nicht, so enthielt er sich jedenfalls eines weiteren Kommentars.

»Wir müssen gehen«, sagte der Graue. »Es wird Zeit, sonst finden die Swart-alfar unsere Spur.«

Der Alte packte seinen Stock; die beiden Raben flogen auf und nahmen auf seinen Schultern Platz. Er wandte sich um. »Folgt mir«, sagte er knapp und setzte sich in Bewegung, auf den rechten Gang zu.

Die Kinder folgten ihm; es blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig. Der Alte hatte sie in dieses Höhlensystem gebracht, und sie waren ihm nun auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Hagen langte in seine rechte Hosentasche, um sein Taschentuch herauszuholen. Dabei passierte es. Klirrend kullerte der goldene Ring direkt vor Siggis Füße. Gedankenschnell und noch bevor Hagen irgendetwas unternehmen konnte, bückte sich Siggi, hob ihn auf, und ließ in seiner Tasche verschwinden.

»Was war das?«, sagte der Graue, der sich umdrehte.

»Nur eine Münze«, log Siggi, und er wunderte sich, wie glatt ihm diese Lüge über die Lippen kam. »Sie ist mir aus der Tasche gefallen!« Siggi zeigte einen Groschen vor, den er zufällig in der Tasche gehabt hatte.

Hagen stand wie erstarrt und wusste nicht, ob er verärgert oder erfreut sein sollte. Immerhin hatte Siggi das Geheimnis des Rings gewahrt.

Gunhild war völlig fassungslos. Ihr Bruder war der schlechteste Lügner unter der Sonne, und nun hatte er diesen alten Mann belogen, ohne mit der Wimper zu zucken; diesen Mann, der mit seinem Auge auf den Grund der Seele blicken konnte.

»Dann kommt«, sagte der Graue. »Lasst uns nun wirklich gehen!«

Der Alte ging los. Die Kinder folgten ihm im Gänsemarsch: Vorneweg Siggi, dahinter Hagen, und Gunhild bildete den Schluss. Kaum waren sie einige Meter in dem Gang vorangekommen, schob sich Hagen neben Siggi.

»Okay, Siggi. Und nun gib ihn wieder her!«, zischte er in Siggis Ohr.

Der war noch ganz stolz auf seine Tat und hatte mehr Freundlichkeit und ein kleines bisschen Dankbarkeit von Hagen erwartet, und er beschloss spontan, auf stur zu schalten und das Ding erst einmal zu behalten. Hagen könnte ja wenigstens mal Bitte sagen.

»Nein! Nicht jetzt«, widersprach er flüsternd. »Du kriegst ihn später wieder ...«

»Was tuschelt ihr denn da?«, fragte der Alte. »Kann das nicht warten?«

»Nur eine kleine Kabbelei unter Jungs«, sagte Gunhild schnell und drängte sich zwischen Hagen und Siggi.

»Das ist nicht die Zeit und der Ort für Streit«, mahnte der Alte. »Wir müssen weiter. Der Weg ist noch weit, und ich bin, wie ihr sicherlich bemerkt habt, nicht mehr der Jüngste.« Die Stimme des Alten klang wieder amüsiert.

Hagen warf Siggi einen finsteren Blick zu.

»Es ist mein«, zischte er böse. »Ich will ihn wiederhaben. Du willst ihn bloß behalten.«

Siggi würdigte ihn keiner Antwort und ging stur weiter. Er würde, weil Hagen es so gewünscht hatte, den Ring weiter geheim halten. Das war er ihm schuldig. Aber so gierig, eifersüchtig und neidisch brauchte dieser Typ nun wirklich nicht zu sein. Siggi blickte nach vorn und ignorierte den wütenden Hagen.

Gunhild legte den Zeigefinger auf die Lippen und bedeutete Hagen zu schweigen. Auch Hagen musste einsehen, das der Graue misstrauisch werden würde, wenn sie weiter hinter seinem Rücken tuschelten, und denken, die Kinder hätten etwas vor ihm zu verbergen. Und Hagen war es schließlich, der den Ring unter Verschluss halten wollte.