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Der Alte und Gunhild erreichten die Gangöffnung. Der Graue schob das Mädchen hinein, und wirbelte herum. Keinen Moment zu früh. Mit seinem Stab, der ihm den Vorteil der größeren Reichweite gab, wehrte er einen weiteren Gegner ab.

»Siggi und Hagen sind noch da draußen!«, rief Gunhild. »Wir müssen ihnen helfen!«

»Wie denn, Kind? Siggi ist irgendwo am anderen Ende, und Hagen ist in einem Gang verschwunden.«

»Aber ...«, wollte Gunhild einwenden, sie wurde aber rüde unterbrochen.

»Ich habe genug damit zu tun, uns zu helfen. Die beiden müssen sehen, wie sie zurechtkommen«, sagte der Alte und hielt mit seinem schweren Stab, den er scheinbar mühelos schwang, zwei Swart-alfar in Schach. Doch Gunhild, die links hinter ihm an der Wand lehnte, konnte sehen, dass ihm der Schweiß im Gesicht stand.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Dunklen die Oberhand bekamen. Und dann waren da noch Siggi und Hagen. Gunhild hoffte inständig, dass wenigstens sie es schaffen würden zu entkommen. Durch seinen Haken hatte Siggi einen Vorsprung gewonnen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Hagen in einen Gang abtauchte und der Graue und Gunhild auf einen anderen zuhielten und wie der Alte mit seinem Stab einen Schwarzalben niederstreckte.

Dann hatte Siggi keine Zeit mehr, um sich um die anderen zu kümmern; denn der Swart-alf hatte sich wieder aufgerafft und hängte sich an seine Fersen, wie Siggi durch einen hastigen Blick über die Schulter mitbekam.

Renn, renn um dein Leben!, war sein einziger Gedanke. Er wich einem weiteren Schattenwesen aus. Seine langen Beine waren von Vorteil; im Weglaufen war er immer besser gewesen als im Kämpfen. Er musste es schaffen, zu Gunhild und dem Alten oder zu Hagen aufzuschließen, damit ihre Gruppe nicht auseinander brach. Wenn es ihm nicht gelang, waren sie eine leichte Beute.

Siggi hielt kurz inne, um sich zu orientieren. Er konnte sehen, wo der Graue war, weil sein Stab wie eine Schlange vorzuckte und einen der Gegner von den Beinen fegte. In welchen Gang Hagen verschwunden war, konnte Siggi nicht mehr sagen.

Also war ihm die Entscheidung abgenommen. Er musste zu Gunhild und dem Alten.

Die Schwarzalben kamen zu zweit langsam näher. Er würde ihnen ausweichen müssen. Das war jetzt wie Weglaufen beim Fangen auf dem Schulhof, und das beherrschte er sehr gut.

Seine Rechte fuhr in die Hosentasche, um sein Taschentuch herauszuholen, damit er sich den Schweiß abwischen konnte, der ihm in die Augen lief. Dabei fuhr sein Daumen in den Ring. Er zog die Hand aus der Tasche und sah das Missgeschick. Der Ring steckte fest.

Siggi schloss die Hand zur Faust, so konnte er den Ring nicht verlieren. Hektisch wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß ab und wartete auf seine Gegner.

Die Schwarzalben blieben stehen, schauten irritiert in Siggis Richtung und schienen etwas zu suchen. Siggi begriff nicht, was das sollte, bis ihm ein Gedanke kam, der so einleuchtend und faszinierend war, dass er es selbst kaum glauben konnte.

Er hob den Arm und winkte. Die Schwarzalben reagierten nicht. Es war, als sähen sie ihn überhaupt nicht...

Das ist der Ring!, jubelte Siggi innerlich. Der Ring macht mich unsichtbar.

Neue Zuversicht durchströmte ihn. Jetzt hatte er eine echte Chance, zu Gunhild durchzukommen.

Fast hätte er vor Triumph laut aufgejuchzt, aber im letzten Moment beherrschte er sich. Ganz vorsichtig, möglichst ohne ein Geräusch zu machen, wandte er sich der Seite zu, wo der Gang war, in dem sich Gunhild und der Graue befanden.

Siggi wagte kaum zu atmen. So leise er konnte, schlich er in die Richtung, wo er seine Schwester und den Alten vermutete. Er beschloss, den Ring im letzten Moment wieder abzunehmen und das Geheimnis erst mal vor allen, auch vor Gunhild, aber eben besonders vor dem Grauen zu verbergen.

Vorsichtig pirschte er sich an den Gang heran. Er blickte über seine Schulter zurück. Da, wo er sich vor einigen Augenblicken noch aufgehalten hatte, standen jetzt drei von den dunklen, gedrungenen Gestalten. Drei weitere traten aus dem beiden Gängen, die hinter ihm gewesen waren in den Felsendom. Ihre ganze Haltung zeigte völlige Ratlosigkeit.

Siggi grinste ...

In diesem Moment war er neben einem Gang, und ein Swart-alf trat daraus hervor. Siggi erstarrte. Die düstere, zwergenhafte Gestalt tappte keine Armeslänge von ihm entfernt in den Dom hinein, auf die sechs Ratlosen zu. Sie schienen ihn zu suchen.

Siggi wusste nicht, wie lange er gebraucht hatte, aber schließlich war er nur noch wenige Meter von dem Gang entfernt, wo der Stab des Grauen immer wieder die Angriffe zweier Schwarzalben abwehrte. Die Schläge kamen immer blitzartig, wie zustoßende Schlangen, aber in längeren Abständen. Klar, lange würde der Alte das nicht mehr durchhalten.

Siggi beschloss, bis zum letzten Moment zu warten, dann würde er den Ring abnehmen und in den Gang stürzen.

Vorsichtig schlich er näher, sah dabei auf den Boden, um sich nicht durch einen lockeren Stein zu verraten, den er wegkickte. Jetzt war es Zeit für ein Dribbling anderer Art.

Drei Meter vor der Öffnung des Ganges hielt er an. Er holte noch einmal tief Luft.

Dann riss er sich den Ring von der Hand und schrie: »Gunhild, ich komme!«

Zwei, drei Schritte, und er stürzte sich in den Gang. Die Nachtgeschöpfe waren völlig überrumpelt und konnten nicht mehr eingreifen, und der Graue war geistesgegenwärtig genug, ihm auszuweichen.

Siggi und Gunhild fielen sich in die Arme ...

»Wie hast du es geschafft?«, keuchte der Alte. »Wie bist du an den Swart-alfar vorbeigekommen?«

Siggi überlegte keine Sekunde.

»Ich hab' sie ausgetrickst«, sagte er ganz in der Manier des Grauen, der nicht nachfragen konnte, weil die Dunklen wieder angriffen.

Der Graue wehrte sie mit seinem Stock ab, aber Siggi, der kurz zu ihm aufgesehen hatte, war klar, dass dies nicht mehr lange so weitergehen konnte.

Sollte schließlich doch alles umsonst gewesen sein? Er hatte sich für so klug gehalten, aber jetzt...

In diesen Moment der Verzweiflung klang hinter ihnen ein unerwarteter Laut auf, ein klarer, heller, durchdringender Ton. Der Hall eines einzelnen Hornsignals brach sich vielfach an den Felswänden und brauste wie ein Sturmwind durch die Gänge.

»Die Lios-alfar kommen!«, entfuhr es dem Alten. »Wir sind gerettet.«

Siggi und Gunhild fielen sich in die Arme.

Stumm, wie sie gekommen waren, zogen sich die Nachtgeschöpfe in die Dämmerung zurück.

4

Licht und Schatten

Die Raben kamen wie Schatten von Erinnerungen lautlos in den Gang geschwebt, ließen sich, als wäre nichts gewesen, auf der Schulter des Grauen nieder und begannen sich zu putzen.

Siggi blickte sich um. Der Stollen, in den sie sich geflüchtet hatten, erreichte nach der schmalen Öffnung, in der sie standen, schnell eine Breite von zwei oder gar drei Metern. Siggi stützte sich gegen die Wand, spürte den kühlen rauen Fels durch sein dünnes T-Shirt. Einen halben Schritt hinter ihm stand Gunhild, und auf der anderen Seite der Graue.

In der Stille waren aus der Tiefe des Ganges leise, aber deutliche Schritte zu vernehmen. Doch in dem fahlen Licht, das hier weniger stark war als in dem kristallerfüllten Höhlendom, konnte er noch niemanden erkennen.

Siggi spürte Gunhilds Blick und wandte sich um. Seine Schwester sah ihn an. In ihren Augen las Siggi das, was auch er fühlte: Unsicherheit. Er konnte seine Schwester so gut verstehen. Sein ganzes Leben lang hatten ihn Unsicherheit und Angst geplagt. Darum wusste er nur allzu genau, was in ihr vorging.

Allein die Ungewissheit jagte Gunhild fast schon mehr Furcht ein als die Schwarzalben. Ihr Selbstvertrauen, das war stets ihr Halt gewesen. Es hatte sie stark und oft genug zu Siggis Schutzschild gemacht, hinter den ihr kleiner Bruder flüchten konnte. Doch jetzt hatte sie zum ersten Mal völlige Hilflosigkeit verspürt - und was war an diesem ungewissen Ort überhaupt noch sicher?