Siggi kannte dieses Gefühl. Aber diesmal - er wusste nicht warum - schien er es in den Griff kriegen zu können, ohne davonlaufen oder sich hinter seine große Schwester verkriechen zu müssen. Bezwingen konnte er seine Angst zwar nicht. Doch er kam damit zurecht, nahm die Unsicherheit hin wie einen ungewollten Sitznachbarn im Bus.
Vielleicht lag es daran, dass er den Swart-alfar aus eigener Kraft entwischt war - natürlich dank des Ringes in seiner Tasche. Oder lag es vielleicht gar an dem Ring selbst, den er schwer an seinem linken Oberschenkel in der Hosentasche fühlte, dass er nicht das Opfer seiner eigenen Schwäche wurde?
Andere Fragen quälten ihn mehr, genau wie sie Gunhild auf der Seele lagen. Was, wenn der Graue sich geirrt hatte? Wenn da nicht die Lichtalben kämen, sondern ihre unheimlichen, finsteren Verfolger? Die hatten sie durch den Wald und dann wieder durch die Höhle gehetzt, wie eine Hundemeute den Fuchs jagt. Was, wenn die Lichtalben sie ebenso wenig mochten wie die Swart-alfar?
Die Schritte kamen immer näher, aber zu sehen war noch nichts. Dann tauchten ungewisse Schatten auf, die nicht eindeutig zuzuordnen waren. Siggi und Gunhild fassten sich an den Händen.
Der Graue neben ihnen hatte kein Auge für die Kinder, er starrte erwartungsvoll in die Tiefe. Er schien sich, wie Siggi mit einem kurzen Blick feststellte, seiner Sache wieder sicher zu sein. Der Alte strahlte wieder die Kraft und Selbstsicherheit aus, die er gezeigt hatte, als sie ihm das erste Mal begegnet waren. Das Lächeln war auf sein Gesicht zurückgekehrt.
Für Siggi aber war er nicht mehr derselbe. Anfangs hatte er zu dem geheimnisvollen Fremden aufgeschaut, hatte ihn irgendwie bewundert. Aber seine offensichtliche Orientierungslosigkeit in den Gängen, sein Eingeständnis verlorener Macht; all das hatte Siggi misstrauisch gemacht. Er hatte das Gefühl, dass diese zur Schau getragene Überlegenheit nicht echt war - oder vielleicht eine Rolle, die früher einmal Sinn gehabt hatte, aber inzwischen längst überholt war.
Der Junge wandte seinen Blick wieder von den wandernden Schatten ab und ihrem Begleiter zu. War da nicht wieder der Ausdruck wilder Hoffnung in seinem Gesicht, den der Graue bei der Nennung ihres Namens gehabt hatte? Siggi konnte sehen, wie die ledrige Haut über der leeren Augenhöhle zuckte, als würden darunter Würmer hausen.
»... vielleicht habe ich die Chance, die Geschichte so zu wenden, wie ich es damals nicht vermochte ...«, klang wie ein Echo die Stimme des Alten in Siggi auf.
Was hatte er damit gemeint? Warum glaubte der Graue, dass sich hier etwas wiederholte? Welche Geschichte überhaupt?
Fragen ohne Antwort. Der Mann wurde ihm immer rätselhafter. Wahrscheinlich konnte der Graue viele dieser Rätsel aufklären, aber würde er die Wahrheit sagen? Hatte er überhaupt bisher die Wahrheit gesagt?
Die Schritte waren nun deutlich näher gekommen. Siggi hielt den Atem an. Er konnte, ebenso wie Gunhild, den Blick nun nicht mehr von den Schatten wenden, die mehr und mehr an Kontur gewannen. Er hatte das Gefühl, sein Herz würde so laut schlagen, dass es jeder im Umkreis von hundert Metern hören musste.
In dem Moment traten vier Gestalten aus dem Halblicht hervor. Es war sofort zu erkennen, dass es Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zwischen ihnen und den Schwarzalben gab.
Auch die Lios-alfar waren klein von Gestalt. Selbst Siggi war größer als sie. Aber sie waren schlanker als ihre dunklen Vettern und wirkten so größer. Ihre Haut war hell, sodass Siggi die Gesichter gut erkennen konnte. Einen genauen Vergleich zu ihren Widersachern konnte der Junge nicht anstellen, da er von diesen nur flüchtige Eindrücke vor Augen hatte. Für ihn waren die Swart-alfar dunkle, gesichtslose Schrecken, Schatten, die unheilvoll drohend aus der Finsternis gekommen waren.
Doch wegen der hellen, fast weißen Haut der Lichtalben, waren ihre Züge gut zu erkennen. Der Lios-alf, der zuerst um die Biegung herumgekommen war, schien noch recht jung zu sein. Sein Gesicht hatte etwas Draufgängerisches. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Seine Augen blickten freundlich, überhaupt nicht bedrohlich und gefährlich.
Er trug eine silbergraues, ledernes Wams, das mit Ringen besetzt war, und eine ebenfalls aus Leder gefertigte Hose von etwas dunklerer Farbe. Seine linke Seite zierte ein Schwert, dessen Griff aus einer Scheide aus festem Leder ragte. Es war länger als ein Unterarm. An seiner rechten hing ein Dolch, dessen silberner Griff wie eine verkleinerte Ausgabe des Schwertes aussah.
»Die dunkle Brut ist weg«, meldete eine Stimme hinter ihnen.
Siggi und Gunhild zuckten zusammen, und dem Jungen entfuhr ein leiser Aufschrei. Sie blickten sich um und sahen ein gutes Dutzend der hellhäutigen Wesen, die hinter ihnen im großen Höhlendom an Eingang des Ganges standen.
»Wer wird denn so schreckhaft sein?«, lachte der junge Lichtalbe, den Siggi gemustert hatte. »Erst liefert er den Swart-alfar einen großen Kampf, und dann erschrickt er.«
»Ich hatte hinter mir keinen mehr erwartet«, sagte Siggi.
»Du musst immer und aus jeder Richtung jemanden erwarten, denn überall lauern Gefahren«, entgegnete der Lios-alf ernst. »Ich bin Laurion, Hauptmann der Späher, zu deinen Diensten«, stellte er sich vor und deutete dabei eine Verneigung an.
»Ich bin Siggi, zu deinen Diensten«, entgegnete der Junge, die gleiche Redewendung benutzend, und verbeugte sich ebenfalls. Er kam sich vor wie in einem Theaterstück. »Das ist meine Schwester Gunhild.«
Gunhild deutete einen Knicks an und lächelte. Auch sie schien sogleich Vertrauen zu dem jungen Lichtalben gefasst zu haben.
»Willkommen, schöne Maid«, fuhr dieser fort. »In unserem Reich liegt Euch alles zu Füßen. Gebietet mir, und ich werde Euch dienen.«
Gunhild wusste nicht, wie ihr geschah. Waren das nur Höflichkeitsfloskeln, oder war das ernst gemeint? Aber etwas an diesen Worten berührte sie tief, und so schwieg sie nur und verneigte sich.
»Ich brauche mich wohl nicht vorzustellen«, knurrte der Graue. »Es ist gut, das ihr in der Nähe wart. Die dunkle Brut hatte uns in der Falle.«
»Warum seid ihr nicht über den Großen Pfad gekommen?«, fragte Laurion den Alten. »Ihr wisst doch, Alberichs Dom ist seit Ewigkeiten umkämpftes Gebiet. Hier kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen Ymirs Brut und uns.«
Siggi glaubte aus der Stimme einen Vorwurf herauszuhören. Auch hatte er das Gefühl, dass Laurion dem Alten nicht die Ehrerbietung entgegenbrachte, die der Graue zu erwarten schien. Ein Blick auf den Alten schien das zu bestätigen, denn für einen Moment zuckte es um die leere Augenhöhle des Alten.
»Ich bringe euch diese Kinder Midgards«, sagte der Graue, und der alte Gesichtsausdruck war wieder da, nichts war mehr von dem Ärger zu sehen, der kurz über sein Antlitz gehuscht war. »Diese beiden und ein weiterer Junge, der in einen anderen Gang geflüchtet ist, sind dreimal um Mimirs Brunnen getanzt.«
Hagen!
Siggi und Gunhild hatte den Gefährten völlig vergessen. Was war wohl aus ihm geworden? Hatten ihn die Dunkelalben gefangen, oder irrte er irgendwo durch die Gänge? Trotz der Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen drückte Siggi ihm beide Daumen, dass die Lichtalben ihn fanden. Und dann würden sie wohl ein paar Dinge klären müssen.
»Wir suchen schon nach ihm«, hörte Siggi Laurion antworten. »Er ist in Richtung der Mitternachtsquelle unterwegs. Vielleicht finden wir ihn.«
Für einen Moment schwiegen alle. Siggi sah sich die Lichtalben genauer an. Alle trugen graue Gewänder mit aufgenähten Ringen aus einem silbernen Metall; ob es sich dabei um eine Uniform handelte oder einfach nur die gängige Kleidung, ließ sich nicht sagen. Die meisten trugen Schwerter oder lange Dolche bei sich, einige auch Speere mit schmalen, länglichen Klingen. Ihre Gesichter waren freundlich, aber ansonsten ausdruckslos. Sie überließen Laurion das Reden, welcher der Freundlichste und Aufgeschlossenste von ihnen zu sein schien; vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass er ihr Anführer war.