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»Ich habe viele Namen«, antwortete der Graue. »Grimm und Gandalf hat man mich genannt, Heervater und Helmbari und Herr der Raben, Wod und Walvater, Wegtam und Uli; nur ein Name genügte mir nie. Thor hieß ich beim Thing, Thundr und Udr, Ygg mitunter, doch vor allem nennt man mich -«

»Halt!«, rief Laurion. Blendende Helle hüllte sie ein. »Wir sind da. Willkommen in Alfheim, der Stadt der Lios-alfar.« Hagen brannte innerlich vor Ungeduld. Mîm hatte ihn aufgefordert zu warten. Der Swart-alf selbst war in der Halle des Königs verschwunden. An Hagens Ohr drangen Stimmengemurmel und gedämpfte Geräusche wie das Pochen mächtiger Maschinen.

Das alles interessierte Hagen nicht. Er konnte es nicht erwarten, vor den Herrn der Schwarzalben geführt zu werden und ihn für sich zu gewinnen.

Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. Seine Begleiter hinter ihm nahm er überhaupt nicht mehr wahr. Diese schienen dafür von Hagens Nervosität keine Notiz zu nehmen. Mit regungslosen Mienen erfüllten sie ihre Aufgabe, den Fremdling zu bewachen.

Schließlich kehrte Mîm wieder zurück. Sein breites Gesicht wirkte angespannt.

»Er will dich jetzt sehen, Hagen. Sprich nur, wenn du gefragt wirst«, sagte der Schwarzalbe knapp. »Und wenn du ihn ansprichst, nenne ihn ›Meister‹!«

Hagen sah nur kurz in das Gesicht des noch recht jung wirkenden Swart-alf, dessen Alter er aber nicht zu schätzen wagte.

»Ihr könnt gehen«, sagte dieser zu den Bewachern. »Du«, dabei deutete er auf Hagen, »folgst mir.«

Der Junge folgte Mîm in die Halle. Der Swart-alf hatte breite Schultern, die ihn sehr wuchtig erscheinen ließen. Doch Hagen hatte keinen Blick für die trotz der untersetzten Gestalt geschmeidigen Bewegungen Mîms, dessen Muskeln sich unter dem weichen Ledergewand abzeichneten.

Er hatte nur Augen für die Halle, die sich vor ihnen auftat.

War das Licht in den Gängen zumeist fahl, doch gleichmäßig, so herrschte in der Halle des Königs ein unsteter, rötlicher Schein, der nicht strahlte oder blendete, aber den riesigen Raum doch hell erscheinen ließ. Die Quelle dieses Lichts waren große Lampen, die an schweren Ketten von der Decke hingen; sie schienen aus Schmiedeeisen und Kristall zu sein, wuchtig und dennoch kunstvoll gearbeitet. Aus gehämmertem Metall mit Platten aus dunklem Marmor waren auch die Bänke und Tische, an denen die Swart-alfar tafelten. Es mussten Dutzende sein, nein, viel mehr; genau konnte Hagen sie nicht zählen, aber er schätzte, dass sich mindestens drei- oder vierhundert von dem dunklen Volk hier versammelt hatten.

Für diese Anzahl war der Lärm, den sie machten, eher gering; ja, es herrschte eine erstaunliche Ordnung. Diener mit Krügen und Platten voller Speisen eilten zielstrebig zwischen den Tischen hin und her, bewegten sich nahezu lautlos über den spiegelblank polierten Boden.

Vieles in der Halle zeugte von der Kunstfertigkeit der Schwarzalben. Es war nicht irgendeine Höhle, sondern es war der Thronsaal eines Königs. Ringsum erhoben sich mächtige Säulen aus Stein, geriefelt und mit Bändern gegliedert. Verbunden waren sie durch Balkone, die zu Öffnungen in den Felswänden führten, und Verstrebungen aus schwarzem Eisen, zwischen denen sich Plattformen auf und nieder senkten. Auf allen Seiten gab es ein ständiges Kommen und Gehen, doch alles geschah mit der Effizienz einer gut geölten Maschinerie. Nirgendwo sah man jemanden hasten oder eilen; nur selten war ein lautes Wort zu vernehmen. Doch selbst dem flüchtigen Beobachter wurde klar, dass dies nicht das Ergebnis von Teilnahmslosigkeit oder Routine war, sondern Teil eines ausgeklügelten Systems, dem sich alle unterwarfen.

Die Anwesenden schenkten den Neuankömmlingen wenig Beachtung, nur gelegentlich wurde ihnen ein verstohlener Blick zugeworfen. Hagen freilich war dies mehr als nur recht, denn der Anblick der Halle des Königs nahm ihn gefangen.

So viel Pracht hatte er tief in einer Höhle nicht erwartet. War der gewaltige Kristall vorhin ein natürliches Schauspiel gewesen, so schien in der Halle des Königs nichts dem Zufall überlassen zu sein. Er fühlte sich zurückversetzt in die großen Fabriken seiner Heimatstadt Manchester; dort, in den Fertigungshallen, wo jeder Mann am Fließband zu einem winzigen Rad in eine großen Produktionsmaschine wurde, herrschte die gleiche Zielstrebigkeit - und fast die gleiche Disziplin.

Als sie das Zentrum der Halle erreichten, stießen sie auf eine gewaltige, wohl zehn Meter durchmessende Kristallfläche, die von Streben wie den Speichen eines riesigen Rades durchzogen war. Als Hagen hinunterblickte, sah er zu seinen Füßen, tief unter ihnen, die Essen und Schmieden des Schwarzalbenvolkes, in denen rot glühendes Eisen durch Rinnen und in Formen floss, um von schweren Kränen in Position gehievt und von den geschäftigen, zwergenhaften Arbeitern mit Hämmern und Pressen in Formgebracht zu werden. Von hier kamen die dumpfen Schläge, die vor dem Tor der Halle zu hören gewesen waren.

Dann erblickte Hagen den Thron und hatte von diesem Moment nur noch Augen für den Herrschersitz des Albenkönigs.

Der Thron befand sich auf der gegenüberliegenden Stirnseite. Er schien aus der Wand der Halle herausgemeißelt zu sein und ragte weit in den Saal hervor. Auf vier gedrehten Säulen, die in Schlangenköpfen endeten, erhob sich eine steinerne Kuppel, die aus einem einzigen dunklen Kristall geschnitten war, mächtig und leicht zugleich, und auf ihr lastete eine schwere eiserne Krone, in der geschliffene Kristalle den Schein der Lampen in schillernden Farben zurückwarfen. Sie sahen aus wie Diamanten, doch gewiss hatte es nie Edelsteine von solcher Größe gegeben. Der Thron war über drei Fluchten von jeweils neun Stufen zu erreichen; auf jedem der Absätze standen Swart-alfar in voller Rüstung, mit gezückten Waffen. Doch das größte aller Kunstwerke war der Thron.

Er war aus einem Stein so schwarz wie die Nacht, der das Licht selbst in sich aufzusaugen schien. Schattengleich ragte er auf, mit mächtigen Schwingen, einem Kamm mit scharfen Graten und Zacken, welcher sich zu einem Echsenhaupt emporschwang, das stolz und anklagend zugleich gen Himmel gerichtet war. Doch keine Echse dieser Art war je in den Biologiebüchern verzeichnet gewesen. Es war ein Drache, eine steingewordene Legende, furchteinflößend und schön zugleich.

Auf dem gewaltigen Thron saß einer, der sich fast in der aus Fels gemeißelten Pracht verlor. Auf den ersten Blick glaubte Hagen, dass er sich kaum von den anderen Swart-alfar abhob, aber je näher er kam, desto augenfälliger wurden die Unterschiede zwischen dem König und seinem Volk.

Der Herr der Swart-alfar saß still wie der Stein, aus dem sein Thron gehauen war, und schien mit jedem Schritt mächtiger anzuwachsen. Ein wallender, nachtdunkler Bart fiel ihm auf die Brust, und seine schwarze Mähne wurde von einem goldenen Reif gebändigt, den er anstelle einer Krone trug. In seiner Rechten hielt er eine gewaltige Axt mit einem breiten geschwungenen Blatt.

Hagen glaubte zunächst, einem jungen Mann gegenüberzutreten, aber mit jedem Schritt, der ihm den Thron näher brachte, wurden die Zweifel größer. Die ungebeugte Haltung, das nachtdunkle Haar täuschten. Das Gesicht des Herrschers der Schwarzalben war nicht das eines forschen Draufgängers, sondern das eines alten und weisen Mannes. Aber die Augen straften diesen Eindruck Lügen. Als Hagen den Blick dieser Augen auffing, schauderte es ihn.

Sie waren schwarz wie die Nacht und tief, abgrundtief wie ein Brunnen am Ende der Welt. Und in der Tiefe der nachtdunklen Pupillen brannte ein wildes Feuer, geboren aus Leidenschaft und Zorn.

Sie waren am Fuß des Throns angekommen. Nur noch ein halbes Dutzend Schritte trennten sie von der Gegenwart des Herrschers.

»Bleib stehen! Verneige dich!«, zischte Mîm an seiner Seite. »Beuge dein Knie vor Alberich dem Nibelungen!«

Hagen senkte den Kopf, um den Bann jener Augen zu brechen, dann ließ er sich auf ein Knie nieder - es war das Einzige, was ihm in diesem Moment richtig und angemessen erschien - und richtete sich wieder auf.