Alberich musterte ihn schweigend. Hagen vergaß, dass sich viele Dutzend der Untertanen des Königs mit ihm zusammen in der Halle aufhielten. Für ihn gab es nur noch sich und den Herrn der Swart-alfar.
»Nun Midgard-Knabe«, begann der König mit einem tiefen Bass. »Wie ist dein Name?«
»Ich bin Hagen«, antwortete der Junge, ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen.
Für einen Augenblick flammte ein dunkles Feuer in den schwarzen Augen auf. Wieder hielt ihn dieser durchdringende Blick Alberichs gebannt, wie ein Strahl, der ihn erfasste und nicht mehr losließ. Hagen glaubte, direkt vor dem König zu stehen, und hatte das Gefühl, als könnte dieser direkt auf den Grund seiner Seele schauen.
»Etwas brennt in dir«, sagte Alberich nachdenklich. »In dir lodert ein Feuer, ein wilder Wunsch und - Hass ...«
Hagen krümmte sich wie unter einem Peitschenhieb, als er erkannte, dass Alberich seine Gedanken gelesen und seine geheimen Wünsche, Hoffnungen und Pläne erkannt hatte.
»Es ...«, wollte Hagen beginnen, erinnerte sich aber daran, was Mîm gesagt hatte, der neben ihm stand und keine Miene verzog.
»Was ist? Sprich!«, forderte ihn der Herrscher der Swart-alfar auf, und er neigte sich interessiert nach vorn, ohne Hagen aus den Augen zu lassen.
»Es geht um Siegfried - und den Ring. Er hat ihn mir gestohlen ...« Die aufgestaute Wut platzte aus Hagen förmlich heraus.
Zwischen Mîm und Alberich schien die Luft zu knistern, als Hagen erzählte, was alles geschehen war, seit sie um den Brunnen getanzt waren. Alberich hörte aufmerksam zu und unterbrach Hagen nur ein einziges Mal. Es war, als Hagen den Verlust des Rings erwähnte.
»Ahh«, sagte er, als flammte ein alter Schmerz in ihm auf, ein tief verborgener Groll, der lange geschwelt hatte und nun mit Macht an die Oberfläche drängte. Seine Augen schienen in Flammen zu stehen, als er hörte, wie Siggi Hagen den Ring stahl.
»... und dann befreite mich Mîm von den Fesseln und brachte mich hierher in Eure Halle, weil er meinte, es würde euch interessieren zu erfahren, was ich erlebt habe, Majestät ... ah, Meister«, schloss Hagen seinen Bericht.
»Wohl getan, Mîm!«, sagte Alberich mit nur mühsam unterdrückter Erregung und erhob sich von seinem Thron.
Hagen schien es, als würde der König ins Riesenhafte wachsen, eine überlebensgroße Gestalt aus einer uralten, längst vergessenen Sage. Doch dann erkannte er, dass er einer Täuschung unterlegen sein musste; denn Alberich, wenngleich um Haupteslänge größer als seine Untertanen, war doch nicht größer als er selbst, Hagen.
Bevor Hagen darüber nachdenken konnte, hatte der König ein Horn genommen, das er am Gürtel trug, hob es an den Mund und stieß hinein. Es war, als würde ein gewaltiger Donner durch die Halle rasen; augenblicklich verstummten alle Gespräche, und aus den Gängen traten Swart-alfar, um dem Ruf ihres Herrn zu folgen.
Alberich trat zum oberen Absatz der Treppenflucht vor. Er bedeutete Hagen und Mîm, ihm zu folgen, und bei einem Seitenblick glaubte Hagen zu erkennen, dass Mîm ob der Ehre rot wurde, sofern man das bei seiner dunklen Hautfarbe sagen konnte.
Die Schwarzalben erhoben sich von ihren Plätzen, um ihrem Herrn die Ehre zu erweisen. Immer mehr von ihnen traten in die Halle des Königs. Es herrschte völlige Stille, selbst die Maschinen waren verstummt, und obwohl viele in die Halle drängten, hätte man eine Nadel fallen hören können, so lautlos versammelten sich die Swart-alfar am Herrschersitz ihres Volkes.
Hagen hatte das Gefühl, sein Herz dröhnte so laut, dass es wie Paukenschläge von den Wänden widerhallen müsste.
Der König der Swart-alfar hob die Hand.
»Hört!«, rief er, mit einer tiefen, durchdringenden Stimme, die bis in den letzten Winkel der Halle drang. »Die Nornen meinten es gut mit dem Volk Ymirs, sie brachten uns Kunde aus dem Mund eines Knaben aus Midgard.« Bei diesen Worten trat Alberich neben Hagen und fasste ihn am Arm.
Hagen wusste nicht wie ihm geschah. Innerlich jubelte er, hatte er doch den mächtigen Alberich auf seiner Seite, aber ihm war, als würde ihm ein Kloß im Hals sitzen. Er wagte kaum zu atmen.
»Die Zeit des Wartens ist zu Ende!«, rief Alberich. »Der Ring des Nibelungen ist wiedergefunden!«
Die Welt schien den Atem anzuhalten. Dann begann ein leises, fast unhörbares Gemurmel, das wie das ferne Grollen einer Lawine zu einem Getöse anschwoll und sich zu einem ohrenbetäubenden Jubel steigerte.
Eine einzige Geste Alberichs sorgte für absolute Ruhe. Von einem Augenblick zum anderen war es wieder totenstill.
»Hört mich, Swart-alfar! Die Stunde ist gekommen. Der Ring ist zurückgekehrt! Und er ist in den Händen der Feinde ...« Alberichs Stimme sank zu einem Flüstern herab, und doch war er bis in den letzten Winkel der Königshalle zu hören, aber gleich darauf schwoll seine Stimme zum Orkan. »Wir aber werden uns wiederholen, was rechtmäßig uns gehört! Auf zum letzten Gefecht! Nieder mit der bleichen Brut!«
Der Schlachtruf wurde aufgegriffen, und wie ein Mann riefen alle in der Halle König Alberichs: »Nieder mit der bleichen Brut!«
Ohne dass es Hagen richtig begriff, fiel er in den Ruf mit ein. Er war von den Ereignissen einfach überrollt worden. Zugleich wirbelte es in seinem Kopf. Der Ring! Sein Ring hatte dies alles vollbracht. Doch was war es, was der Schwarzalbenkönig gesagt hatte: Dass der Ring rechtmäßig ihm gehörte?
Alberichs Stimme übertönte mühelos den Lärm der Menge.
»Dies ist mein Gebot: Kleidet diesen Knaben wie einen Prinzen unseres Volkes, gebt ihm ein Schwert und seht in ihm den Erben der Nibelungen!«
Hagen stand wie benommen neben dem König und musste erleben, wie Mîm neben ihm auf die Knie fiel.
Ehrfurchtsvoll traten einige Frauen näher heran. Sie neigten ihre Häupter vor Hagen.
»Folgt uns bitte, Herr«, baten sie.
Hilflos sah Hagen zu Alberich, der ihm aufmunternd zunickte. Doch in den Augen des Königs sah er etwas glimmen, gegen das sein eigener Hass und Zorn nicht mehr war als ein kleines Flämmchen gegen ein alles versengendes, unauslöschliches Feuer ...
5
Die Verborgene Königin
»Kommt!«, forderte Laurion sie auf. »Folgt mir in die Stadt der Verborgenen Königin.«
Siggi und Gunhild lösten sich aus dem schmalen Gang, der sie hierhergeführt hatte, und dann folgten sie zögerlich dem Lichtalben. Den Schluss bildete der Graue.
Im ersten Augenblick sahen Siggi und Gunhild überhaupt nichts, so hell war das Licht im Vergleich zu dem in den Gängen und Grotten. Aber als ihre Augen sich allmählich an die Helligkeit gewöhnten, waren sie vom Glanz dessen was vor ihnen lag, überwältigt.
Es war ein großer Felsendom, im dem die Lios-alfar eine richtige Stadt erbaut hatten. Die Ankömmlinge standen erhöht über den Dächern dieser Stadt, die sich zu Türmen und geschnitzten Giebeln emporschwangen, bis sie sich im Dämmer der gewaltigen Kuppel verloren. Eine breite Treppe führte hinunter zu den Straßen, wo man hell gekleidete Gestalten ausmachen konnte, die ihren Geschäften nachgingen.
Das Licht kam hier nur zu einem geringen Teil aus den Wänden, wie in den übrigen Höhlen, und es dauerte einen Moment, bis Siggi und Gunhild erkannten, woher die Helligkeit rührte, die sie geblendet hatte und die die Stadt der Verborgenen Königin erstrahlen ließ.
Überall an den Häusern und auf den Wegen gab es Edelsteine, die hell wie Lampen glühten. Doch es war ein weiches, diffuses Licht, das diese Leuchten ausstrahlten, und als die Augen der Kinder sich erst an die Helligkeit gewöhnt hatten, war es ihnen sogar möglich, direkt in die glimmenden Steine zu schauen.