Laurion lächelte. Für ihn war das etwas Alltägliches, aber Midgards Kinder kannten dieses Wunder nicht, und sie waren wie gebannt von dem Licht in der Tiefe.
»Ich bringe euch in mein Haus, und während ihr wartet, werde ich der Königin Bericht erstatten«, sagte Laurion zu ihnen.
»Warum können wir nicht mitkommen?«, fragte Gunhild, die neugierig auf die Königin war.
»Weil«, mischte der Graue sich ein, »die Königin im Verborgenen herrscht und sich nicht jedem zeigt. Sollte sie es für richtig halten, wird sie euch empfangen.«
»Ist das hier ihr ganzes Reich?«, fragte Siggi.
»Nein.« Laurion lächelte. »Um den Dom des Lichts gibt es noch eine Reihe weiterer, etwas kleinerer Höhlen. Das alles zusammen bildet unsere Stadt, unser Heim.«
»Und was ist das da hinten?«, fragte Gunhild und deutete auf eine Stelle auf der gegenüber liegenden Seite, wo es zwischen den Häusern hell glitzerte und die Strahlen der Edelsteine in allen Farben zurückgeworfen wurden.
»Das ist der Garten der Königin. Es wachsen dort außergewöhnliche Äpfel für außergewöhnliche Leute«, sagte Laurion lächelnd und warf einen Blick auf den Grauen, der ihn böse ansah.
»Ob wir ...?«, wollte Siggi fragen.
»Besser nicht«, unterbrach ihn Laurion. »Für Sterbliche sind diese Früchte nicht bestimmt.« Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht mehr darüber verlauten lassen würde.
»Lass uns in die Stadt gehen«, drängte der Alte.
So stiegen sie die Treppe hinab. Das Erscheinen zweier Kinder Midgards im Reich der Königin erregte beträchtliches Aufsehen, aber die Lichtalben hatten genug Anstand, sie nicht zu bedrängen. Allerdings wurden sie beobachtet, wie Siggi bemerkte, doch waren die Blicke nicht feindselig, sondern eher von Neugier geprägt.
Laurion führte sie durch das Gewirr der Straßen in diesem riesigen Felsendom bis zu seinem Haus.
Auf den ersten Blick schien es aus großen Balken errichtet zu sein, eine lange, von einem Giebel gekrönte Halle, aus deren Dach wie eine Krone ein Dachreiter erwuchs, darüber ein zweiter und dritter, sodass sie wirkte wie einer jener japanischen Tempel, die Siggi in einem Buch seines Vaters gesehen hatte. Alles war mit Ornamenten bedeckt, Pflanzen, die zu Tieren wurden, Ranken, die mit Krallen ineinander griffen, ein ständiges Werden und Wandeln. Man hatte das Gefühl, nicht einem künstlich geschaffenen Werk gegenüberzutreten, sondern etwas Gewachsenem, das behutsam in eine Form gebracht worden war, die es sich immer ersehnt hatte. Doch als Siggi näher kam, erwies sich das vermeintliche Schnitzwerk als harter, behauener Stein, in dem nur die verschiedenen Farben und Schichten eine holzähnliche Maserung vortäuschten. Allein der Gedanke, wie viele Arbeitsstunden nötig gewesen sein mochten, aus diesem harten Material solche Formen herauszumeißeln, ließ ihn schlucken.
»Das müsste Vati sehen«, meinte er unwillkürlich. »So was zu bauen, das wäre sein Traum.«
»Das ist keine Höhlenarchitektur«, warf Gunhild leise ein, die hinter ihm stand. »Das sind Pflanzen und Tiere aus der Welt, aus der wir kommen.«
Laurion warf ihr einen überraschten Blick zu, verwundert über so viel Feinfühligkeit.
»Ihr müsst die Welt des Lichtes sehr lieben, um so etwas zu schaffen«, fuhr sie fort.
»Auch wir wohnten einst auf den Höhen«, sagte der Lios-alf nur, führte den Gedanken aber nicht weiter. Auch der Graue sagte nichts, doch sein Gesicht wirkte noch abweisender als sonst, als sehe er ein ganz anderes Bild vor seinem geschlossenen Auge.
Laurion führte sie in die Halle des Hauses, das einzige Zimmer im Inneren des Gebäudes. Die Mitte des Raumes bildete ein lang gezogener Herd; an den Wänden hingen Waffen und Geräte, und im hinteren Teil erkannte man eine Lagerstatt und verschiedene Dinge des persönlichen Bedarfs, Bücher, Vorratsgefäße, Truhen, die vermutlich Kleidung oder Ähnliches enthielten. An der Stirnwand der Halle, wo man einen Thronsitz vermutet hätte, plätscherte kristallklares Wasser in einen steingefassten Brunnen.
»Ihr müsst hungrig sein«, sagte Laurion, als sie auf einer niedrigen Bank an einem steinernen Tisch Platz genommen hatten, und brachte ihnen zu essen und zu trinken. Dann ließ er sie allein in der Obhut des Grauen zurück.
Erst jetzt bemerkten die Kinder, dass sie wirklich einen Wolfshunger hatten. Sie langten kräftig zu. Das dunkle Brot, das ihnen Laurion zusammen mit Butter und Käse gebracht hatte schmeckte süß, wie nach Honig. Dazu tranken sie frisches Quellwasser, und es schmeckte ihnen besser als alles, was sie jemals gegessen und getrunken hatten.
»Butter und Käse?«, fragte Siggi plötzlich. »Woher die wohl kommen?«
»Es gibt anscheinend Kühe hier«, mutmaßte Gunhild, als von dem Alten keine Auskunft kam.
»Wahrscheinlich die Kinder der Urkuh«, grinste Siggi. »Das müssen komische Viecher sein.«
»Es war eine Ziege«, belehrte ihn Gunhild.
Siggi beäugte misstrauisch das Essen.
Der Graue ging unruhig im Zimmer auf und ab. Siggi blickte kurz zu ihm auf, und er konnte sehen, wie es unter der ledrigen Haut seines toten Auges zuckte. Der Alte musste entsetzlich aufgeregt sein; er konnte nicht still stehen. Man spürte förmlich, wie es in ihm arbeitete.
Der brütet etwas aus, dachte Siggi bei sich, als sich die Tür öffnete und Laurion eintrat.
»Ich habe mit der Königin gesprochen. Wir werden einen Trupp unserer besten Männer zusammenstellen, die mit mir zusammen versuchen werden, euren Freund zu befreien.«
»Müssen wir ...«, stammelte Siggi, »ich meine, dürfen wir ...?«
»Natürlich kommt ihr mit. Nur ihr könnt euren Freund überzeugen, uns zu folgen, wenn wir ihn finden.«
»Genau«, pflichtete Gunhild ihm bei.
»Dann kommt mit. Wir gehen in die Rüstkammer. Dort treffen wir die anderen«, sagte Laurion knapp.
Er führte sie durch das verwirrende Labyrinth der engen Gassen der Stadt, und Siggi und Gunhild konnten sich nicht satt sehen an dem, was die Lichtalben hier geschaffen hatten. Überall gab es Bildwerke und feine Ziselierungen, die mit großer Kunstfertigkeit hergestellt waren und für das Schönheitsempfinden der Lios-alfar sprachen.
Sie bemerkten die Unruhe in der Stadt. Immer wieder begegneten sie Leuten, die umherhasteten.
»Was ist los?«, fragte Siggi schließlich.
»Wir rüsten zur Schlacht«, erklärte Laurion. »Die Höhlen hallen von den Kriegshörnern der Dunklen Brut wieder.«
»Aber wir ...«
»Wir werden uns aus einer anderen Richtung heranschleichen und so die Auseinandersetzung meiden«, schnitt Laurion ihm das Wort ab. »Unsere Aufgabe ist wichtig, und da kann uns eine Schlacht eher helfen als schaden. Eine Schlacht lenkt viele Leute ab, und so können wir uns eurem Freund vielleicht unbemerkt nähern.«
Schließlich erreichten sie die Rüstkammer. Es war eine Höhle, die in den Fels gemeißelt worden war, unterteilt in verschiedene Nischen und Gewölbe, in denen sich Waffen, Rüstungen, Lederpanzer und Ähnliches stapelten.
»Wählt euch aus, was ihr braucht«, sagte ihnen Laurion. »Auch in Eurer Größe müsste etwas da sein.«
Siggi und Gunhild machten sich auf die Suche. Als Erstes fand Siggi ein einfaches Wams aus dickem Leder mit Metallbeschlägen, das ihm passte. Dazu wählte er eine der weichen Lederhosen. Nur ein passender Helm war nicht aufzutreiben.
Nun fehlte ihm noch eine Waffe. Er entdeckte ein schönes Schwert, das er schon greifen wollte, als sein Blick von etwas anderem gefesselt wurde. Es war ein Gegenstand mit einem langen schwarzen Griff und einer Lederschlaufe am Ende. Am anderen Ende hatte er einen kurzen, massiven Knauf in Form eines Würfels, der sich auf zwei Seiten trichterförmig fortsetzte und in zwei Spitzen endete. Bis auf die Schlagflächen war jeder Quadratmillimeter davon mit feinen Ziselierungen bedeckt. Im ersten Moment zweifelte Siggi, ob er ihn würde heben können, aber das Ding war leichter, als er gedacht hatte.