»Ein Kriegshammer«, erklärte Laurion. »Eine gute Wahl. Schwerter und Äxte sind nur etwas für Leute, die lange den Umgang mit Waffe geübt hatten, aber du hast dich für den Hammer entschieden, mit dem man auch etwas ausrichten kann, wenn man ungeübt in der Kunst der Waffen ist.«
»Was ist das hier für ein Zeichen?«, fragte Siggi, als er etwas in den Schaft eingraviert fand. Es sah aus wie ein leicht verrutschtes ›P‹, ungefähr so:
»Thurs«, sagte der Graue, der unbemerkt hinter sie getreten war. »Die Rune der Stärke, das Zeichen Thors.« Siggi wartete auf eine weitere Erklärung, aber es kam nichts mehr, und so zuckte er nur die Schultern und schob sich den Hammer in den Gürtel.
Auch Gunhild hatte sich für ein Wams aus festem Leder entschieden, doch fand sich für sie keine passende Hose, sodass sie einen Kilt aus festem Stoff wählte. An ihrer Seite hing ein unterarmlanger Dolch, und sie trug einen Speer.
Unterdessen waren fünf Lichtalben eingetreten, welche mit Schwertern und Schilden bewaffnet waren.
»Das sind Widar und Wali, Modi, Magni und Yngwe«, stellte Laurion die anderen vor, die jeweils leicht den Kopf neigten, wenn ihr Name fiel. Siggi und Gunhild erwiderten den Gruß. Siggi musterte die Lios-alfar genauer. Sie wirkten alle jung, aber kampferfahren. Ihre Mienen waren undurchdringlich, doch nicht unfreundlich.
»Brechen wir auf«, sagte Laurion knapp.
Der junge Hauptmann ging an der Spitze, knapp hinter ihm der Graue, gefolgt von den Geschwistern, und den Schluss bildeten die fünf Lios-alfar, die zu ihrem Schutz abgestellt worden waren.
Siggi fühlte sich prächtig. Der Hammer, der an einer Schlaufe an seinem Gürtel ging, ließ ihn eine unbekannte Seite seiner selbst spüren. Er sah dem Abenteuer zuversichtlich entgegen. Sonst immer eher zurückhaltend, war er nun wild entschlossen, sich den Gefahren zu stellen. Mit dem Hammer an seiner Seite konnte ihm nichts passieren. Mit weit ausholendem Schritt ging er neben Gunhild, die ihren Speer mit Würde trug.
So ließen sie die Stadt hinter sich, und Laurion führte sie sicher und ohne zu zögern durch das Labyrinth aus Höhlen, Stollen, Grotten und Hallen. Die Augen der Kinder gewöhnten sich rasch wieder an das fahle, schwächere Licht, das außerhalb der Stadt herrschte. Sie beobachteten aufmerksam ihre Umgebung, und so manches kleine Wunder bot sich ihnen dar. Mineraladern, die das Licht in den unterschiedlichsten Farben brachen, Kristalle, die sich zu fein gewobenen Geflechten verbanden, und stets neue Tropfsteine und Wasseradern gaben immer wieder Anlass zum Staunen.
»Dort vorn«, Laurion deutete auf den Eingang zu einer Grotte, »werden wir einen kurzen Moment rasten.«
»Warum?«, fragte Siggi, der eine nagende Ungeduld verspürte.
»Du wirst es sehen«, lächelte der junge Lios-alf, »mein ungeduldiger Freund.«
Sie betraten die Grotte, und das Erste, was Siggi sah, war ein einziger, riesiger Bergkristall, der wie ein Baum aus dem Boden wuchs. Von den Seiten drang kein Licht herein, nur unter dem Kristall war eine Lichtquelle, die ihn weiß erstrahlen ließ, und sich in den verzweigten Adern in den Felswänden und in der Decke brach, dass es aussah, als ständen sie in einem schimmernden Hain.
Laurion reichte eine Wasserflasche herum, und jeder, auch der Graue, nahm einen Schluck.
Siggi beobachtete den Alten immer wieder. Mochte er auf den ersten Blick auch ruhig erscheinen, aber das Zucken seines toten Auges war ein eindeutiger Hinweis, dass der Graue irgendetwas im Sinne hatte. Er benahm sich immer merkwürdiger, seit er diese seltsame Geschichte erzählt hatte.
»Was sucht ihr im Herzen des Verborgenen Reiches«, erklang eine sanfte Stimme hinter ihnen. Siggi griff, ohne nachzudenken, nach dem Hammer, aber Laurions Hand legte sich auf die seine.
Siggi wandte sich um. Was er sah, war eine schmächtige, doch bezaubernd schöne Frau, die hinter dem Kristall hervorgekommen war. Sei trug ein silbernes Gewand mit blauen Borten und weißem Besatz. Das lange blonde Haar fiel ihr bis auf die Hüften herab. Ihre himmelblauen Augen musterten jeden aus der Gruppe - und Siggi hatte das Gefühl, sie sah sich alle zur gleichen Zeit an. Sie war hochgewachsen und etwas größer als Gunhild.
Sie lächelte jeden der Reihe nach an und nickte ihm zu. Und als ihr Blick ihn traf, war Siggi, als berührte etwas sein Herz.
»Herrin«, begrüßte Laurion die Königin und neigte den Kopf. Siggi tat es ihm gleich und Gunhild knickste.
»Sei gegrüßt, Wanderer«, sagte die Königin zu dem Alten.
Der Graue nickte nur, sagte aber nichts.
»Gunhild, komm zu mir«, sagte die Königin unvermittelt. »Ich habe euch nur herkommen lassen, um dir ein Geschenk zu machen.«
Zögernd trat das Mädchen näher.
»Warum so zaghaft? Mir wurde berichtet, du seist ein forsches Kind«, sagte die Verborgene Königin aufmunternd zu Gunhild.
Gunhild zögerte nicht länger, sondern schritt energisch aus.
»Und jetzt neige deinen Kopf zu mir«, bat die Königin.
Kaum hatte Gunhild sich vorgebeugt, da fühlte sie etwas Kühles auf der Haut. Als sie sich wieder aufrichtete, spürte sie ein Gewicht um ihren Hals, und etwas berührte ihre Haut, kühl, aber nicht unangenehm.
Sie sah an sich hinunter, und für den Bruchteil eines Augenblicks schwindelte ihr. Sie hatte das Gefühl, als wäre die Zeit plötzlich erstarrt und alles um sie herum in der Bewegung eingefroren. Doch das Gefühl verging im selben Lidschlag, in dem es gekommen war.
Ihr Blick fiel auf ein wunderbares Geschmeide, das sich an ihre Brust schmiegte. Es war eine Kette aus neun goldenen Reifen, von denen jeder einen eigenen Edelstein trug, welche in allen Farben des Regenbogens glitzerten. Die Ringe selbst waren mit winzigen Golddrähten umwickelt, die wiederum aufgesetzte Noppen aus Gold trugen. Kleine, eingefügte Plättchen, geschmückt mit kunstvoll verschlungenen Knoten in Form von Vögeln oder anderen Tieren, füllten die Zwischenräume. Die Arbeit war so unendlich fein, dass man sich in der Betrachtung verlieren konnte, wirkte fast zerbrechlich, aber, das konnte Gunhild schon erkennen, war doch fest und stark. Es war ein unglaublich schönes Schmuckstück.
»Oh«, entfuhr es ihr. »Womit habe ich das verdient?«
»Du brauchst es dir nicht zu verdienen; ich will, dass du es trägst. Es ist stärker als die mächtigsten Waffen.«
»Was meint Ihr damit?«, fragte Gunhild, die ihren Blick nicht von ihrem Halsschmuck wenden konnte.
»Du wirst es herausfinden ... eines Tages ... vielleicht bald«, entgegnete die Königin nur.
»Woher stammt der Schmuck?«, wollte Siggi wissen.
»Er ist Teil eines Lohnes, der nicht gezahlt wurde«, antwortete die Königin. »Ich glaube«, sagte sie mehr zu sich selbst, »ihr solltet von dieser Geschichte erfahren.«
Gunhild und Siggi wandten sich automatisch dem Grauen zu, doch dieser machte keine Anstalten, etwas zu erzählen, sondern trat vielmehr einen Schritt zurück in die Schatten, dass sein Gesicht unter dem breitkrempigen Hut nun ganz im Dunkeln lag. Nur das heile Auge blinkte im Widerschein des Goldes.
»Ich sehe, der Einäugige hat euch bereits von den alten Zeiten berichtet«, ergriff die Königin wieder das Wort. »So wisst ihr vielleicht schon von Mimirs Quell, der sich bis in den Urgrund des Riesenreiches erstreckt und an dessen Grund die Erde Gold gebiert.«
Die Kinder nickten.
»Am Golde scheiden sich die Geister. An ihm hängt Fluch und Segen. Menschen töten für Gold. Aber sein Glanz bannt auch Riesen und Asen und alle, die Yggdrasils Welten bevölkern. Hierher kam Alberich, Herr von Nibelheim, König der Swart-alfar, auf der Suche nach den Töchtern Erdas, die den Schatz bewachen. Er suchte kein Gold, nur eine Frau, die sein kaltes Lager teilen und ihm Söhne gebären sollte. Doch als die Hüterinnen des Schatzes ihn zurückwiesen, da schwor er, nie wieder ein Weib zu begehren, und brach damit den Bann, der auf dem Golde lag. Denn so hatten die Nornen beschlossen: Nur wer der Liebe entsagte, konnte dieses Gold in Besitz nehmen.