Laurion sah ihn mit einem schiefen Blick an.
»Ihr habt seine Namen gehört: Allvater, Heervater, Wanderer. Man nannte ihn auch Siegvater, aber das ist lange vorbei.«
»Er wirkt manchmal so zynisch, so unbeherrscht«, sagte Gunhild. »Woher kommt das?«
»Er hat viel hinnehmen müssen. Manches hat er trotz seiner Weisheit selbst verschuldet, aber an vielem tragen andere zumindest eine Mitschuld«, erwiderte Laurion, und seine Stimme klang traurig.
»Aber warum hat er keine Macht mehr?«, fragte Gunhild.
»Weil sein Speer zerbrach. All seine Macht war in dieser Waffe«, sagte Laurion. »Der Speer war die Macht, die nur er zu nutzen verstand, aber ohne ihn war er machtlos. Seitdem irrt er durch die Anderswelt und manchmal durch Midgard, aber er kann nur zuschauen und nur noch sehr, sehr wenig bewirken. Und dabei ist ihm seine Weisheit manchmal mehr im Weg, als er es sich eingestehen will. Erinnert euch an die Worte der Königin. Er hört nicht auf sein Herz, sondern nur auf seinen Verstand; doch manchmal liegt im Gefühl mehr Wahrheit als in der Weisheit selbst.«
Siggi sah Laurion an und versuchte den Sinn des Gehörten zu ergründen.
»Vielleicht«, sagte Laurion zu Siggi, »wirst du die Worte der Königin irgendwann begreifen.«
»Wie ist denn der Speer zerbrochen?«, wollte Gunhild wissen.
»Das ist eine alte Geschichte, die ich euch ein andermal erzählen werde«, sagte Laurion. »Jetzt müssen wir erst einmal weiter.«
»Bitte«, bettelte Siggi.
»Nein, es könnte sein, die Schwarzalben hören uns und könnten uns in einen Hinterhalt locken.«
»Ich glaube«, warf Wali, einer der Lios-alfar ein, »die Kinder sollten diese Geschichte hören. Sie ist lehrreich. Wir könnten spähen, um zu verhindern, dass die dunkle Brut uns vor der Zeit bemerkt.«
»Viele Späher werden hier ohnehin nicht sein, die meisten dürften um die Aufmarschgebiete der großen Heere herum unterwegs sein«, meinte Widar.
»Gut, geht! Ich werde ihnen erzählen, wie Walvater Odin seine Macht verlor«, gab Laurion sich geschlagen. »Auch wenn ich es nicht so gut vermag wie die Königin.«
Er ließ sich auf einen gewachsenen Felsblock nieder, und Siggi und Gunhild hockten sich zu ihm.
»Ihr habt von Fafnir gehört, der das Gold des Nibelungen gewann. Groß ist die Macht des Goldes, das aus dem Schoß der Erde kommt, und je länger Fafnir darüber brütete, umso mehr veränderte sich seine Gestalt, und er wurde zu einem mächtigen Drachen -«
»Fafnir!«, rief Siggi aus. »Das ist der Drache, den Siegfried getötet hat!«
Laurion hob überrascht die Brauen. »Du kennst die Geschichte?«
»Klar«, meinte Siggi. »Ich habe sogar die Oper gesehen.«
»Die Oper?«
»Aber ja!«
»Was ist das?«
»Da, wo die Leute die ganze Zeit singen.«
Laurion schien mit dieser Erklärung nicht sehr viel anfangen zu können; denn er runzelte die Stirn und sagte: »Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Es ist so eine Art Geschichte in Liedern. Wie ein Musical«, versuchte Gunhild zu erklären.
»Ah, ja.« Der Lios-alf wirkte immer noch nicht überzeugt, aber fuhr fort: »Was weißt du denn von der Geschichte?«
»Na, der Siegfried hatte ein Schwert, das hat ihm irgend so ein Zwerg geholfen zu schmieden, und damit hat er den Drachen erschlagen. Und dann hat er in dem Drachenblut gebadet und ist dann weitergeritten zu einem flammenden Berg, und da hat er eine Frau gefunden.«
Laurion lächelte. »So weit, so gut. Der Name des Zwerges war Regin -«
»Der ... der Bruder von Alberich?« Siggi hatte offensichtlich doch aufgepasst.
»Ja. In ihm schwelte seit langem der Hass, und er wollte sich den Schatz - und den Ring - selbst aneignen, um Herr der Swart-alfar zu werden. Doch sein Plan wurde durch Siegfried zunichte gemacht. Dieser aß unwissentlich von dem Herzen Fafnirs, worauf er die Sprache der Vögel verstand, welche ihn vor Regins Absichten warnten. Und so tötete er ihn, und so wurde der zweite Teil von Odins Fluch erfüllt: Erbe gegen Erbe.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Weißt du, wer Siegfried war?«
»Wie meinst du das?« Siggi war jetzt echt verwirrt.
»Wer seine Eltern waren, meine ich.«
»Nein ... eigentlich nicht.«
»Siegfrieds Vater hieß Siegmund, und er war der Sohn eines Mannes namens Wälse, eines alten, wolfgrauen Wanderers mit nur einem Auge, der einen Speer trug, welcher von Runen bedeckt war ...«
»Ich glaube, ich verstehe«, sagte Siggi.
»Auch Odin hatte seine Pläne. Solange der Ring nicht in seiner Hand war, war Asgard nicht sicher. Und um den Ring zu erlangen, brauchte er einen Helden, der den Drachen für ihn tötete; denn er fürchtete Alberichs Fluch. Und so zeugte er mit einer Frau aus dem Menschengeschlecht, das er selber erschaffen hatte, ein Kind.
Doch mit dem Helden Siegmund gebar sie seine Zwillingsschwester Sieglinde.
Eines Tages kehrten Wälse und sein Sohn von der Jagd zurück und fanden die Mutter tot, die Tochter entführt. Das dunkle Gezücht hatte dies getan und Menschen, die sie mit Waffen versehen und sich dienstbar gemacht hatten.
Als Geächtete mussten Siegmund und sein Vater fliehen und lebten jahrelang im Wald, wie Wölfe. Doch sie erschlugen viele ihrer Verfolger. Dann, eines Tages, wurde Siegmund auf der Flucht von seinem Vater getrennt. Von den Jägern gehetzt, fand er Zuflucht in einer Hütte. Dort fand er eine junge Frau, eine Waise, die einem üblen Mann namens Hunding unter Zwang anvermählt worden war. Und er lag ihr bei, und sie empfing ein Kind von ihm.
Diese junge Frau war niemand anders als seine Schwester, Sieglinde.«
»Du meinst, Bruder und Schwester? Ein Kind?« Siggi war entgeistert und warf einen Blick auf Gunhild, die knallrot geworden war. »Das geht doch gar nicht!«
»Es ist gegen das Gesetz der Natur«, sagte Laurion. »Aber das Schicksal war stärker, und es brachte so den größten Helden hervor, den die Welt je gesehen hat: Siegfried.
Doch Odin wusste, dass er seinem Sohn jetzt nicht mehr helfen durfte; denn seine Macht war auf das Gesetz der Natur gegründet. So befahl er einer seiner Walküren, Brunhild geheißen, von Walhall herabzusteigen und die beiden Geschwister zu töten.«
»Moment«, sagte Gunhild, die sich wieder gefasst hatte. »Das geht mir jetzt zu schnell. Was sind denn Walküren?«
»Blonde Frauen mit Blech-BHs«, grinste Siggi, der natürlich alles wieder mal besser wusste.
Laurion runzelte erneut die Stirn. »Mir scheint, die Geschichte ist unter den Menschen doch nicht so richtig überliefert worden.«
»Lass dich durch ihn nicht irritieren«, sagte Gunhild.
»Die Walküren waren Töchter Odins, die er mit Erda, der Erdmutter, gezeugt hatte - Kriegerinnen in seinen Diensten, welche die Geister der Gefallenen gen Walhall führten und die Lebenden im Kampf inspirierten.
Brunhild hatte Mitleid mit Sieglinde und warnte die beiden Geschwister vor Odins Absicht. Daraufhin stieg Odin selbst von Walhall herab und zerbrach Siegmunds Schwert, das er ihm selber geschmiedet hatte. Und so war Siegmund waffenlos, als Hunding kam, der Gatte seiner Schwester, um ihn zu töten.
Brunhild aber trug Sieglinde auf dem Rücken ihres Pferdes hinweg an einen unbekannten Ort, wo Regin sie sterbend fand, als sie ihren Sohn gebar. Und Regin nahm den kleinen Siegfried mit sich, zusammen mit den Bruchstücken von Siegmunds Schwert -«
»Wir müssen fort!« Einer der Lios-alfar, es war Yngwe, erkennbar an seinen weißblonden Haaren, war wie aus dem Nichts aufgetaucht. »Die Swart-alfar sind in der Nähe. Hört ihr es nicht?«
Die Kinder, die nur Ohren für Laurions Erzählung gehabt hatten, lauschten. Aus dem Fels drang dumpfer Trommelschlag herauf; er schien von allen Seiten zugleich zu kommen.
Laurion sprang auf. »Kommt! Ich werde euch die Geschichte von den Wälsungen ein andermal zu Ende erzählen müssen.«