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»Da ist was!«, rief er aufgeregt aus. »Da unten blinkt etwas!«

Siggi, der inzwischen auch aufgestanden war, beugte sich ebenfalls vorsichtig über den Rand. Er versuchte, Hagens ausgestrecktem Zeigefinger mit seinem Blick zu folgen, aber es gelang ihm nicht.

»Tut mir Leid«, sagte Siggi. »Ich seh nichts.«

»Du musst dich weiter vorbeugen«, sagte Hagen.

»Ich trau mich nicht«, gab Siggi kleinlaut zu.

»Und wenn ich dich festhalte?«, bot Hagen ihm freundlich an. »Dann kannst du nicht hinunterfallen.«

»Gut«, stimmte Siggi nach kurzem Zögern zu.

»Ich helfe dir, Hagen«, bot Gunhild an.

»Also gut, dann halten wir beide ihn fest«, meinte Hagen.

Siggi schob sich vorsichtig auf den Sims. Der Stein war rau und kantig unter seinen Beinen. Er starrte in die Tiefe. Angesichts der Schwärze, die sich unter ihm auftat, überkam ihn ein Schwindel, aber Gunhilds und Hagens Hände, die ihm an Schultern und Armen hielten, gaben ihm Sicherheit und Halt. Langsam beugte er sich vor.

»Ja, da unten ist was«, meldete er. »Ganz deutlich zu erkennen!«

Sie zogen Siggi zurück, der froh war, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, aber auch stolz, dass er es geschafft hatte, sich so weit über den Brunnen zu lehnen.

»Nun will ich auch mal!«, verkündete Gunhild. »Vielleicht kann ich erkennen, was es ist.«

Ohne fremde Hilfe schob sich das Mädchen langsam über den Rand. Sie veränderte ihre Lage mehrfach, um zu erkennen, was da unten blitzte. Ein paarmal rutschte sie noch auf dem Sims hin und her, aber das Ding entzog sich beharrlich ihren Blicken.

Da unten war etwas, aber es war einfach nicht rauszukriegen, was es war.

»Kann man nichts machen«, meinte Siggi entmutigt. »Kommt, lasst uns verschwinden.«

Er drehte sich um und wollte gehen, aber Hagen hatte sich schon wieder über den Brunnen gebeugt und äugte in die Tiefe des Schachtes. Das blitzende Ding in der Tiefe zog ihn wie magisch an.

»Nun komm schon!«

»Lass gut sein«, meinte auch Gunhild. »Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen können wir ja wiederkommen.«

Irgendetwas machte ihr Angst, und es gelang ihr nicht völlig, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Irgendetwas stimmte heute nicht, aber sie wusste nicht was. Und das beunruhigte sie.

»Nein!«, sagte Hagen bestimmt. »Ich will wissen, was da unten ist. Jetzt!« Seine Stimme hatte wieder diesen harten Klang. Hagen wandte sich um, während er sprach. Weder Gunhild noch Siggi konnten seine Miene deuten. Es war fast schon eine Grimasse. Gleich darauf veränderten sich seine Gesichtszüge, wurden wieder freundlich.

»Ich bin so furchtbar neugierig, und es wird nicht lange dauern, herauszufinden, was da unten zu finden ist«, sagte er milde und fast bittend.

»Und wie willst du das anstellen?«, fragte Gunhild. »Wir haben doch alles probiert.«

»Genau«, pflichtete Siggi ihr bei.

Hagen grinste, der Triumph stand ihm im Gesicht geschrieben. Er schien eine Idee zu haben, um an das blitzende Ding zu gelangen, die den anderen bislang nicht gekommen war.

»Seht her!«, verkündete er stolz. »Alles, was wir brauchen, hängt direkt vor uns.«

Bei diesen Worten griff er das Seil, und mit einigen schnellen Bewegungen hatte er eine Schlinge geknüpft. Wie eine Trophäe hielt er sie in die Höhe.

»Ich stelle meinen Fuß in die Schlinge, und ihr lasst mich hinunter. Dann werden wir bald wissen, was da unten blinkt.«

»Nein«, sagte Siggi bestimmt. »Das ist zu gefährlich. Das Seil ist uralt. Was ist, wenn es reißt? Und wenn du abrutschst? Keiner von uns weiß, wie tief das Wasser da unten ist. Vati macht uns die Hölle heiß ...«

»Er braucht es ja nicht zu erfahren«, meinte Hagen.

»Aber wenn wir dich nicht halten können oder du reinfällst ...«, versuchte Siggi einen weiteren Einwand.

»Es könnte gehen«, sagte Gunhild da zu ihrer eigenen Überraschung. »Klar, es könnte gehen. Hält denn der Knoten?«

»Klar hält der Knoten. Das ist ein Seemannsknoten. Mein Vater ist bei der Royal Navy, er hat ihn mir gezeigt. Und das Seil ist stark genug, seht doch selbst.« Hagens Stimme war voller Überzeugung. »Und je länger wir warten, desto mehr Zeit verschwenden wir. Wenn ihr mich gleich runterlasst, dann können wir hier schon bald verschwinden.«

»Also gut«, sagte Gunhild. »So machen wir's!« Siggi kannte den Tonfall nur zu gut. Wenn seine Schwester so sprach, hatte er keine Möglichkeit mehr, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Alle Blicke richteten sich auf ihn, und er wollte nicht kneifen. Nein, er durfte nicht kneifen. Er musste mitmachen, egal, ob ihm die Sache gefiel oder nicht. Das hier war die Nagelprobe für ihre Freundschaft und wenn er da nicht mitmachte, war alles kaputt, was sich in den letzten Stunden zu entwickeln begonnen hatte.

»Also gut«, sagte auch er. »Probieren wir's.« Damit war die Sache abgemacht. Siggi und Gunhild gingen an die Winde und warteten darauf, dass Hagen auf den Sims kletterte. Die Geschwister sahen sich an. Gunhild grinste. Sie liebte das Spiel mit dem Risiko. Das Mädchen erkannte die Zweifel im Blick ihres Bruders; sie wusste genau, dass er normalerweise zu vorsichtig war, um bei solchen Mutproben mitzumachen.

Wahrscheinlich war das blitzende Ding irgendein wertloser Kram wie der Ring einer Cola-Dose oder was immer irgendwelche versprengten Touristen in den Brunnen geworfen hatten. Aber der Spaß an solchen Abenteuern lag Gunhild im Blut, und oft hatten ihre Eltern - halb im Scherz, halb im Ernst - sich gefragt, wer denn nun der Junge in der Familie war, Siggi oder Gunhild.

»Wird schon schief gehen«, sagte sie aufmunternd zu ihrem Bruder.

Hagen war sehr schnell auf dem Sims. Er lugte in die Tiefe.

»So«, begann Hagen, »jetzt kommt der schwierige Teil. Haltet die Winde gut fest; stemmt euch richtig dagegen. Ich stelle mich in die Schlinge. Ihr müsst mich halten. Und dann ganz vorsichtig das Seil lockerlassen.«

»Gut«, sagte Gunhild. »Auf drei geht's los!«

»A one ...«, zählte Hagen.

Gunhild und Siggi griffen nach der Winde. Das Holz war gut zu packen und überhaupt nicht rau. Sie würden sie bei der ganzen Aktion zumindest keine Splitter in die Hände reißen und Hagen gefährden, weil sie durch den Schmerz die Winde losließen.

Eine Gefahr weniger, schoss es Siggi durch den Kopf.

»... a two ...«, sagte der Junge aus England völlig ruhig.

Die beiden Geschwister spannten die Muskeln an, stemmten ihre Fersen in die Erde und packten fester zu. Jetzt wurde es spannend. Hagen atmete noch mal tief durch; auch ihm schien die Sache nicht ganz geheuer zu sein, und für einen Moment überkam Siggi die wilde Hoffnung, ihr neuer Freund würde aufgeben. Aber er wurde enttäuscht.

»...a three«, zählte Hagen, und sein rechter Fuß trat in die Schlinge. Das Seil pendelte hin und her.

Gunhild und Siggi mussten sich mit aller Macht gegen die Winde stemmen, die den Gesetzen der Physik folgen und sich mit Macht drehen wollte, um das Gewicht am Ende des Seils in die Tiefe rauschen zu lassen.

»Wir haben dich«, presste Gunhild hervor. Hagen war, obwohl älter, einen halben Kopf kleiner als Siggi und wohl auch ein wenig leichter, aber irgendwie schien jedes Pfund, das er auf die Waage brachte, doppelt schwer zu wiegen. Siggi keuchte, aber er und seine Schwester hatten alles unter Kontrolle. Bis jetzt.

Das Seil war zur Ruhe gekommen und Hagen hing nun völlig ruhig über der Mitte des Schachts. Er sah in die Tiefe.

»Jetzt ganz langsam das Seil abrollen«, sagte er, den Blick immer noch nach unten gewandt. »Langsam, sehr langsam.«

Die Winde knirschte; sie war vielleicht mal gut geölt gewesen, aber durch das fehlende Dach war die Schmiere längst verdunstet oder vom Regen ausgewaschen worden. So hatten es die Geschwister beim Abrollen leichter, doch Hagens Gewicht zog arg an ihnen. Stück um Stück ließen sie das Seil nach, bis Hagen völlig im Brunnenschacht verschwunden war.