Der Speer des Schicksals
Hagen erlebte alles nur noch wie im Traum. Die kleinwüchsigen Frauen führten ihn durch die Halle des Königs. Die Umstehenden bildeten trotz des Tumults, der nach Alberichs Rede ausgebrochen war, eine Gasse, und ehrfurchtsvoll neigten die Swart-alfar ihre Köpfe, um ihm zu huldigen. Hagen begriff nur langsam, dass er gleichsam adoptiert worden war, zum Prinz der Schwarzalben erhoben von Alberich, dem König selbst.
Der Lärm und das Durcheinander drangen nur gedämpft an Hagens Ohren. Die Schwarzalbinnen führten ihn behutsam aus der Halle durch einige Gänge in einen kleinen Raum, der eine Mischung aus Rüstkammer und Nähstube bildete.
Willig ließ sich Hagen seine Kleidung abnehmen; kaum bemerkte er, dass ihn die Frauen neue Kleider anpassten. In ihm brodelte es. Nun hatte er die Gelegenheit, es Siegfried und seiner Schwester heimzuzahlen! Und es schien ihm, als würden ihm die Gedanken zugetragen, dass Alberich mächtiger war als die bleiche Brut, zu der Siggi bestimmt schon zählte.
Siggi hat mich im Stich gelassen, dachte der Junge. Dieser Bastard hat mich einfach im Stich gelassen.
Hat er, schien eine andere Stimme in ihm zu antworten.
Er hat mich bestohlen, einfach bestohlen.
Hat er, war die Antwort.
Ich bin von ihm verraten und verkauft worden.
Bist du, klang es wie ein Echo.
Ich will Rache! Hagens Innerstes war voller Grimm.
Die sollst du haben, war die einfache Feststellung der Stimme in Hagen, die ihm wie ein Schatten seiner eigenen Stimme antwortete.
Ohne dass es ihm bewusst war, steigerte er sich immer weiter in seine Wahnvorstellungen hinein. Für ihn war das Einzige, was noch zählte, die Rache, seine Vergeltung an Siggi und dessen nicht minder verachtenswerten Schwester Gunhild, die diesen Schwächling schützte - aber Hagen war nun stark genug, um es mit beiden aufzunehmen.
Der aufgestaute Zorn, der unterdrückte Hass auf die Geschwister brannte heiß in ihm. Hagen konnte es kaum noch erwarten, ihnen gegenüberzutreten, und dann würde sein Zorn auf Siggi und seine Schwester hereinbrechen wie ein Orkan. Er sah sich an der Seite Alberichs die Schwarzalben gegen die Lios-alfar führen, sah förmlich, wie das bleiche Gezücht Asgards zerschlagen wurde von der dunklen Flut der Swart-alfar.
»Herr?«, erreichte Hagen die Stimme einer Frau. »Herr!«
Hagen war, als tauche er aus einem tiefen Schacht empor. Er brauchte einen Moment, bis er erkannte, wo er war, so sehr hatten ihn seine Fantasien im Griff. Ihm war, als würde er aus einem Traum erwachen.
Als er an sich heruntersah, stellte er fest, dass er vollkommen neu gewandet war. Völlig willenlos hatte er sich von den dienstbaren Geistern ankleiden lassen, während er seinem Rachetraum nachgehangen und die Fantasien von Sieg und Macht ausgekostet hatte.
Seine Kleidung war schwarz, durchsetzt von silbernen Stickereien. Er trug einen weiten Umhang, der von einer silbernen Fibel gehalten wurde; sie zeigte eine gewaltige Schlange oder ein Seeungeheuer, das sich selbst in den Schwanz biss. An seiner linken Seite spürte er ein Gewicht. Seine Linke tastete danach, und er bekam den Knauf eines mehr als einen halben Meter langen Schwertes zu fassen, der kalt in seiner Faust ruhte.
Ein seltsames Gefühl beschlich Hagen, als er das kalte Metall fühlte. Er griff mit der Rechten danach und zog das Schwert blank. Die Klinge glitt mit Leichtigkeit aus der gefütterten, mit feinen Silberarbeiten verzierten Scheide.
Die Schwarzalbinnen traten einige Schritte zurück, senkten den Blick und warteten ab, was Hagen tun würde.
Ein prickelndes Gefühl ungeheurer Macht durchlief Hagen, dass er unwillkürlich erschauerte. Ihm war, als wäre er mit der Waffe in der Hand geboren, als wäre er dazu bestimmt, dieses Schwert zum Ruhme Alberichs und der Swart-alfar zu führen. Und natürlich zu seinem eigenen.
Probehalber ließ er die Klinge einige Male durch die Luft sausen. Obwohl er das Gewicht des Metalls deutlich spürte, schien es doch so leicht wie eine Feder zu sein. Das Heft schmiegte sich in seine Hand, als habe der Schmied, der diese wundervolle Waffe einst schuf, bei ihm Maß genommen, als habe dem Meister des edlen Schmiedehandwerks seine Hand als Modell gedient.
Ein kaltes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, das all die Gefühle wiedergab, die in ihm tobten.
»Ich komme, Siggi«, murmelte er mehr zu sich selbst.
»Wohl gesprochen!«, erklang hinter Hagen eine Stimme, die ihm so vertraut war, als hätte er sie sein Leben lang gehört.
Hagen wandte sich um. Er sah Alberich direkt in die Augen, ging förmlich auf in dem wilden Blick des Herrn der Swart-alfar, und die Macht des Königs, der ihn an Sohnes statt angenommen hatte, ließ in ihm eine verwandte Saite anklingen. Ja, für ihn war Alberich mehr als ein Vater; denn der Herr der Schwarzalben hatte ihn sofort verstanden, hatte einen Blick in sein Herz geworfen, und ihn besser erkannt, als jeder Mensch es vermocht hätte.
»Komm, mein Sohn«, forderte Alberich ihn auf. »Es ist an der Zeit, in die Thronhalle zurückzugehen.«
Mîm trat vor. Er verneigte sich kurz vor Hagen.
»Mîm wird deine Schildwache sein«, gab ihm der König zu verstehen. »Er wird dir dienen und dich im Kampf beschirmen, auf dass wir beide noch lange in der Anderswelt herrschen mögen - nachdem wir dem bleichen Gezücht und ihrer Königin gegeben haben, was ihnen gebührt.«
Um die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen, hob Alberich seine mächtige Streitaxt. Das Eisen des Stiels war nachtschwarz. Das breite geschwungene Blatt schimmerte mattsilbern im fahlen Licht der Rüstkammer. Eine Wunde von dieser Waffe musste tödlich sein. Alberich hängte die Axt an seinen breiten Gurt.
»Ich bin bereit, Meister«, antwortete Hagen und salutierte mit dem Schwert, ehe er es in die Scheide zurücksteckte.
»Bitte, Hagen«, begann Alberich, »ich sehe in dir einen Sohn, und so erweise mir bitte die Ehre und nenne mich Vater. Wir sind, wenn nicht von gleichem Blut, so doch eines Geistes - des Geistes, der nach Rache und Vergeltung an Dieben und Verrätern schreit.«
»Ich bin bereit, Vater«, wiederholte Hagen und sah dem Herrn der Swart-alfar ins Gesicht. Für einen Moment schien es, als spiegele sich darin eine lang entbehrte Freude. Aber der Eindruck war schnell wieder vorbei, und das Feuer des Hasses, des Zorns und der unbefriedigten Rache kehrte in Alberichs Augen zurück.
Aber Hagen hatte den Moment des Erkennens bemerkt, der ihm gegolten hatte. Sein leiblicher Vater hatte ihn nie mit einem solchen Blick angesehen. Wenn Hagen es recht bedachte, war der Blick seines Vaters eher von Missachtung und Gleichgültigkeit geprägt gewesen. Selbst Siggi wurde von seinen Eltern geliebt, aber die würden ihren kleinen blonden Wunderknaben nicht mehr wiedersehen.
Hagen hatte seinen wahren Vater gefunden, einen, der ihn und seine Gefühle verstand.
»Komm, Sohn«, sagte Alberich nur. »Folge mir in die Halle.«
Hagen lächelte. Stolz brandete in ihm auf. Nun würde alle neidisch auf ihn sein. Und niemand würde ihm je wieder etwas wegnehmen können.
So machten sich der König der Swart-alfar und sein neuer Sohn auf den Weg aus der Rüstkammer zurück in die Halle. Mîm folgte ihnen auf dem Fuße. Die Frauen blieben zurück.
Ihre Blicke folgten dem König, und in den Augen der Frauen standen die widersprüchlichsten Gefühle: Stolz, Ehrfurcht und Zorn, aber auch Trauer, Angst und Mitgefühl. Sicher waren die Frauen stolz darauf, ihre Söhne und Männer in Kampf gegen das bleiche Gezücht Asgards ziehen zu sehen, aber auf der anderen Seite würden manche vielleicht aus diesem Kampf nicht zurückkehren, würden tot auf dem Schlachtfeld zurückbleiben. Frauen würden zu Witwen werden, Kinder zu Waisen. Das galt auch für die Lios-alfar, und so sehr die Frauen auch hassten, ein Rest von Mitgefühl mit ihren bleichen Schwestern auf der anderen Seite blieb bestehen.