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Und dann gab es da immer noch die Legenden von der letzten Schlacht, welche die Anderswelt auslöschen, vernichten würde ...

Die Skalden sangen in ihren Liedern von diesem letzten großen Gefecht, bei dem das Feuer Muspelheims durch die Höhlen und Dome rasen würden, der Tod reichliche Ernte hielt und Mann, Frau und Kind durch die Hiebe von Äxten oder Schwertern fielen oder vom Feuersturm ins ewige Nichts gerissen wurde.

Und hatte der König nicht den Ruf nach der letzten Schlacht ausgestoßen? War er sicher, dass er damit meinte, dass das bleiche Gezücht zu besiegen und in das Joch zu zwingen wäre? Konnte diese letzte große Schlacht überhaupt einen Sieger haben? Die Zweifel wuchsen, und die Furcht blieb.

Kam das Ende der Anderswelt? War Ragnarök da? Ragnarök - der Weltuntergang!

Die Frauen kannten die Antwort nicht, aber es war eine besondere Nacht, und Legenden waren auferstanden, die in Gestalt eines Midgard-Knaben unter ihnen wandelten. So war es auch bei der bleichen Brut; auch sie hatten ihre Helden gefunden. Waren das nicht Vorzeichen genug?

Doch der König hatte gesprochen. Er wollte die Schlacht, und das Volk würde ihm folgen, ob zum Guten oder Bösen ...

Weder Alberich noch Hagen sahen die Zweifel in den Augen der Frauen. Ihr Ziel war die große Königshalle. Im Gleichschritt gingen der König der Swart-alfar und sein Prinz. Mîm folgte ihnen dichtauf.

Der junge Krieger hatte die Blicke der Frauen gesehen, aber er verstand nicht, was in den Augen zu lesen war. In ihm brannte die Lust zu kämpfen, seinem und dem Namen seines Königs Ehre zu machen. Es war die Vorfreude, von der bleichen Brut den Blutzoll zu fordern; denn sie hatten in den unzähligen Scharmützeln in den Tiefen der Anderswelt das Leben vieler seiner Kameraden genommen. Das machte den jungen Krieger blind für die Gefühle der Frauen, und so sah Mîm auch seine eigenen Ängste nicht, die er tief in seinem Innern hegte.

Hagen fühlte sich so frei wie noch nie zuvor in seinem Leben. Den Weg zurück zur Halle nahm er bewusst wahr, versuchte jede Sekunde davon in sich aufzunehmen, sich keinen Moment entgehen zu lassen, um die Huldigung des Volkes noch mehr genießen zu können.

»Vater?« Hagen wandte sich an Alberich, der hoch aufgerichtet neben dem Jungen ging. »Vater, werde ich im Kampf gegen Siggi, den Ringdieb, bestehen?«

»Du hast ihn schon einmal besiegt, mein Sohn«, entgegnete Alberich, und sein Blick war tief und unergründlich.

»Aber das war nicht ich ... Das war - ein anderer«, wandte Hagen ein.

»Alles wiederholt sich im ewigen Kreislauf. Die Nornen weben unsere Schicksalsfäden, deinen ebenso wie meinen. Es kann kein Zufall sein, dass Siegfried und du jetzt und hier erschienen seid.«

»Aber ...«, doch Hagen konnte seinen Gedanken nicht mehr formulieren, weil ein Swart-alf in blinkender schwarzer Rüstung herantrat.

»Meister«, wandte sich dieser mit dringlichem Unterton in der Stimme an Alberich, den König der Schwarzalben. »Eure Heerführer bedürfen dringend Eures Rates.«

Alberich nickte nur.

»Warte hier, Hagen«, sagte er nur. »Und lass dir in der Zeit von Mîm erzählen, welche Heldentat von dir oder«, fügte er lächelnd hinzu, »von meinem anderen Sohn Hagen vollbracht wurde.«

Hagen wäre lieber mitgegangen und fragte sich, ob es irgendeinen Grund geben mochte, weshalb sein neuer Vater ihn nicht dabeihaben wollten. Aber Alberich musste dies sogleich erkannt haben, und noch bevor der Junge irgendwelche Einwände formulieren konnte, fühlte er die Hand des Herrn der Swart-alfar auf der Schulter. Tief sah Alberich ihm in die Augen.

»Für dich ist es wichtiger, diese Geschichte zu hören, als irgendwelche Fragen des Aufmarsches unserer Krieger und Kämpfer zu beurteilen. So wie ich es sehe«, sprach Alberich, »ist unser beider Platz nicht im Schlachtgetümmel; wir haben einen anderen Kampf zu kämpfen. Und du brauchst Wissen, um diesen Kampf zu bestehen. Mîm wird dir alles erklären.«

Mîm nickte knapp. Zusammen mit Hagen sah er Alberich nach, der dem Krieger folgte und nach wenigen Schritten irgendwo im Labyrinth der Gänge verschwand.

Mîm wandte sich ernst an Hagen.

»Dies ist die tragische Geschichte unseres Volkes«, begann er, »welches das erste war, das auf Erden geboren wurde. Aus Orgelmir gingen wir hervor, den Odin und seine Brüder ohne Grund töteten und zerhackten; Fleisch vom Fleisch der Erde sind wir, und darum ist uns Macht über alle irdischen Dinge gegeben, über Stein und Eisen, Feuer und Wasser, Silber - und Gold.

Doch die Asen, die in ihrer Arroganz von den luftigen Höhen Asgards auf uns niederblickten, neideten uns das Gold, das wir aus dem Leib der Erde bargen und aus dem wir Dinge schufen, die sie niemals hätten vollbringen können: Brisingamen, das Band der neun Welten, und den Einen Ring, der Macht über alle Dinge besitzt.

Vor allem Odin, der danach strebte, alles zu beherrschen, sah in uns eine Gefahr für seine Pläne. Und so nahm er uns das Gold, durch Betrug und Gewalt, um einen Eid nicht einlösen zu müssen, den er geschworen hatte. Doch den Ring, den er begehrte, musste er gleichfalls mit zu dem Schatz werfen, und dass dieser Ring der Macht nicht an seiner Hand war, fraß an ihm wie eine schwärende Wunde.

Doch niemand, der unter dem Gesetz der Natur geboren war, konnte den Regeln zuwiderhandeln, die Odin selber aufgestellt hatte - für alle, die er unter die Macht seines Speeres zwang, aber zugleich auch für sich selbst.

Darum ging Odin hin und zeugte mit einem Menschenweib ein Zwillingspaar, deren Kind seinen Plan erfüllen sollte.

Alberich, unser Meister, der Odin beobachtete, versuchte, diesen Plan zu vereiteln. Aber die Menschen, tapfere Krieger, die er aussandte, trafen Vater und Sohn nicht an. Sie töteten das Weib und schleppten die Tochter fort. Aber Odin gelang es mit Winkelzügen, die beiden Geschwister dennoch zusammenzubringen, und ein Erbe wurde gezeugt: Siegfried.

Aus Angst vor den Folgen, die sein Eingreifen für ihn selbst haben könnte, verriet Odin seinen eigenen Sohn; dafür stellte sich Siegfried, nachdem er das Gold und den Ring errungen hatte, gegen ihn und tat, was sonst keiner hätte vollbringen können: Er zerbrach Odins Speer.

Doch auch Alberich hatte in weiser Voraussicht einen Sohn gezeugt. Er sollte die Rache an den Weisungen, Odins Brut, vollenden.

Sein Name war Hagen.«

»Hagen ... war Alberichs Sohn?«, konnte Hagen sich nicht enthalten zu fragen.

»Nach außen hin galt er als Sohn des Königshauses der Burgunden, doch kein menschlicher Vater hatte ihn gezeugt. Alberichs leiblicher Sohn war er und sein Erbe, zu dem er nun dich erkoren hat. Die Geschichte malt ihn immer in den düstersten Farben, doch er war seinem Vater treu und seinem Auftrag, das Gold und den Ring wieder in den Besitz der Nibelungen zu bringen.

An den Hof der Burgunden kam Siegfried, als strahlender Held, nachdem er Brunhild, Odins Walküre, befreit hatte, die einst seine Mutter gerettet hatte und dafür von dem Einäugigen aus Rache in einen Zauberschlaf versenkt worden war. Doch sobald er die schöne Gudrun, die Schwester des Burgundenkönigs erblickte, verschwendete er keinen Gedanken mehr an seine erste Liebe. Ja, er half dem König sogar, Brunhild für sich zu gewinnen, obwohl er ihr die Ehe versprochen hatte. Mit dem Ring der Macht, der ihn unsichtbar machte, half er ihm, die Walküre im Kampf zu besiegen, doch dann, als er bei Nacht an seiner statt zu ihr ging, gab er ihr den Ring als Zeichen seiner Treue. Darüber kam es zum Streit zwischen den beiden Frauen, und Gudrun bat Hagen, ihre Ehre zu rächen, und so tötete er Siegfried an Mimirs Brunnen mit dem Speer. Und so vollendete sich der Fluch Odins.

Den Schatz aber, der nun Gudrun als Siegfrieds Erbin gehörte, versenkte er in den Tiefen des Rheins, und keiner hat ihn je mehr gesehen. Doch Gudrun hat diese Schmach nie verwunden, und darum führte sie Hagen, ja, ihre ganze Sippe, an den Hof des Hunnenkönigs, den sie geehelicht hatte, und durch ihren Verrat ging das ganze Geschlecht der Burgunden dahin.«