»Aber diese Feindschaft muss doch einen Grund haben?«, ließ Gunhild sich nicht abspeisen.
»Wir kamen hierhin«, zischte Yngwe, »nachdem unsere Hoffnungen zerstört waren - zerstört durch Hagen, Alberichs Sohn, der Siegfried, den letzten Helden aus Odins Geschlecht, heimtückisch gemeuchelt hatte. Hätten wir seine Kraft besessen, hätten wir vielleicht noch alles zum Besseren wenden können. So aber verging Walhall, und wir, die wir auf Asgards lichten Höhen thronten, mussten als Flüchtlinge über die Welt ziehen. Ja«, fuhr er fort, »wir waren Asen einst. Zu Alben sind wir geworden, Geschöpfen des Zwielichts.«
»Aber wo sind die großen Götter geblieben?«, fragte Gunhild. »Thor und Loki und wie sie alle hießen?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Yngwe. »Nur Freya war bei uns, und von ihren goldenen Äpfeln ernährten wir uns, doch auch sie besaßen nicht mehr die Kraft von einst. Und als wir, von den Menschen vertrieben, eine letzte Zuflucht suchten, da kam der Graue - machtlos, kraftlos, alt geworden -, und er zeigte uns den Weg in die unterirdischen Reiche der Anderswelt.
Doch da war Alberich. Und obwohl Raum genug gewesen wäre für uns alle, verwehrte er uns den Zutritt. Jeden Fußbreit Bodens haben wir uns seitdem erkämpfen müssen, gegen dieses ... dieses Gezücht.
Sie kennen keine Liebe, verstehst du, weder zu Menschen noch zu Dingen. Alles ist für sie nur ein Mittel zum Zweck. Sieh sie doch nur an, schwarz, hässlich wie die Nacht, ohne Sinn für Schönheit. Wir dagegen, wir sind zu Höherem geboren, eine überlegene Rasse, golden, mit Augen von der Farbe des Himmels. Es ist unser natürliches Recht. Und darum gibt es ewige Feindschaft mit den Geschöpfen der Nacht.«
Gunhild schüttelte den Kopf. »So was hat es bei den Menschen auch schon gegeben. Man nannte sie Nazis. Sie glaubten auch, dass die Blonden und Blauäugigen allen überlegen wären.«
»Und wie ist es geendet?«
»Mit Krieg und Zerstörung.«
»Dann will ich auch Krieg und Zerstörung haben, wenn es nicht anders geht. Lieber Ragnarök, als im Dunkeln zu verdämmern. Dann will ich mit unserer Königin kämpfend untergehen!«
Gunhild sagte nichts mehr, aber sie war erschüttert ob des tiefen Hasses, der hier herrschte. Mit den Fingern berührte sie das goldene Halsband, das sie trug. Das Halsband der Freya! Nun verstand sie ein wenig mehr, wie viel es den Lios-alfar bedeutete. Doch warum die Göttin es ausgerechnet ihr umgelegt hatte, blieb ihr ein Rätsel.
Sie waren unterdessen immer weiter gegangen. Von ihren Spähern war während Yngwes Erzählung nichts zu sehen gewesen.
Laurion hielt an und wandte sich um. »Wir erreichen nun bald das Gebiet der finsteren Brut«, erklärte er leise. »Seht euch um, das sind die Grenzmarken von Alberichs Reich.«
Siggi konnte erste Spuren der Schwarzalben erkennen. Von den Gängen zweigten hier und da Kammern ab, die aus dem harten Felsen getrieben worden waren. Es wurde deutlich, dass der Fels immer mehr durch Werkzeuge gezeichnet war, wo die Swart-alfar versucht hatten, das Gestein nach ihren Willen zu formen, viel stärker, als dies die Lios-alfar gemacht hätten, die zurückhaltender waren, wenn es darum ging, die natürliche Gestalt ihrer Höhlen zu verändern. Sie erfreuten sich eher an gewachsenen Felsformationen, und griffen mit ihren Werkzeugen nur da ein, wo es die Notwendigkeit erforderte oder wo es galt, die natürlichen Formen des Felsens zu unterstreichen. Aber hier gingen die Wege geradewegs durch das gewachsene Gestein.
»Ab jetzt«, flüsterte Laurion zu den Kindern, »heißt es vorsichtig sein; denn die Brut hat ihr Gebiet mit Fallen gesichert. Haltet euch dicht hinter mir, und macht, was ich mache. Yngwe wird ein Stück hinter uns bleiben, um uns den Rücken frei zu halten.«
Siggi nickte. Ihn erfüllte ein Selbstvertrauen, das er bisher nicht gekannt hatte. Es war, als regte sich in seinem Innern eine Kraft, von der er selbst nicht gewusst hatte, dass sie in ihm schlummerte. War es nur der Ring oder der Hammer, der ihn so veränderte, fragte er sich. Aber eines wusste er schon jetzt: Ganz gleich, was geschah, er würde nicht mehr derselbe sein, wenn sie nach Hause zurückkehrten. Wenn ...
»Was für Fallen?«, fragte Gunhild, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
»Nun«, sagte Laurion, »Fallen, wie sie sich nur das hinterlistige Hirn der Swart-alfar auszudenken vermag: Falltüren, aus der Wand schnellende Speere, todbringende Steinlawinen, die von der Decke donnern, und vieles mehr. Man kann sie erkennen, aber das Auge muss sehr geübt sein, um sie zu sehen. Also, folgt mir einfach«, sagte Laurion.
Langsam gingen sie weiter, zu dritt, während ihr Begleiter hinter ihnen mit der Dunkelheit verschmolz. Weder Gunhild noch Siggi wagten es, Laurion zu stören, dessen Haltung völlige Konzentration ausdrückte. Der Lichtalbe zögerte selten, doch manchmal gingen sie regelrecht im Zickzack.
Siggi fragte sich, was Laurion in diesen Augenblicken wohl sehen mochte, denn ihm fiel eigentlich nichts auf, nicht mal der Fels schien heller oder dunkler als die Umgebung zu sein. Nichts deutete darauf hin, das dort eine Falle war.
»Ganz vorsichtig«, flüsterte Laurion. »Seht hier«, und er wies auf den Felsboden des Ganges, den sie gerade durchquerten. »Eine Falltür!«
»Wo?«, fragte Siggi.
»Schau genau hin. Du siehst den Riss, der diesen kleinen Schatten wirft?«
»Nein«, war der Junge ehrlich. »Ich sehe nichts.«
»Komm mal einen Schritt vor«, meinte Laurion, und Siggi ging näher heran, setzte einen Fuß vorsichtig vor den anderen. Dabei verursachte er kaum ein Geräusch; die weichen Stiefel dämpften jeden Tritt. Es waren die Stiefel von Spähern, nicht die genagelten der Krieger, deren Schritte weit hallten.
Er beugte sich herunter, und als er mit dem Gesicht nur noch eine Handspanne vom Boden entfernt war, konnte er einen feinen Haarriss im grauen Felsen erkennen. Ansonsten war nichts von einer Falltür zu sehen, denn die Platte, welche die Grube verdeckte, passte genau zur Umgebung.
»Was ist unter der Falltür?«, wollte Gunhild wissen, die sich ebenfalls gebückt hatte.
»Meistens fällt man etwa vier oder fünf Schritt in die Tiefe, und unten warten dann vergiftete Speere, Felsnadeln oder noch Schlimmeres auf das Opfer«, erklärte der Alb mit finsterer Miene.
Weder Siggi noch Gunhild wollten wissen, was es denn noch Schlimmeres außer Felsnadeln und vergifteten Speerspitzen gab. Sie sahen sich an, und langsam schlich sich wieder die Furcht in ihre Glieder.
»Kommt!«, sagte Laurion, und seine Stimme klang, als befehle er seinen Kriegern. »Wir müssen weiter.«
Siggi und Gunhild folgten ihm eng beieinander fast auf dem Fuße, und fühlten sich seltsam hilflos, wenn Laurion wieder einmal einer Falle auswich, die sie nicht sehen, ja nicht einmal ahnen konnten.
»Ist es noch weit, bis wir die Fallen hinter uns haben?«, fragte Siggi, als Laurion für einen kurzen Moment innehielt.
»Euch wird es wahrscheinlich weiter vorkommen, als es ist, aber ein gutes Stück liegt noch vor uns«, antwortete Laurion.
Und weiter ging es in die Ungewissheit hinein. Schließlich erreichten sie einen abschüssigen Gang, und Siggi bemerkte, dass links und rechts keine Abzweigungen mehr abgingen. Aber das war nichts Ungewöhnliches; es war schon öfter vorgekommen, dass für eine bestimmte Wegstrecke das Labyrinth von Stollen einfach aufhörte. Der Gang hatte einen Durchmesser von fast vier Metern. Er war breiter als viele, durch die sie bislang gekommen waren. Dennoch beschlich ihn ein mulmiges Gefühl.
Ob Hagen ... Der Gedanke war so plötzlich da, dass Siggi sich wunderte, nicht früher an den Freund gedacht zu haben.
»Kann Hagen auf solche Fallen getroffen sein?«, fragte er Laurion.
»Nein, da, wo wir euch gefunden haben, gibt es dergleichen nicht. Da muss die dunkle Brut immer damit rechnen, von uns gestört zu werden. Ich gehe davon aus, dass euer Freund so sicher ist, wie man in den Händen der Finsteren nur sein kann.« Laurion war stehen geblieben und hatte sich ihm zugewandt.