Siggi lehnte sich an die Wand und erwiderte den Blick. Er wollte noch etwas sagen, als ein leises Klicken zu hören war. Laurions Blick fiel auf die Wand, und für einen Moment glaubte Siggi Entsetzen in den Augen des Lichtalben aufflackern zu sehen.
»Ich glaube, wir sollten machen, dass wir hier wegkommen«, meinte der junge Krieger.
Gut zwanzig Meter hinter ihnen klickte es lauter und in immer kürzeren Abständen, als würde eine Maschine in Gang gesetzt.
»Was ist los?«, fragte Siggi, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.
Laurion rannte mit leichten Schritten voran. »Lauft einfach!«, war seine einzige Antwort.
Plötzlich verstummte das Klicken, und es war totenstill; man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Siggi glaubte schon, es wäre vorbei, da zerriss ein ohrenbetäubender Krach die Stille, kurz darauf hörte man ein Rumpeln und das Knirschen von Fels auf Fels.
»Was ist das?«, rief Gunhild schrill.
»Rennt!« Yngwe kam aus der Dunkelheit gestürzt. »Rennt um euer Leben!« Hagen schreckte auf. Ein Klopfen an der Tür hatte ihn aus seinem Halbschlaf gerissen, der nur Augenblicke gedauert haben konnte. Ein Blick in die Augen Alberichs sagte ihm, das sein Dösen nicht unbemerkt geblieben war, aber er konnte keinen Vorwurf in den Augen des Königs sehen.
»Bist du wieder wach?«, fragte er nur.
»Ich war nur einen Moment eingenickt«, sagte Hagen. Muss der Met gewesen sein, dachte er.
»Herein!«, rief Alberich. Der Herr der Swart-alfar war offensichtlich nicht begeistert von der Störung.
Die Tür ging auf, und ein Diener trat ein. Er verbeugte sich.
»Der Graue wünscht euch zu sprechen, Meister«, begann der Swart-alf. »Es gibt wichtige Gründe, sagt er.«
»Es gibt immer wichtige Gründe, wenn das alte Einauge mich sprechen will. Und nicht immer sind seine Anliegen meine Anliegen; aber bitte, lasst ihn ein«, sagte Alberich in einem seltsam herablassenden Ton.
Hagens Haltung hatte sich gespannt, als Alberich etwas von ›Einauge‹ sagte. Sollte das etwa, schoss es ihm durch den Kopf, der sein, der uns in die Höhlen geführt hat?
Sein Verdacht bestätigte sich, kaum dass der Herr der Swart-alfar zu Ende geredet hatte. Der alte Mann mit dem einen Auge, der ihr Führer in die Anderswelt gewesen war, trat durch die Tür in das Zimmer.
Hagen besah ihn sich genauer. Konnte er nach all seinen Erlebnissen noch daran zweifeln, wen er hier vor sich hatte?
Der Graue wirkte erschöpft und abgekämpft. Sein Gesicht, das Hagen als das eines eindrucksvollen, wenngleich etwas müden alten Herrn in Erinnerung hatte, glich nun einer wächsernen Maske. Nur das geschlossene Auge zuckte. Der graue Mantel wehte um seine Schultern, aber Hagen sah jetzt, dass auch er fadenscheinig und an den Nähten ausgefranst war.
In diesem Moment flogen die Raben durch die offene Tür und setzten sich auf die Lehnen eines der nicht besetzten Stühle. Hagen konnte nun auch die Tiere zum ersten Mal bei Licht betrachten. Sie waren gewiss einst prächtige Exemplare ihrer Art gewesen. Doch ihr schwarzes Gefieder wirkte stumpf und zerrupft und hatte nichts von jenem bläulichen Unterton, der Federn so herrlich schimmern ließ.
»Was ist, Einauge?«, fragte Alberich. »Welcher wichtige Anlass führt dich hierher. Sonst meidest du uns doch eher?«
»Das hat er über uns gesagt, Vater. Man sollte Ymirs Gezücht meiden ...«, sagte Hagen.
Aber er wurde von Alberich sanft unterbrochen. »Das sagt er jedem, doch es kommen immer wieder Zeiten, da lenkt Herr Odin seine Schritte in mein finsteres Reich. Und wir haben uns schon immer kleine Freundlichkeiten an den Kopf geworfen. Lass also gut sein, mein Sohn«, beruhigte ihn Alberich, und Hagen spürte förmlich den Hohn, der gegen den Alten gerichtet war. Er wusste, mit solcher Geringschätzung sprach nur ein Mächtiger, und es machte ihn stolz, dass er an dessen Seite stand.
» ›Uns‹ sagt der Knabe? Und du nennst ihn ›mein Sohn‹?« Das eine Auge fixierte Hagen; der Alte schien verwirrt.
»Wir sind einen Geistes, Ase. Der Junge ist der Prinz der Swart-alfar, wenn auch nicht von meinem Blut, so doch von meinem Geist.«
»Ja«, wollte Hagen einwerfen. »Als wir in die Höhle kamen, da ...«
»Seine Freunde und er haben sich zerstritten; die kleinen Kröten haben Hagen hier im Stich gelassen, als es zu - na, sagen wir - Missverständnissen mit meinen Kriegern kam«, fiel Alberich ihm ins Wort.
Der Junge begriff; der Alte sollte nichts von dem Ring wissen. Es war zu vermuten, dass Siggi seinen Schatz weiter vor allen verborgen hielt. Und darauf spekulierte wohl auch Alberich.
»Wie dem auch sei«, sagte Odin, wohl mehr zu sich selbst, um sich dann wieder an den König der Schwarzalben zu wenden: »Ich komme, um Eure Hilfe zu erbitten.«
»Siehst du, mein Sohn«, höhnte Alberich. »Das meinte ich. Immer wenn einer der Asen Schwierigkeiten hat, kommt er, um sich an Ymirs Brut zu wenden, die sie sonst als niederes Volk verachten. Was ist es diesmal, Walvater?« Die Augen des Herrn der Swart-alfar schienen vor Spott zu sprühen, und um seine Lippen hing ein spöttisches Lächeln.
Erst jetzt, als Odin das Bündel hob, das er in den Händen hielt, fiel Hagen auf, dass der Alte offensichtlich etwas mitgebracht hatte. Es war ein längliches Objekt, das in ein dunkles Tuch gewickelt war. Das Gesicht des Grauen ließ nicht erkennen, wie er Alberichs Worte aufgenommen hatte; aber was Hagen in der Miene des Alten sehen konnte, war eine schmerzliche Erinnerung und eine wilde Hoffnung.
»Höre, Alberich!« Die Stimme Odins nahm einen feierlichen Klang an. »Ich bin hinabgestiegen zu vergessenen Stätten und Orten, die selbst aus deiner Erinnerung längst getilgt sind. Mein Weg war lang und gefährlich. An einem dieser Orte verwahrte ich etwas, das einst das Symbol meiner Macht war. Das Schicksal hat es zerstört, doch nun naht die Zeit, da die Nornen mir vielleicht eine Möglichkeit geben, die Geschichte zu wenden.«
»Hört, hört«, spottete Alberich. »Und was habe ich dabei zu tun? Ich, der ich nicht würdig bin, deine Stiefel zu lecken ...«
Odin schien Alberichs beißenden Hohn zu überhören und verzog keine Miene.
»Das hier«, und mit diesen Worten schlug Odin das Tuch zurück, »ist der Speer des Schicksals, Symbol meiner Macht. Einst wurde er zerschlagen, doch nun ist die Zeit gekommen, ihn wieder zusammenzufügen.«
Hagen konnte sehen, wie Odin die Bruchstücke hochhielt. Die Spitze war aus Metall gefertigt, der Schaftstücke aber bestanden aus einem dunklem Material, das fast schwarz war und wie Eisen schimmerte, doch konnte man im Licht deutlich eine holzartige Maserung erkennen. In die Stücke waren Zeichen eingeritzt, seltsam eckige Buchstaben, bräunlich rot wie von altem, eingetrockneten Blut. Sie erinnerten Hagen an die Kratzspuren, die er am Brunnen entdeckt hatte. Mimirs Brunnen. Damit hatte alles angefangen ...
»Und was gibst du mir dafür?«, fragte Alberich. »Was ist mein Lohn, wenn ich dir helfe?«
Der Spott war aus seiner Stimme gewichen, und Hagen konnte nicht sagen, ob der Anblick des Speers oder die Aussicht auf eine Belohnung der Grund dafür war. Er verstand zu wenig von dem, was der Alte und sein neugewonnener Vater zu besprechen hatten; darum schwieg er lieber.
»Ich biete dir ein wertvolles Kleinod«, bei diesen Worten krampfte sich Hagens Herz zusammen, und er stellte sich die Frage, ob Odin, damit den Ring meinte, »das Einzige, was noch aus jenem Hort verblieben ist, um den sich Götter und Menschen entzweiten.
Ist der Ring auch verloren«, fuhr er fort, und Hagen schluckte unmerklich, »so ist doch eines geblieben, an dem kein Fluch hängt: Brisingamen, das Halsband der Freya.«
Hagen atmete auf. So wusste der Einäugige also nichts von dem Ring, den er aus dem Brunnen geholt und den Siggi ihm gestohlen hatte. Wie gut, dass sie dem Alten nie davon erzählt hatten!