»Ein trefflicher Lohn für diese Arbeit«, entgegnete der König der Swart-alfar, »aber ich befürchte, ich kann ihn mir nicht verdienen, Einauge ...«
»Warum nicht?«, unterbrach ihn Odin. »Wieso kannst du den Speer nicht neu schmieden? Du bist ein Meister dieser Kunst.«
»Weil es nicht geht«, war Alberichs lapidare Antwort.
»O doch, es geht«, verkündete Odin. »Das Holz der Weltenesche Yggdrasil ist zwar unendlich hart, aber die Feuer Muspelheims sind heiß genug, dass sich die beiden Hälften wieder zu einem Ganzen vereinen. Der Speer kann neu geschmiedet werden!«
Odin hatte hitzig gesprochen, seine Stimme hatte einen Hall gewonnen, dessen Echo nur langsam verebbte. Sein heiles Auge flammte förmlich; die Erschöpfung, die Hagen erst im Blick und an der Haltung Odins bemerkt hatte, war wie weggeblasen. Mit der Rechten streckte er die Bruchstücke des Speers in die Höhe.
»Muspelheims Feuer«, sprach Alberich ungerührt, als diskutiere er ein rein technisches Problem, »würden es erhitzen, vielleicht sogar heiß genug machen, aber selbst dann könnte ich die Stücke nicht wieder verbinden. Die Macht der Weltenesche, aus deren Urstoff er stammt, geht über meine Kräfte, Einauge. Ich bin stark, aber nicht stark genug. Das solltest du wissen.«
»Ein neues Zeitalter könnte beginnen, wenn ich meine Macht wiedererlange!« Die Worte Odins klangen wie ein Schlachtruf. »Eine neue Zeit für Alben und Zwerge, in der wir uns die Welt erobern.«
»Die Zeit der zaubermächtigen Waffen ist vorbei«, hielt Alberich ihm entgegen. »Keiner der Götter ist noch mächtig genug, diesen Speer neu zu schmieden. Hast du vergessen, Einauge, dass mehr dazu gehört, als die Enden in die Feuer Muspelheims zu tunken und zu hoffen, alles werde gut. Es gehört etwas dazu, das nur Götter und große Helden haben, jenes Quäntchen Kraft, das sie in ihren Herzen tragen und auf so unterschiedliche Weise zu nutzen verstehen. Die einen, um die Geschicke ganzer Welten zu lenken, die anderen, um große Taten zu vollbringen. Aber eines, Einauge, eines haben sie gemeinsam, diesen Kern der reinen Kraft, den sie in sich tragen. Deiner ist zerschlagen, die Kräfte deines Volkes geschwächt.«
Alberich sah Odin ernst an, kein Hauch von Spott lag auf seinen Zügen. »Seien wir ehrlich, es gibt in der ganzen Anderswelt nicht genügend Magie, um den Speer neu zu schmieden. Das Holz Yggdrasils wird auf ewig geteilt bleiben; die Macht des Speeres ist und bleibt gebrochen. Begreife es endlich, und hänge nicht wirren Träumen längst vergangener Tage nach. Du warst einst weise, Einauge; höre auf das, was die Weisheit gebietet!«
Odin starrte Alberich für den Bruchteil eines Augenblicks verwirrt an, doch dann fing er sich wieder. »Es gibt einen Weg ...«, begann er, aber er wurde von Alberich unterbrochen, und der Herr der Swart-alfar wirkte ungehalten.
»Die Götter sind schwach, und die großen Helden sind tot. Es gibt weder hier noch in Midgard jemanden, der diese Tat vollbringen könnte. Es ist vorbei...«
»Nein!«, donnerte Odin, und Hagen bekam den Hauch einer Ahnung der verflossenen Macht des Alten. »Es gibt noch einen! Ich konnte es spüren, dass der Keim der Macht in ihm schlummert - doch er ahnt davon nichts.«
»Wer?«, fragte Alberich entgeistert. »Wer trägt nach all diesen Weltaltern die reine Kraft in sich?«
»Wenn ich dir diesen Helden bringe, diesen einen, der das Werk vollbringen kann, wirst du ihn dann anleiten, den Speer neu zu schmieden?«
»Wenn ich dafür das Halsband der Göttin erhalte, ja, dann tue ich es«, sagte Alberich, und in den Ohren Hagens klang es wie ein Eid.
»Deinen Lohn wirst du erhalten«, entgegnete Odin, »dessen sei gewiss«, und Hagen konnte der Stimme nicht entnehmen, ob es ein Versprechen oder eine Drohung war. Doch ihm fiel auf, dass die ledrige Haut über der leeren Augenhöhle zuckte.
»Und wer ist der Held, den du mir bringst?«, fragte der König der Swart-alfar, der seine Neugier doch nicht ganz unterdrücken konnte.
»Ein Knabe aus Midgard«, entgegnete Odin. »Ein Knabe mit einem großen Namen, wie dieser an deiner Seite. Ich konnte sie fühlen, die Kraft in seinem Herzen, weil auch ich sie einst in mir hatte; es war mir, als spürte ich die Macht des Drachentöters wieder. Er ahnt nichts davon, aber er ist...«
»Siggi!«, platzte es aus Hagen heraus. »Es ist Siggi!«
»Dein Blick geht tief«, wandte sich Odin ihm zu. »Du erkennst viele Dinge, Hagen. Auch in dir scheint altes Blut zu fließen. Ich hatte Recht, als ich euch sagte, dass nichts Zufall sei; erinnere dich. Ihr seid zur Sommersonnenwende um Mimirs Brunnen getanzt, habt Einlass in die Anderswelt erhalten und seid dabei, eine alte Geschichte neu zu schreiben.«
»Es ist Siggi, nicht wahr, der kleine blonde Verräter, der mich ...«, Hagen biss sich auf die Zunge, um sich nicht zu verraten; denn der Ring war ein Geheimnis, von dem der Alte nichts wissen sollte.
»Ja, er hat dich verraten«, meinte Alberich, denn er hatte gespürt, warum Hagen sich unterbrochen hatte. »Gut denn, Ase. Bring mir den Helden - und Brisingamen. Dann werden wir vielleicht die alte Macht der Götter wieder errichten!«
Odin zögerte. Hagen ahnte, in welchem Dilemma der Einäugige steckte: Er konnte Siggi nicht so einfach zum König der Swart-alfar bringen; denn er hatte dem Jungen erzählt, dass man die Schwarzalben meiden sollte und dass Siggi bei den Lios-alfar in Sicherheit sei.
Höre, junger Hagen, klang eine Stimme in ihm auf, und jetzt wusste Hagen, dass es nicht die seine war. Ihm wurde klar, dass diese Stimme schon eine ganze Weile da gewesen war und ihm geholfen hatte, seine Bestimmung zu finden. Die Stimme war dunkel und gewinnend, fand aus den Gedanken den Weg in Hagens Herz und war dort willkommen.
Was?, fragte Hagen in Gedanken zurück.
Deine Rache wird vollendet, wenn du Odin hilfst. Der Einäugige kann nur mit deiner Hilfe Jung-Siegfried hierherlocken, um den Speer neu zu schmieden, erklärte die Stimme.
Wie denn?, fragte Hagen, und er horchte verzweifelt, ob er eine Antwort bekäme; denn der Wunsch nach Rache brannte heißer denn je in seinem Herzen.
Höre mir nur zu ..., meinte die Stimme.
Ja!, rief Siggi in Gedanken. Ja!
Siegfried vertraut dir und wird versuchen, dir zu helfen; das musst du nutzen. Habt ihr ihn erst, dann kannst du deine Rache in vollen Zügen auskosten, erklärte die Stimme, und sie klang so einleuchtend, so vernünftig, dass Hagen erkannte, wie gut sie es mit ihm meinte. Undwenn du deine Rache ausgekostet hast und Alberichs Heere die bleiche BrutAsgards vernichtet haben, wirst du an seiner Seite über die Anderswelt herrschen, und alle werden sich in deinem Glanz sonnen. Du wirst es sein, derdas Leben für die Swart-alfar lebenswert macht. Du und du allein, wenn duSiegfried in die Hände Odins und Alberichs bringst.
Und wenn er von selbst draufkommt?, fragte Hagen in Gedanken.
Keine Sorge, entgegnete die Stimme. Daran wird er nicht denken; denn er kann nicht in dein Herz sehen ...
Hagen frohlockte innerlich. Er konnte seinem neuen Vater zur Seite stehen und würde dabei gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Und die Krönung würde die Rache an Siggi sein. Er öffnete den Mund - Warte, Hagen! Lass die Verzweiflung in Einauge wachsen, gib ihm noch einen Moment Zeit zu erkennen, dass er sich durch sein Handeln selbst um seine Träume, Wünsche und Hoffnungen zu bringen droht, wurde ihm geraten. Beherrsche dich noch ein wenig; nur noch ein paar Herzschläge lang ...
Hagen sah den Alten an. Unter der ledrigen Haut über der leeren Augenhöhle zuckte es, der Blick seines Auges wurde unstet, und auf seiner Miene begann sich die Erkenntnis abzuzeichnen, dass er offensichtlich wieder einmal selbst seinen Plänen im Wege gestanden hatte, wie so oft in der Vergangenheit. Er hätte die Möglichkeit gehabt, Siggi zu den Swart-alfar zu bringen. Aber in der augenblicklichen Lage, wo die Fronten sich so verhärtet hatten, war das so gut wie aussichtslos.