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»Nun, Graumantel, was ist?«, fragte Alberich, der zu merken schien, dass er Salz in eine offene Wunde streute. »Warum gehst du nicht und holst mir den Helden? Dann können wir in die Tiefen meines Reiches hinabsteigen und den Speer in den Muspelfeuern schmieden.«

Odin wand sich unter den Worten des Albenkönigs. Hagen war sich bewusst, wie verzweifelt der Gott nach einem Ausweg suchte. Es musste für den Alten die reinste Folter sein. Äonenlang hatte er sich nach einer Möglichkeit gesehnt, das wiederzugewinnen, was verloren war. Nun war es zum Greifen nahe, aber doch so unendlich weit entfernt.

Warte noch ..., echote es in Hagen, der es kaum noch abwarten konnte, seinen Trumpf auszuspielen.

»Odin, ich warte ...«, erinnerte Alberich den Asen daran, dass dieser ihm noch eine Antwort schuldig war.

»Gib mir ein paar deiner Krieger«, meinte Odin, und die Verzweiflung in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Dann ...«

»Was zahlst du dafür?«, fragte Alberich.

»Ich ...«, begann Odin. »Ich teile die Macht mit dir.«

»Nein, Einauge«, lächelte der Herr der Swart-alfar. »Du weißt zu gut, selbst wenn du deine Macht zurückerlangst, wirst du nicht die Herrschaft über mein Volk erhalten. Und mich gelüstet es nicht nach mehr.«

»Ich kann dir nichts bieten«, resignierte Odin.

»Brisingamen für den Speer, das ist ein wohlfeiler Preis. Aber meine Krieger gehorchen nur meinem Befehl«, blieb Alberich hart.

Noch nicht..., hörte Hagen die tiefe Stimme in sich.

»Und was wäre, wenn ihn meine Krieger hierher schleiften?«, fuhr Alberich fort. »Er könnte sich weigern, das Werk zu vollbringen. Und würdest du ihm mit dem Tode drohen, wenn er es nicht täte, wer weiß, ob er dann den Quell der Kraft in sich entdeckt...«

Odin erkannte, dass der Weg, Siggi mit Gewalt anzuschleppen und ihn zwingen zu wollen, ihm zu Diensten zu sein, falsch wäre. Aber eine andere Möglichkeit sah er nicht.

»Es scheint«, bemerkte Alberich, »ich werde das Geschmeide der Neun Welten auf andere Weise erlangen müssen.«

Odins Blick traf den König der Swart-alfar. Die nackte Verzweiflung leuchtete darin.

»Ich werde gehen und mit dem Jungen zurückkommen. Dann wirst du, Herr über Ymirs Gezücht, mir den Dienst erweisen, nach dem ich verlange«, sagte der Ase und beherrschte sich nur mühsam. Neben die Verzweiflung war Zorn getreten, die Wut auf sich selbst, Alberichs Spott und wohl auch auf die Vergangenheit, die aus ihm, einem der Mächtigen, einen hilflosen alten Mann gemacht hat, dem nichts geblieben war, als dem Vergehen der Äonen zuzusehen.

Jetzt, hörte Siggi die Stimme wieder. Sag, was du zu sagen hast.

»Mir vertraut er«, sprudelte es aus Hagen hervor. »Ihr könnt ihn durch mich gewinnen.«

Alberich wirkte nicht im Geringsten überrascht, aber Odin stand wie vom Donner gerührt, sah Hagen an und erkannte, dass er Recht hatte. Die Verzweiflung wich aus seinem Blick, und neue Hoffnung wuchs.

»Das Schicksal ist mir gnädig«, seufzte er. »Nun wird alles gut.«

7

In den Verliesen der Erde

Siggi und Gunhild hetzten durch die Gänge. So schnell es ging, lief Laurion vor ihnen her. Ohne Rücksicht auf die Lautstärke gab er Anweisungen, wenn sie nach links oder rechts ausweichen mussten. Yngwe folgte ihnen wie ein Schatten.

Hinter ihnen wurde das Poltern immer lauter, und Siggi wagte während des Rennens einen Blick über die Schulter, konnte aber, da sie gerade durch eine lang gezogene Rechtskurve liefen, nicht sehen, was hinter ihm diesen Krach machte. Aber eines war klar: Der Lärm kam von Sekunde zu Sekunde näher.

Das bedrohliche Poltern schien Laurion anzuspornen. Mit unglaublicher Sicherheit lief der junge Lichtalbe durch den Gang, wich, ohne zu zögern, auf die linke oder rechte Gangseite aus.

Siggi und Gunhild hetzten auf den leichten Stiefeln der Lios-alfar hinterdrein, angetrieben von Yngwe, der hinter ihnen herkam. »Schneller«, drängte er. »Lauft!«

Siggi versuchte zu erkennen, ob es eine Abzweigung oder Kreuzung gab, aber nichts dergleichen war zu erkennen. Sie rannten wie in einen Schlauch hinein, und von hinten kam das Krachen und das Mahlen von Fels auf Fels immer näher.

Beim Laufen fiel Siggi auf, dass der Gang oben angeschrägt war, fast wie eine Bahn - eine Bahn für eine Kugel.

O nein!, schoss es ihm durch den Kopf.

Siggi riskierte noch einen Blick über die Schulter - und noch im selben Moment wünschte er sich, er hätte es nicht getan.

Ein riesiger Felsen rollte durch den abschüssigen Gang hinter ihnen her, und das Ding kam immer näher. Das Geräusch übertönte alles; das entsetzliche Mahlen war wie der Rhythmus des Todes und das Poltern des Felsens die Melodie dazu.

Sie würden zerquetscht werden, wenn nicht bald eine Abzweigung oder eine Kreuzung auftauchte. Der Riesenfelsen mochte noch fünfzehn Schritt hinter ihnen sein und kam immer näher, da der Gang zudem noch mit allen möglichen anderen Todesfallen durchsetzt war, auf die sie zu achten hatten.

Die Gefahr verlieh Laurion Flügel. Mit sicherem Instinkt schien er zu ahnen, wohin er ausweichen musste, aber auch er musste wissen, dass sie keine Chance mehr hatten. Doch stehenbleiben und das sichere Ende offenen Auges erwarten, wollte er auch nicht.

Noch waren sie nicht überrollt, noch liefen sie, noch waren sie am Leben. Siggi spürte in sich etwas, das sich gegen das Aufgeben wehrte, das sich weigerte, das Ende als unvermeidlich hinzunehmen.

Und doch, die Schräge des Ganges verstärkte sich, und so würde die Felskugel an Geschwindigkeit gewinnen, während sie wegen der Fallen aufpassen mussten - etwas, worauf die Felskugel keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Obwohl, fragte sich Siggi, wo war da der Unterschied: Von einem Felsen überrollt oder von einer giftigen Speerspitze aufgespießt zu werden, das Ergebnis blieb dasselbe ...

Aber vielleicht war das Unausweichliche doch nicht so unausweichlich. Würde ihre beiden Begleiter sie sonst so antreiben, wenn sie nicht noch den Hauch einer Chance sahen? Oder war es nur ihre Ausbildung als Krieger, welche die Lios-alfar davon abhielt, aufzugeben?

Siggi riskierte wieder einen kurzen Blick, und er konnte sich der Faszination der Felskugel nicht entziehen, die mit zunehmender Geschwindigkeit hinter ihnen hergerollt kam. Die Präzision der Steinmetze war ungeheuerlich; der Stein passte fast genau in den Gang. Nur eine Maus oder etwas noch Kleineres hätte die Chance gehabt, ihm auszuweichen.

»Lauft!«, trieb Yngwe sie von hinten an.

Der Stein mochte fünf Schritt gutgemacht haben, war wohl noch zehn Meter von ihnen entfernt. In Siggis Ohren hallte das Knirschen, Krachen und Mahlen der Felskugel entsetzlich wider. Sollte er hier noch mal rauskommen, würde er dieses Geräusch nie vergessen.

»Weiter!«, rief Laurion. Der Lios-alf schien von einer wilden Hoffnung getrieben zu sein, die ihn auf den Füßen hielt und in einem Wahnsinnstempo an den Fallen vorbeizuführen schien, die hier überall sein mussten. Seinen Blick hielt er stur gesenkt.

»Springt!«, gellte der Befehl des Lichtalben, und im selben Moment machte er wie ein Weitspringer einen Satz nach vorn.

Siggi und Gunhild taten es ihm gleich, und als der Junge zu Boden blickte, meinte er so etwas wie einen Stolperdraht zu sehen, aber der Eindruck war zu flüchtig, um sich wirklich sicher zu sein.