Laurion spurtete fast wie ein Hundert-Meter-Läufer. Siggi und Gunhild hatten Mühe, Schritt zu halten; die Strapazen des langen Tages machten sich bei ihnen allmählich bemerkbar. Ihr Atem ging keuchend, die Luft brannte im Hals, und ihr Herz schlug so heftig, als wollte es die Rippen sprengen.
Laurion hingegen schien das Rennen überhaupt keine Kraft zu kosten. Vier, sieben, zehn Meter wurden in wenigen Schritten überbrückt. Siggi und Gunhild folgten, so schnell sie konnten, im Vertrauen darauf, dass Yngwe ihnen auf den Fersen blieb.
Dann hatte die Felskugel den Draht erreicht, und mit einem ohrenbetäubenden Donnern brach direkt hinter Gunhild der Boden, donnerte in die Tiefe, als hätte man darunter die Stützpfeiler weggeschlagen. Yngwe rettete sich mit einem Satz auf festen Grund. Wo sie noch vor einem Lidschlag gelaufen waren, befand sich nun auf zwei Meter Breite ein gähnendes Loch, doch damit nicht genug, wie Siggi mit Entsetzen erkannte, als er einen raschen Blick zurückwarf.
Aus den Wänden waren spitze Felsnadeln hervorgeschossen, die das Laufen an den Rändern unmöglich gemacht hätten. Hätte Laurion die Natur der Falle nicht so schnell erkannt, hätte Yngwe sie nicht so angetrieben, sie wären tot gewesen. Wieder einmal hatten die Lichtalben ihnen das Leben gerettet. Zum wievielten Mal eigentlich?
Das Krachen, als die Kugel die Felsnadeln zermalmte, riss Siggi wieder in die Gegenwart zurück. Die seitlichen Gesimse, die stehen geblieben waren, wirkten wie Schienen, sodass die Geschwindigkeit der Felskugel kaum abnahm. Durch den Spurt hatten die Fliehenden ein paar Meter Vorsprung gewonnen, aber nun verlangsamte Laurion wieder das Tempo, denn er musste versuchen, weitere Fallen auszumachen.
Siggi lief der Schweiß von der Stirn. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er ihn weg, bevor ihm die salzige Brühe in die Augen laufen und ihn blenden konnte - und das womöglich für den Rest seines Lebens. Denn konnte Siggi auch nur einen Moment nichts sehen, mochte er im nächsten Augenblick tot sein, weil er entweder eines von Laurions Ausweichmanövern nicht mitbekam und so in eine Falle lief oder aber stolperte und Sekunden darauf zermalmt wurde.
Ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte ihm, dass der Fels wieder aufholte. Unaufhörlich kam die massive Kugel näher ...
Laurion lief unbeirrt voran, versuchte weiter, das Unmögliche möglich zu machen. Mit fast schon wahnwitzigem Tempo wechselte er immer wieder die Richtung. Doch hatte das alles überhaupt einen Sinn? Entkamen sie den Tücken auf ihrem Weg, so war der Krach hinter ihnen Mahnung genug, das es nicht reichen würde.
»Nach rechts!«, schrie Laurion völlig unerwartet voll wilder Hoffnung.
Siggi konnte es nicht fassen. Dort vor ihnen war eine Gabelung. Noch fünf Schritte, so viel, wie der Fels hinter ihnen war.
»Links!«, gellte plötzlich Yngwes Stimme hinter ihnen, als Laurion schon zu einem Haken zur anderen Seite des Ganges ansetzte.
Ohne nachzudenken, folgten die Geschwister dem Befehl. Siggi konnte aus den Augenwinkeln den Felsen wie eine riesige Welle herandonnern sehen. Groß wie ein Haus, wuchtig wie ein Panzer. Fast versagten ihm die Beine bei dem Anblick.
Laurion warf sich in der Luft herum, hechtete zu Siggi und Gunhild in den Gang und schleuderte sie beiseite. Und hinter ihnen donnerte wie ein Ungeheuer der Felsen vorbei, keine Zehntelsekunde später, als Yngwe sich ebenfalls in Sicherheit gebracht hatte.
Keuchend lagen Siggi und Gunhild am Boden, versuchten, wieder zu Atem zu kommen, und konnten ihr Glück nicht fassen.
Die Lios-alfar waren schon wieder auf den Beinen und starrten der Steinkugel nach, deren ohrenbetäubendes Donnern und Malmen immer noch in ihren Ohren widerhallte. Der Felsen verschwand hinter der nächsten Biegung, und dann gab es ein Krachen; der Stein musste an eine Wand gehämmert sein. Da war eine Sackgasse, das Ende der Rollbahn. Hätte Yngwe nicht im letzten Augenblick die Laufrichtung des Felsens erkannt und Laurion nicht so gedankenschnell gehandelt, wären sie alle vier als blutige Masse zwischen einem riesigen Steinblock und einer Felswand geendet.
Siggi glaubte die Erschütterung noch zu spüren, konnte das aber nicht beschwören; es mochte auch einfach nur das erlöste Zittern seines Körpers gewesen sein.
»Wir machen eine kurze Rast«, sagte Laurion nur.
Er machte Siggi keine Vorwürfe, aber die machte sich der Junge auch schon selbst. Siggi wusste nur zu genau, das er es gewesen war, der den Mechanismus ausgelöst hatte.
»Ich bin schuld«, sagte er schließlich laut. »Ich hab'...«
»Das hätte jedem passieren können«, unterbrach ihn Laurion. »Schon sehr viel erfahrenere Krieger haben diese oder jene Falle ausgelöst, und sind darin umgekommen. Ich hätte sie ja auch sehen und dich warnen müssen. Aber wir haben es überstanden. Und nur das zählt.«
Siggi spürte, wie sich Gunhilds Hand in die seine schob. Er sah seine Schwester an, und ohne dass ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, wusste er, dass sie ihm auch keine Vorwürfe machte. Sie schüttelte leicht den Kopf, als wollte sie sagen: Ach, Siggi, du..., und dann grinste sie.
Siggi war unendlich erleichtert. Was zwar nichts daran änderte, dass er sich die Schuld gab, aber es war gut, es nicht immer auch noch hören zu müssen.
Laurion griff nach der Feldflasche an seinem Gürtel, öffnete sie und reichte sie Siggi. Siggi nahm einen tiefen Schluck. Das kühle Wasser tat ihm gut. Fast augenblicklich fühlte er sich gestärkt und erfrischt.
»Auf dem Wasser«, erklärte Laurion, »liegt der Zauber der Königin. Es gibt uns unsere Kräfte zurück.«
Auch Gunhild nahm einen Zug aus der Flasche, die Yngwe ihr anbot, aber Siggi bemerkte, dass sie nicht in großen Zügen das Wasser - wie sonst - trank, sondern nur kleine Schlucke nahm. Das kannte er von seiner Schwester nicht. Siggi konnte nicht den Finger drauflegen, aber sie hatte sich doch irgendwie verändert.
Laurion hob ohne Vorwarnung den Kopf, als lauschte er nach irgendetwas. Siggi war wie erstarrt. Die ganze Haltung ihres Anführers sagte ihm, dass er Gefahr witterte, ohne zu wissen, was da auf sie zukam.
Auch Yngwe hatte den Kopf gehoben. Seine Augen waren so weit aufgerissen, dass man das Weiße darin erkennen konnte.
»Was ist?«, fragte Gunhild.
»Nein«, keuchte der junge Lichtalbe. »Das kann nicht... Spürt ihr es denn nicht?«
Die Lios-alfar schienen völlig verwirrt zu sein, etwas, was weder Siggi noch Gunhild erwartet hätten; denn bisher hatten sich ihre Führer immer als allen Gefahren gewachsen erwiesen.
Aber die Kinder kam nicht dazu, sich allzu viele Gedanken zu machen. Der Fels bebte, als würde sich irgendetwas Gewaltiges unter ihnen und neben ihnen regen. Und das Beben der mächtigen Felsformationen verstärkte sich, als würde ein gewaltiger Drache sich rühren und die Steine zum Wanken bringen, die Erde in ihren Grundfesten erschüttern.
»Was ist das?«, stieß Siggi hervor.
»Es ist ... der Stein war nur der Auslöser ...«, keuchte Laurion fassungslos. Aller Mut schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein.
»Wofür?« Gunhild riss sich zusammen, obwohl ihr anzusehen war, das auch nach ihr die kalten Finger der Angst griffen.
»Eine Macht, der selbst wir nicht gewachsen sind«, sagte Yngwe.
»Wir sind verloren.« Laurions Stimme war seltsam tonlos.
Der Boden rumorte immer stärker; fast sah es so aus, als stürze das ganze Höhlensystem in sich zusammen.
Siggis Rechte berührte Laurion. Seine Hand umfasste den Arm des Lios-alf.
»Laurion!« Siggis Stimme war voller Angst. »Was ist das?«
Der Lichtalbe schien aus einem Traum zu erwachen. Es wirkte, als habe ihn Siggis Berührung geweckt.
»Ymirs Unheilsquell. Der Blasenbrodler wird er genannt, Drudgelmir. Viele von uns glaubten, er sei nur eine Legende aus dem Anbeginn der Zeit, aber fühlt doch, die Elemente regen sich, erwachen und werden uns verschlingen.«