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Siggi hielt nach wie vor den Arm Laurions umklammert. Und mit jeder Sekunde schien in dem Krieger der Lios-alfar wieder das Kämpferherz zu erwachen. Sein Blick klärte sich; die Resignation wich aus seinen Zügen.

»Kommt, vielleicht haben wir noch eine Chance«, sagte Yngwe. »Es ist unsere letzte Hoffnung.«

Siggi atmete auf. Die Lios-alfar hatten sich noch nicht aufgegeben. Der Kampf würde aufs Neue beginnen, und durch das Beispiel ihrer Begleiter schöpften auch Gunhild und er wieder neue Kraft.

Laurion übernahm wieder die Führung. Die Brauen in voller Konzentration zusammengezogen, versuchte er, so schnell er es vermochte, sie von hier wegzubringen. Der schwankende Boden machte es schwerer, die Fallen zu erkennen, aber Laurion gab sein Bestes. Der Gang führte schnurgerade von der Kreuzung weg, wo sie dem Stein entkommen waren - nur, wie es schien, um einer noch größeren Gefahr in die Arme zu laufen.

Siggi wagte sich gar nicht vorzustellen, was Ymirs Unheilsquell ihnen bringen würde. Er hatte nicht gewagt zu fragen, was ›Schlimmeres‹ bedeutete, als Laurion von den Fallen erzählte. Bald würden sie nun erfahren, was schlimmer war als vergiftete Speerspitzen, Felsnadeln oder riesige Steinkugeln.

Hinter ihnen grummelte es bedrohlich, und dann explodierte es. Eine plötzliche Druckwelle riss sie von den Füßen. Direkt hinter ihnen an der Weggabelung zersprang der Fels wie Glas.

Als sie sich aufrappelten, sah Siggi das Unfassbare, und er erstarrte. Wie gebannt blickte er zurück zu der Stelle, wo der Fels geborsten war.

Aus der Felswand quoll etwas, das Siggi zunächst für etwas Lebendiges hielt, wie eine riesige Amöbe, einen sich windenden Einzeller von der Größe eines Dinosauriers.

Es war schwarz, Feuerlanzen schossen daraus hervor, ätzender, schwarzer Qualm war die Folge.

»Die Elemente ...«, entfuhr es Laurion. »Feuer, Wasser, Luft und Erde.«

Jetzt erkannte Siggi, was es war. Es war so widersinnig, dass er sich weigerte zu glauben, was er mit eigenen Augen sah. In Drudgelmir vereinigten sich die vier Elemente: Erde mit Wasser gemischt, ergab diese schwarze Masse, aber dieser Schlamm brannte, stieß Feuerlanzen und Rauch hervor.

Ihr Gang führte leicht bergauf, aber das schien das Monster überhaupt nicht zu beeindrucken. Es kroch durch die Bresche, bis es den Gang völlig ausfüllte, und kam langsam und unaufhaltsam wie eine Lawine auf sie zu.

Yngwe riss Siggi und Gunhild aus ihrer Erstarrung. »Nur weg hier!« Der Schrecken in seiner Stimme war kaum zu überhören.

»Kommt!«, rief Laurion.

Sie rannten los.

Konnten sie es schaffen, dieser Lawine zu entkommen? War das überhaupt möglich? Siggi glaubte nicht daran, aber etwas hielt ihn auf den Beinen. Der Hammer und der Ring, das waren die Quellen seiner Kraft, die ihn weiter vorwärts trieben, Laurion dicht auf den Fersen.

War der Krach des Felsens schon nervenzerfetzend gewesen, war das, was aus Drudgelmir hervorkam, noch eine Steigerung. Schmatzendes Saugen war der Grundton, die Flammenzungen klangen wie das Zischen einer Schlange, und alles zusammen bildete den Satz einer Sinfonie des Todes.

Dann erreichte sie der Gestank. Es war eine Mischung aus allem, was schrecklich roch und Übelkeit erregte. Verwesung, Fäulnis, Tod; all das vereinte sich in Drudgelmir und seinen Ausdünstungen. Es war, als wehe ihnen der Pesthauch von Ymirs verwesendem Leib direkt ins Gesicht. Es war der Odem des Verderbens.

Sie folgten dem Gang, der immer noch anstieg, aber das Monster, das den Gang hinter ihnen ausfüllte, ließ sich dadurch nicht aufhalten. Es folgte ihnen, wie ein Jäger, der seine Beute in die Enge treibt.

Den Tod, der ihnen die Felsen oder eine Falltür gebracht hätte, war kurz und wohl eher schmerzlos, aber welche Schrecken mochte sie erwarten, wenn sie von diesem Wesen aus brodelnden Schlamm und dieser Lawine von Felsen, Flammen und Gasen aufgesogen und verschlungen wurden?

Das Nächste, was sie erreichte, war der schwarze Qualm, der sie zum Husten reizte, in die Augen drang. Tränen quollen als Antwort hervor. Auch auf der Zunge machte sich ein widerlicher Geschmack breit, der einen zum Würgen brachte.

Sie kamen nur noch langsam voran. Zugleich rutschte Ymirs Todesquell näher und näher. Der Krach nahm infernalische Ausmaße an. Der zähe Qualm hüllte sie ein wie ein schwarzes Leichentuch.

Laurion gelang es irgendwie, sie halb blind durch den Gang zu führen, ohne dabei in eine Falle zu tappen. Aber wie lange konnte das noch gut gehen? Und war es nicht vielleicht besser, sich von einer Felsnadel schnell töten zu lassen, als in dem namenlosen, schmatzenden, fauchenden und ihnen unerbittlichen folgenden Schrecken zu versinken?

Niemals!, rief es in Siggi. Noch bin ich am Leben.

Sie waren nicht so weit gekommen, um hier und jetzt aufzugeben und sich in ihr Schicksal zu fügen. Also blieben sie auf den Füßen, husteten, schnauften, wischten sich die Tränen aus den Augen, und Laurions anscheinend unfehlbarer Instinkt führte sie um jedweden todbringenden Fallstrick, den die Swart-alfar in den Gängen versteckt haben mochten.

Und immer weiter ging die Hatz. Keiner von ihnen warf mehr einen Blick zurück, um zu sehen, wie nahe ihnen ihr Jäger schon gekommen war. Manchmal glaubte Siggi, die hervorzuckenden Flammenzungen mussten sie bald treffen, aber noch war es nicht so weit, und so quälten sie sich weiter vorwärts. Siggis Kehle brannte, der schwarze Qualm folterte seine Lungen. Immer öfter musste er husten, feurige Kreise wirbelten vor seinen Augen. Er konnte seine Gefährten kaum mehr erkennen, doch er lief weiter.

Gunhild war wie betäubt von den Dämpfen, die allgegenwärtig zu sein schienen. Sie taumelte, doch eine starke Hand riss sie wieder hoch.

»Weiter!«, keuchte Yngwe. Die anderen beiden waren schon ein Stück voraus. Und die brodelnde Masse ihres Verfolgers schob sich unerbittlich näher.

Dann konnte Gunhild durch Tränenschleier und Qualm erkennen, dass der Gang zu Ende war. Laurion und Siggi waren in einer Art Grotte angekommen, und der junge Lios-alf versuchte verzweifelt zu erkennen, wohin er sich wenden sollte. Hinter ihnen klang, gefährlich nah, das drohende Schmatzen auf. Drudgelmir würde sie unweigerlich einholen.

Gunhild taumelte in die Grotte. Für einen Augenblick wurde die Luft besser, und gierig sog sie die von den Dämpfen freie Luft ein, als der Qualm nach oben gesogen wurde.

Doch in der Grotte gab es keinen Ausgang. Sie saßen in der Falle.

»Hierher!«, rief eine Stimme, die Gunhild bekannt vorkam. Sie wischte sich die Tränen ab - und glaubte zu träumen. Von der Decke hingen vier Seile herab, und Widar winkte ihnen durch ein natürliches Loch in der Decke zu.

Siggi und Laurion rannten sofort los, ohne Rücksicht auf mögliche Gefahren, einfach auf ihr Glück vertrauend.

Gunhild wollte ihnen folgen, aber ihr versagten die Kräfte. Sie stolperte und fiel.

»Steh auf! Weiter!« Das war Yngwes Stimme. Die anderen hatten gar nichts von ihrem Sturz bemerkt.

Gunhild versuchte, sich zu erheben, doch die Beine knickten ihr ein. Die brodelnde Substanz schwappte heran. Feuerlanzen stachen nach ihren Füßen. Sie wollte aufschreien, doch sie brachte nur ein Krächzen hervor.

Dann packten sie zwei starke Arme und hoben sie auf.

»Wir schaffen es, Herrin!«, keuchte Yngwe, selbst am Ende seiner Kräfte.

Einen flüchtigen Augenblick fragte sich Gunhild, wen er in ihr sah: das Menschenkind oder Freya, die Göttin. Dann drückte ihr jemand ein Seil in die Hand.

»Festhalten!« Sie griff danach, aber es entglitt ihren Fingern.

Dann war die schwarze, schwappende Masse heran.

Yngwe schrie. Feuer griff nach seinen Beinen, setzte seine Kleider in Brand. Säure fraß sich in sein Fleisch, löste es auf. Brodelnder Schlamm ließ ihn schwanken. Mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt stemmte er seine Last in die Höhe.