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Siggi sah dem Lios-alf in die Augen, und er konnte kein falsches Mitleid darin erblicken.

Damit war das Thema beendet. Laurion griff abermals nach seiner Feldflasche und reichte sie herum.

»Die ist ja wieder voll!«, entfuhr es Gunhild. »Wo hast du die denn nachgefüllt?«

»Die Königin hat die Flasche geweiht«, entgegnete Laurion zum zweiten Mal.

»Kann sie so was?«, fragte Gunhild.

»Sie kann noch viel mehr«, entgegnete Laurion. »Sie ist noch eines der wirklich zaubermächtigen Wesen der Anderswelt.«

»Warum zaubert sie da die Swart-alfar nicht einfach weg?«, fragte Siggi.

»Weil das nicht die Natur ihres Zaubers ist. Ihre Magie vernichtet nicht; sie erschafft oder hilft. Und außerdem haben auch die Swart-alfar ihren König, und auch er ist in gewisser Hinsicht eines Zaubers mächtig, einer Macht, die uns fremd ist«, erklärte Laurion.

Siggi und Gunhild begriffen kaum etwas von dem; denn ihnen war jegliche Zaubermacht bis vor kurzem überhaupt fremd gewesen. Ihr Vater hatte ihnen einige Zauberkunststücke erklärt und hatte gesagt, alles was mit Zauberei zusammenhänge, sei Illusion und Fingerfertigkeit. Doch die letzten Stunden hatte ihnen bewiesen, das es Dinge gab, die weit über das hinausreichten, was mit bloßen Tricks zu erklären war. Warum also sollte es nicht möglich sein, dass eine Wasserflasche durch Zauber wieder gefüllt wurde?

»Kommt jetzt, wir müssen weiter«, sagte Laurion, nachdem sie alle getrunken hatten.

Der Trank hatte die Furcht vertrieben. Sie waren erfrischt, und auch Siggi fühlte sich wieder kräftig genug, den Weg fortzusetzen.

Der Gang vor ihnen war wieder so, dass sie aufrecht gehen konnten, und so breit, dass man selbst mit ausgestreckten Armen die Seitenwände nicht berührte.

»Ist es noch weit?«, fragte Siggi wieder.

»Wir kommen immer näher«, entgegnete Laurion mit gedämpfter Stimme, »und von nun an sollten wir schweigen.«

»Eine Frage noch«, flüsterte Gunhild, und sie Wartete damit, bis Laurion sie auffordernd ansah. »Gibt es hier noch irgendwelche Fallen?«

»Eigentlich nicht mehr«, antworte Laurion, »aber man kann nie wissen, was die Swart-alfar so ausbrüten. Ihr habt gesehen, ihre Werkzeuge haben überall die Höhlen verschandelt. Aber wir werden vorsichtig sein und das Beste hoffen.«

Sie setzten ihren Weg fort. Siggi bemerkte, dass das Licht an Intensität gewann, heller wurde. Der Fels war einfacher auszumachen. Laurion schien seine Augen überall zu haben, aber er wich nicht mehr vom geraden Weg in diesem Gang ab, als gäbe es hier keine Fallen.

Trotzdem blieben die Kinder hinter ihm und wichen nicht aus seiner Spur; denn es mochte immerhin sein, dass auch Laurion etwas übersah, oder die Fallen waren auf diesem Weg an den Seiten. Fragen wollten sie ihn nicht. Außerdem war Schweigen geboten.

Einen Moment schien der Lichtalbe plötzlich zu zögern, dann folgte er weiter den geraden Weg in der Mitte des Ganges. Seine Augen richteten sich zur Decke, als suche er etwas. Sein Schritt schien Siggi ein wenig unsicher zu sein, als habe Laurion das Gefühl, etwas übersehen zu haben, aber er wusste wohl nicht, was es sein könnte.

Ohne Vorwarnung brach unter ihnen der Boden weg.

Siggi und Gunhild schrien entsetzt auf, und der Schrei wurde tausendfach als Echo aus der unergründlichen Tiefe zurückgeworfen.

»Bei den Schlangen der Hei!«, stieß Laurion aus, und das war das Letzte, was Siggi von ihm hörte.

Siggi schrie, als sie in die bodenlose Finsternis stürzten. Kein Licht gab den Blick auf spitze Felsnadeln oder gifttriefende Speere frei. Nur Finsternis, und das erschreckte ihn nur umso mehr.

Er wusste nicht, was ihn am Ende des Sturzes erwartete, aber bevor sich die Bilder seiner Fantasie verselbstständigen konnten - er mochte wohl zwei oder drei Meter gefallen sein -, schlug er hart auf. Die Luft wurde ihm aus dem Brustkorb gepresst, und so verstummte sein Schrei. Benommen durch den Aufprall, merkte er gar nicht recht, was mit ihm geschah.

Siggi spürte einen Luftzug im Gesicht, aber es dauerte noch zwei, drei Sekunden, bis er begriff, dass nicht die Luft sich bewegte, sondern er selbst. Er rutschte auf glatten Fels in die Tiefe. Die Schräge war unglaublich, und die Geschwindigkeit, die Siggi erreicht hatte, musste gewaltig sein. Der Fels war so glatt, als wäre er tausend Jahre lang poliert worden. Der lederartige Stoff aus der Kleiderkammer der Lichtalben glitt reibungslos über den nackten Stein.

Die Überraschung war so groß, dass Siggi völlig vergaß zu schreien, und so rauschte er in die Tiefe.

Der Ring!, schoss es ihm durch den Kopf, und Siggi wusste selbst nicht warum. Als er den goldenen Reif ertastet hatte, fühlte er sich gleich viel ruhiger. Den Hammer steckte ebenfalls noch in seinem Gürtel, was ihn zusätzlich beruhigte. Und sein nächster Gedanke überraschte ihn, der immer eher ans Weglaufen gedacht hatte; denn er galt dem Kampf, den er den Schwarzalben am anderen Ende der Rutsche liefern würde ...

Gunhild! Laurion! Als er an die Schwester und den Gefährten dachte, kehrte die Sorge in sein Herz zurück. Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit.

»Haaaallo!«

Das Echo seines Rufes zerschliff an den glatten Wänden. Keine Antwort. Das einzige Geräusch, das der Junge hörte, war der Fahrtwind, der in seinen Ohren pfiff.

Einsam, von völliger Finsternis umgeben, ohne Möglichkeit, auf dem glatten Felsen seine Fahrt zu verlangsamen oder gar anzuhalten, rutschte Siggi in die Tiefe. Nichts und niemand konnte ihn bremsen. Doch der Ring und der Hammer schienen ihm Kraft zu geben, und so genoss er fast die Abfahrt. Er hoffte, Gunhild und Laurion würde es ähnlich ergehen und sie würden sich am Ende der Bahn wiedertreffen ... und dann würden sie es den Swart-alfar zeigen!

In den Kurven wurde Siggi fast wie ein Ball hin und her geworfen, und er legte sich, wie er es bei den Rennrodlern im Fernsehen gesehen hatte, flach auf den Rücken.

Zuerst hielt er es für Einbildung, dann wurde es nach und nach zur Gewissheit: Die Luft, die ihm entgegenschlug, wurde immer wärmer, fast schon heiß. Schon bald waren sein Lippen und sein Mund trocken.

Auf was raste er da zu? Visionen vom Höllenfeuer flackerten vor seinen Augen. Waren die Swart-alfar nicht wie Dämonen erschienen? Konnte es sein, dass sie Kreaturen des Teufels waren? Vielleicht war der König der Schwarzalben ja niemand anderes als Satan, Luzifer oder wie er genannt wurde!

Nur der Hammer und seine Geheimwaffe, der Ring, machten die Gedanken an das Ende seiner rasenden Fahrt in die finsteren Tiefen wieder erträglich. Ihm war, als spräche eine Stimme zu ihm:

Denke an den Augenblick und nicht zu viel an die Zukunft. Es kommt, wie es kommen muss.

Siggi versuchte, etwas von seiner Umgebung zu erkennen, aber das Unterfangen war sinnlos. Zu schnell glitschte er über den Fels, zu total war die Finsternis, die ihn umgab. Doch während der wahnwitzigen Rutschpartie hatte er ein Gefühl für sein Tempo entwickelt, und so bemerkte er recht bald, dass die Bahn längst nicht mehr so steil war, sondern der Winkel abflachte, und er so langsam, aber sicher abgebremst wurde.

Einer Eingebung folgend löste Siggi den Hammer vom Gurt und nahm ihn fest in die Rechte. Den Ring wollte er noch nicht überstreifen; den würde er erst dann einsetzen, wenn es sich nicht mehr umgehen ließ.

Wilde Entschlossenheit erfüllte ihn. Wer wusste schon, wie Gunhild und Laurion da unten ankommen würden. Vielleicht war er der Einzige von ihnen, der kampfbereit war ...

So hatte er sich noch nie gefühlt. Ihm war, als würde der Hammer in seiner Hand ein Eigenleben führen. Und dann war da noch etwas: Siggi glaubte zu fühlen, dass es an der Stelle, wo der Beutel mit dem Ring seinen Körper berührte, kribbelte. Es war kein unangenehmes Kribbeln. Es war, als fließe Kraft auf ihn über, und sie schien den Weg zu seinem Herzen und zu seinem rechten Arm zu gehen.