Sei bereit...
Seine Fahrt war jetzt deutlich langsamer geworden, und war da nicht ein schwacher Lichtschein, der weit vor ihm zu sehen war? Flackernd, warm leuchtend, wie der Widerschein von Feuer.
Siggi fühlte den heißen Luftstrom, der jetzt mehr war als nur Fahrtwind. Es war, als würde heiße Luft in einen Schornstein gestoßen. Ein widerlicher Geruch stieg ihm in die Nase, wie nach faulen Eiern.
Schwefel!
Manchmal war es doch nicht so übel, am Chemieunterricht teilzunehmen und nicht zu schwänzen. Ja, es roch eindeutig nach Schwefel.
Was erwartete ihn da unten?
Statt eine Antwort zu suchen und sich durch stetiges Grübeln selbst zu verunsichern, packte Siggi den Hammer fester, und harrte der Dinge, die da kamen.
Er war mittlerweile so langsam geworden, und der flackernde Widerschein von unten war hell genug, dass er sich seine Umgebung ansehen konnte. Der Fels war glänzend schwarz und wirkte wie poliert. Das Licht spiegelte sich auf dem Stein mit dem gleichen Effekt wie bei dem Panzer einer großen Fliege: Mal schimmerte es blau, dann wieder metallisch grün.
Der Feuerschein wurde immer deutlicher, und Siggi konnte erkennen, dass dort eine lange Rechtskurve den Endpunkt seiner Reise vor seinen Blicken verbarg.
Inzwischen war Siggi kaum schneller als auf einer Spielplatzrutsche, und er saß wieder aufrecht, konnte es kaum noch abwarten, zu sehen, wer dort unten auf ihn lauerte. Er reckte sich, um etwas zu erkennen, aber noch hatte er den Scheitelpunkt der Kurve nicht erreicht, und so glitt er die letzten Meter ungeduldig dahin, bereit, sich in dem Kampf zu stürzen.
Es kam völlig anders, als er sich ausgemalt hatte.
Vor ihm öffnete sich ein riesiger Dom, ein gewaltiger Raum, dessen Decke sich in rot erfüllter Düsternis verlor. Dunstwolken trieben hindurch, erleuchtet von einem steten Flackern und Glosen, das von unten kam. Hitze strahlte von dort empor. Die Höhle musste sich tief auf den Grund der Anderswelt befinden, weit tiefer als alle Kammern und Räume, in die sich je ein Mensch vorgewagt hatte. Denn bis auf wenige Meter am Rand wurde sie durch einen gewaltigen Lavasee beherrscht, welcher den Feuerschein erzeugte.
Um ein Haar hätte Siggi es verpasst, rechtzeitig abzubremsen, sodass er fast über den rauen Fels gerutscht wäre. Es gelang ihm gerade noch, zum Stillstand zu kommen, ehe der Lavasee begann.
Dann stand er unter der gewaltigen Kuppel an den Ufern eines glühenden Meeres.
»Siggi«, klang eine erleichterte Stimme an sein Ohr.
Siggi fuhr der Schreck in die Knochen, aber er lief nicht weg, wie er noch vor wenigen Stunden getan hätte, sondern warf sich herum, den Hammer zum Schlag erhoben. Was er zu sehen bekam, ließ ihm den Atem stocken.
Es war nicht Gunhild, auch nicht Laurion.
Es war Hagen.
Er war mit schweren, mattschwarzen Ketten an einen Felsen gekettet. Über ihm trat Lava aus einem Loch im Fels. Normalerweise würde die Lava in den See tropfen, aber die Swart-alfar hatten den aus der Wand tretenden Lavastrom umgeleitet.
Auf einer Rinne aus schwarzem Metall, welches genauso aussah wie das Eisen, aus dem Hagens Ketten gefertigt waren, lief der Strom der Lava träge, aber zielsicher auf Hagen zu.
Die Rinne wurde in einer gewaltigen Spirale nach unten geführt. Weiter oben glühte das Metall bereits weiß und rot, unten war es noch kühl und schwarz. Das kochende Gestein würde Hagen genau auf die Brust laufen und ihn auf qualvolle Weise töten ...
8
Der Hammer der Welt
Entgeistert starrte Siggi auf den Freund, der an den Felsen gekettet auf den Tod wartete. Für einen Moment war alles andere vergessen: Gunhild und Laurion, die Swart-alfar und alles, was mit ihnen zu tun hatte; und auch die Hitze, die ihm den Schweiß aus den Poren trieb, den Mund austrocknete und in den Augen brannte, spürte er für einen Moment nicht. Vielmehr glaubte er, sein Blut würde gefrieren, als er Hagen hilflos an den Felsen geschmiedet sah.
»Hagen, was ist passiert?«, schrie Siggi.
»Siggi, endlich bist du da ...«, keuchte Hagen, dem der Schweiß am ganzen Körper herunterlief. Er musste schon länger hier der mörderischen Hitze ausgesetzt sein.
»Diese Schweine!«, grollte Siggi, als er sich seinen Weg über die geronnene Lava am Rand des Feuersees suchte. »Was haben die mit dir gemacht?«
»Sie ... sie haben mich gefangen«, antwortete Hagen schwach. »Sie schleppten mich vor ihren finsteren König, der mich einen Eindringling nannte, der den Tod verdient. Ich wehrte mich, sagte ich wollte gar nichts von ihnen, nannte die Schwarzalben blutrünstige Bestien. Darauf verurteilte er mich zum Feuertod in den Flammen Muspelheims. Er nannte mich einen Verräter und Neiding, der es verdiene, das Schicksal Lokis zu teilen.«
Während Hagen erzählte, sank seine Stimme zu einem Flüstern herab, das der näher kommende Siggi kaum verstehen konnte.
»Ich krieg dich da los«, sagte Siggi fest. »Mein Hammer wird die Ketten zerschmettern.«
Er hatte Hagen erreicht, der kraftlos in den Fesseln hing. Den Hammer in der rechten Hand, prüfte er die Ketten. Sie waren schwer und massiv.
Ein schneller Blick nach oben sagte Siggi, dass er Zeit genug haben würde, denn die Lava schob sich langsam und träge die Rinne hinab - ein teuflisches System, das Hagen der seelischen Folter aussetzte, den Tod immer vor Augen zu haben, während er darauf wartete.
»Gleich bist du frei«, versuchte Siggi seinem Freund Mut zu machen. Hagen antwortete nicht mehr; der Ohnmacht nahe, hing er in den Ketten.
Siggi sah sich die Fesselung näher an. Natürlich konnte er versuchen, die Ketten, die Hagen an den Felsen banden, nahe der Arme und Beine zu durchtrennen. Allerdings bestand die Gefahr, dass er seinen Freund dabei verletzte. Es gab eine viel bessere Stelle wie Siggi schnell erkannte. In den Felsen waren Ringe getrieben worden, welche die Glieder der Kette hielten. Dort würde der Kriegshammer das schwarze Eisen zerschlagen können.
Siggi erhob den Hammer zum Hieb. Seine innere Ruhe überraschte ihn. Auch der Hammer, nicht nur der Ring, war die Quelle einer Kraft; er spürte das Kribbeln, das von ihm ausging.
»Halt ein, Midgard-Knabe!«, klang eine tiefe Stimme hinter ihm auf. »Führe einen Schlag gegen die Ketten, und du bist des Todes!«
Siggi wirbelte herum, den Hammer erhoben, und sah in die Gesichter mehrerer Schwarzalben, die vor ihm aus einer geheimen Tür getreten waren, welche nun offen stand und einen Blick auf einen dahinter liegenden Stollen freigab. Roter Feuerschein blinkte auf Klingen und Rüstungen; einige der Krieger hielten Geräte in den Händen, die ihn an eine Kombination von Bogen und Gewehr erinnerten - es mussten Armbrüste sein, und sie sahen so aus, als ob ihre Bolzen auf kurze Distanz selbst einen Panzer zerschlagen konnten, von einem Kettenhemd ganz zu schweigen -, und sie waren auf ihn gerichtet.
Einen Schritt vor den anderen stand einer, der ihr König oder zumindest ein sehr mächtiger Anführer sein musste. Er war größer als die anderen. Sein Haar war schwarz wie die Nacht, seine Augen so dunkel wie Kohle. In seiner Rechten hielt er kein Schwert, sondern eine Axt mit schwarzen, breitem Blatt.
Alles in allem waren es fast ein Dutzend Schwarzalben, alle geübte Krieger, wie es schien, aber seltsamerweise hatte Siggi überhaupt keine Angst. Die Kraft des Hammers, die seine Zuversicht geweckt hatte, versagte ihm auch hier den Dienst nicht. Er packte den Hammer fester und sah, wie eine Art Respekt in den Augen der Schwarzalben aufglomm. Er würde sich nicht so einfach gefangen nehmen lassen, schwor sich Siggi. Er würde sich und Hagen bis zum letzten Atemzug verteidigen.