Выбрать главу

Und dann war da noch der Ring, seine Geheimwaffe, die ihn unsichtbar machte.

Allerdings gedachte Siggi diesen Vorteil nicht leichtfertig zu verspielen. Seine Gedanken schweiften zu Laurion und Gunhild. Vielleicht waren sie entkommen, und dann würden sie ihm sicher zu Hilfe eilen, und in diesem Augenblick wäre der Moment da, unsichtbar zu werden und der finsteren Brut eins auszuwischen.

Einen Augenblick standen sie einander schweigend gegenüber, der Junge mit dem Hammer und seine gewappneten Gegner - Swart-alfar, untersetzt, muskulös, in Kettenhemden und bereit zum Kampf. Siggi war größer als die Krieger, nur der Anführer mit der Axt überragte ihn an Wuchs. Zum ersten Mal, seit sie ihn, Hagen und Gunhild durch den Wald gehetzt hatten, bot sich ihm die Gelegenheit, die Gesichter der Swart-alfar zu sehen. So furchterregend sahen sie eigentlich gar nicht aus; vielleicht hatten sie im Wald nur deshalb so schrecklich gewirkt, weil sie lautlos erschienen und ihre Mienen nicht zu erkennen gewesen waren. Unbezwingbar waren sie jedenfalls nicht. Auch sie konnten mit einem kräftigen Hieb gefällt werden.

Sie wirkten auch nicht so bösartig, wie Laurion sie geschildert hatte. Entschlossen, ja, und ernst, aber nicht blutrünstig und wild. Auch stürzten sie sich nicht augenblicklich auf ihn, um ihn zu töten. Der ewige Hass der Lichtalben auf die Schwarzalben hatte dazu beigetragen, erkannte Siggi, dass für Laurion die Swart-alfar nichts anderes als Bestien wurden, eben die finstere Brut, die nur aufs Morden aus war.

»Willkommen in Muspelheim«, wurde Siggi begrüßt. »Du willst deinen Gefährten retten?«, fragte ihn der große bärtige Anführer, und Siggi musste sich schwer beherrschen, um den rabenschwarzen Augen standhalten zu können.

»Ja!«, erwiderte Siggi fest, und es klang beinahe wie ein Schwur. Er würde Hagen nicht im Stich lassen. Bei allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, er betrachtete ihn als seinen Freund, und einen Freund würde er nie verraten.

»Gut«, die tiefe Stimme des Swart-alf klang zufrieden. »Dann hast du zwei Möglichkeiten.«

Siggi glaubte nicht richtig zu hören. Man ließ ihm die Wahl. Die Wahl zwischen was? Viele Dinge waren ihm in den letzten Sekunden durch den Kopf gegangen; die meisten hatten mit Kampf und Tod zu tun, aber vielleicht kam er ohne Kampf aus. Er würde den Bärtigen anhören; was mochte es schaden? Kämpfen konnte er immer noch.

»Lass hören.« Die glühende Lava war wieder ein Stück weiter gekrochen. »Ich habe nicht viel Zeit.« Seine Stimme klang fest und entschlossen, als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan, als einem halben Dutzend mittelalterlicher Krieger ins Auge zu blicken. Vielleicht stumpfte er langsam gegen Gefahr ab? Vielleicht war es wirklich die Kraft des Hammers oder des Ringes? Oder vielleicht hatte er in sich selbst einen Quell der Kraft gefunden, von dem er selber nichts ahnte ... Wie dem auch sei, er hatte keine Zeit für lange Überlegungen. »Lass hören!«

»Entweder wir kämpfen«, sagte der bärtige, hochrangige Swart-alf. »Dann wirst du sterben und nach dir der andere Midgard-Knabe.«

»Nein!«, stöhnte Hagen hinter Siggi, aber er widerstand dem Wunsch, sich nach dem Gefesselten umzudrehen, der hilflos der Hitze ausgeliefert war.

»Oder?«, fragte Siggi, und der Ton seiner Stimme ließ keinen Zweifel, dass er kämpfen würde, falls ihm die Alternative nicht gefiel.

»Oder du kannst mir helfen, ein Werk zu vollbringen. Eine kleine Aufgabe für einen Recken wie dich. Nenne es eine Geste, die mich vergessen lässt, dass dieser Knabe«, bei diesen Worten deutete der Swart-alf auf Hagen, »mich auf den Tod beleidigt hat. Nur seine Jugend hat ihn davor bewahrt, in meiner Halle unter den Hieben meiner Axt zu verbluten. Allerdings«, und der Swart-alf lächelte, »ist der heiße Zorn nun verraucht, und ich bin bereit, ihm zu verzeihen. Ich will es auf das Ungestüm der Jugend schieben und diesen Neiding die Möglichkeit geben, zu gehen und nie wiederzukehren.«

Siggi war klar, wenn er vor sich hatte: Alberich, den König der Swart-alfar, der Herrscher der dunklen Brut. Siggi zweifelte nicht einen Moment daran, dass dies Alberich aus den Sagen war und nicht irgendein Herrscher gleichen Namens. Nein, es musste jenes Wesen sein, von dem Odin, der Einäugige, ihnen erzählt hatte. Ein Geschöpf aus der Zeit der Legende, uralt und klug, sehr klug. Und wenn die Legenden wahr waren, dann war er, wie Siggi siedend heiß zu Bewusstsein kam, auch der Schöpfer des Ringes, der in seinem Beutel verborgen war.

»Was geschieht, wenn ich dir helfe, Nibelung?«, stellte er ihn auf die Probe.

»Du kannst deinen Freund befreien, und es steht euch frei zu gehen«, antwortete der Swart-alf. Seine tiefe Stimme klang väterlich; doch so hatte auch die Stimme des Grauen geklungen, und Siggi war nicht darauf hereingefallen. »Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt.«

»Wer sagt mir, dass du nicht lügst?«, fragte Siggi. Es galt herauszufinden, was das Wort des Albenkönigs wert war; denn er war sich völlig bewusst, dass für den angeketteten Hagen hinter ihm die Zeit knapp wurde. Und es wurde Siggi ebenfalls klar, dass ein Kampf Hagens Ende bedeuten konnte, auch wenn er selbst vielleicht noch mal davonkommen mochte.

Alberich ließ sich Zeit mit der Antwort, als überlege er seine Worte, um Siggi zu überzeugen. Aber Siggi war sich klar darüber, dass der Swart-alf längst wusste, was er sagen wollte.

»Wenn du dich weigerst, seid ihr beide des Todes«, sagte Alberich. »Und es ist doch wahrhaft kein zu hoher Preis, mit dem Hammer ein paar Schläge auf den Amboss zu tun, um einen einfachen Speerschaft neu zu schmieden. Und ob ich lüge oder nicht, wirst du erst dann herausfinden, wenn du meine Bitte erfüllt hast.« Alberich ließ seine Stimme fast zu einem Flüstern herabsinken, als er fortfuhr: »Ich will nicht mehr sagen, denn das Gift der bleichen Brut könnte in dir wirken. Die Lios-alfar meinen, dass das Volk der Swart-alfar und ich, ihr Herrscher, Bestien, Lügner und Verräter seien, und sie verbergen ihre Ansichten nicht hinter schönen Worten. Du bist bei ihnen gewesen und hast sie gehört. Nun ist es an dir, ob du ihnen glaubst oder ob du versuchst, dir dein eigenes Bild zu schaffen.«

»Nun«, Siggi fand es an der Zeit, nachzugeben, um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, denn das zähfließende, glühende Gestein kroch immer weiter die Rinne hinunter, um Hagen den Tod zu bringen, »ich denke, ich werde versuchen, herauszufinden, was dein Wort wert ist. Ich werde dir den Dienst leisten, den du von mir verlangst - wenn du meinen Freund Hagen zuvor loskettest. Und dann werden wir sehen ...«

»Und dann werden wir sehen ...«, antwortete Alberich wie ein Echo, und er lächelte dabei, »was geschehen wird, Midgard-Knabe. Du wirst überrascht sein.«

Siggi antwortete nicht. Aber er wusste, sollte es so weit kommen, würde er rasch und ohne zu überlegen handeln. Siggi dachte immer nur noch von Augenblick zu Augenblick, und er wunderte sich kein bisschen darüber, dass es ihm so leicht fiel, denn der Zauderer in ihm schien völlig verdrängt zu sein. Sein Herz pochte, aber nicht aus Furcht, sondern vor einer wilden Freude, die das Blut schneller durch seine Adern trieb.

»Nun denn«, sagte Alberich und hob die Hand. »Macht ihn los.«

Zwei der Swart-alfar traten zu Hagen hinüber, und mit wenigen Handgriffen hatten sie die schweren Ketten von seinen Armen und Beinen gelöst. Fast sah es so aus, als hätte er sich ohne Mühe selber befreien können. Aber das musste eine Täuschung sein, dachte Siggi; was wusste er schon von der Technik der Schwarzalben? Hagen jedenfalls war augenscheinlich am Ende seiner Kräfte; er sackte in sich zusammen und musste von den beiden Kriegern gestützt werden, die ihn mehr mit sich schleiften, als dass er ging.

Alberich wandte sich um und trat hinaus auf eine Anhöhe, die wie eine natürliche Halbinsel in den Lavasee hinausragte. Doch als Siggi ihm zögernd folgte, erkannte er, dass nichts an diesem Vorsprung natürlich war. Stufen waren in den Stein gemeißelt, und aus dem Podest, das sich auf der Kuppe des Hügels erhob, ragte ein einzelner schwarzer Block hervor. Er war rund und ringsum mit verschlungenen Bandornamenten bedeckt, einem Fries, das sich um den ganzen Rand zog. Das Flechtwerk war so verwickelt und verwirrend in seinen Knoten und Verästelungen, dass das Auge ihm nicht folgen konnte; doch es hatte fast den Anschein, als handele es sich um ein einziges Band, ohne Anfang und Ende, geschuppt wie eine Schlange. In dem unsteten Licht, das von dem Lavasee heraufschimmerte, schienen die schuppigen Windungen zu leben - ein ewiger Tanz, voller Schönheit und Gefahr zugleich. Der Spiegel des Steines war glatt wie Glas, doch als Alberich sich darüber beugte, war kein Spiegelbild darin zu sehen, nur ein Reigen von aufglimmenden Strahlen, schimmernden Fäden gleich, die aus dem Nichts heraufstiegen und wieder im Dunkel vergingen.