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»Dies ist der Amboss der Hei«, sprach der Herr der Swart-alfar. »Auf ihm wurde vor Urzeiten das Schicksal der Welt geschmiedet. Große Dinge nahmen von hier seinen Ursprung. Kleinode von mächtiger Zauberkraft sind hier entstanden. Hier schmiedeten die Zwerge von Brisings Stamm das Halsband der Welten. Und ich ...« Er brach ab, aber Siggi wusste genau, was er sagen wollte, als hätte er es laut ausgesprochen.

Ich schuf hier den Ring.

Heiß brennt das Feuer der Zwergenglut, doch heißer noch war der flammende Reif, der vor seinem geistigen Auge stand. Der Ring rief ihn mit Macht, und er musste mit Gewalt an sich halten, nicht in die Tasche zu greifen und ihn sich überzustreifen. Es wäre so einfach gewesen. Doch er durfte es nicht tun. Er musste an seine Freunde denken, an Hagen, an Gunhild und Laurion. Zeit! Er musste Zeit gewinnen. Seine Hand schloss sich um den Griff des Hammers, und Kraft durchflutete ihn.

Alberich machte eine kurze herrische Geste, und einer der Krieger, die immer noch das Schwert gezückt hatten, ließ seine Klinge in die Scheide gleiten, eilte durch die Geheimtür hinaus, um gleich darauf mit einem Bündel aus grauem Tuch zurückzukehren. Geradezu ehrfurchtsvoll überreichte er es seinem König.

Alberich warf das Bündel auf den Amboss und riss das Tuch beiseite.

»Sieh hier, Midgard-Knabe ...«, begann er.

Doch Siggi unterbrach ihn: »Nenn mich bei meinem Namen, Wicht! Ich bin Siegfried.«

War es ein Donner, der verhalten grollte, oder nur eine Bewegung in den Lavamassen, die sich gegeneinander rieben?

Alberich wirkte zum ersten Mal ein wenig aus der Fassung gebracht. »Das ist der Speer, den du für mich schmieden sollst.«

Siegfrieds Blick fiel auf die beiden Bruchstücke, die auf dem Amboss lagen. Sie waren so schwarz wie das Material, aus dem der geheimnisvolle Obelisk geschaffen war. Seltsame Zeichen bedeckten ihn, eingeritzt, dunkelrot gefärbt, schimmernd im Widerschein der Feuerzungen, die aus den Tiefen des Steines aufschienen.

»Was ist das für ein Speer?«, fragte Siegfried, obwohl er in diesem Augenblick die Antwort schon erahnte.

»Es ist der Speer, den einst Walvater Odin trug. Ich will ihn wieder zusammensetzen, um ihn als Schmuck in meiner Halle zu sehen«, antwortete der Nibelung. »Er wird mich alter Zeiten gemahnen.«

»Wird das, was von Siegfried zerschlagen wurde und von Siegfried neu geschmiedet werden soll, nicht seine einstige Macht zurückerhalten?«, fragte Siggi.

Der Herr der Swart-alfar lachte.

»Oh, Midgard-Knabe, weder du noch ich sind Götter. Wir haben nicht die Kraft, dem, was einst zerbrochen wurde, die eigentliche Macht zu geben. Wir können nur die äußere Hülle wiederherstellen.« Alberich sah Siggi fest ins Auge. »Die Zeit zaubermächtiger Waffen ist vorbei. Andere Dinge sind an ihre Stelle getreten, auf ihre Art genauso mächtig wie der Zauber der Götter, aber doch von ganz anderer Weise. Glaubst du, ich würde Maschinen für mich arbeiten lassen, wenn ich alles auch mit einem Zauber erledigen könnte? O Midgard-Knabe, wäre ich mächtig genug, hätte ich den Speer Walvaters längst von eigener Kraft neu geschmiedet und mit der Macht versehen, die Zeit der Altvorderen wieder auferstehen zu lassen. Für diese Zaubermacht würde ich selbst meine Maschinen ruhen lassen. Aber was nicht sein kann, wird nicht erzwungen werden können.«

»Gut«, sagte Siggi. Die Argumente waren einleuchtend, und doch überzeugten sie ihn nicht ganz. Vielleicht lag es an dem mythischen Ort, an dem sie sich befanden, wo ein Traum mächtiger erschien als die Wirklichkeit. Und hatte nicht auch der Siegfried der Nibelungensage das zerbrochene Schwert seines Vaters neu geschmiedet? »Dann lass uns ans Werk gehen, Nibelung!«

Alberich hob die Hand, und nun sah Siggi, wozu jene Rinne, in der die heiße Lava auf Hagen heruntergeronnen war, wirklich diente. Alberichs Kriegsknechte zogen einen Schieber beiseite, und der Strom der flüssigen Glut wurde umgeleitet, dass er auf den Amboss zuzufließen begann. Doch kurz vorher teilte er sich in zwei in den Boden vertiefte Kanäle, die auf der anderen Seite wieder in einer steinernen Esse zusammenflossen, sodass der Amboss selbst nun von einem feurigen Ring umgeben war, dessen Kraft sich im Schmiedeofen bündelte.

Dort lag das Handwerk des Schmiedes bereit: Zangen und Flaschenzüge, Bohrer und Zwingen und Hämmer jeglicher Art, vom schweren Vorschlaghammer bis zum feinsten Punziereisen. Alberich nahm eine Zange und legte das erste der beiden Bruchstücke in die Glut, dann das zweite; dann rief er mit mächtiger Stimme, die über den Lavasee hallte: »Zieht die Bälge! Blast, Winde!«

Ein Donnergrollen, stärker als das erste, antwortete ihm. Oder war es nur Siggi allein, der es hörte?

Die Swart-alfar legten sich in die Blasebälge; die Glut im Ofen fachte auf; das seltsame Material des Speeres, das eher an Holz als an Eisen erinnerte, veränderte die Farbe zu einem dunklen Rot. Die Runen, die bislang nur als vertiefte Schatten im Widerschein des Feuers sichtbar gewesen waren, schienen nun von innen zu glühen.

Die erste Speerhälfte wurde auf den Amboss geworfen. Die Strahlen aus der Tiefe des Steins schossen empor, legten sich um den Schaft, als wollten sie ihn in die Tiefe ziehen, verwoben sich in ihn hinein. Und Siggi wusste plötzlich - er hätte selber nicht sagen können woher -, wobei es sich bei diesen leuchtenden Bändern handelte: Es waren die Lebensfäden der Götter und Menschen, welche die Nornen gewoben hatten, und die sich nun mit dem Speer des Schicksals verflochten.

Der zweite Teil des Speeres wurde auf den Amboss geworfen, rot glühend wie der erste.

Alberich stand wie ein Riese der Urzeit vor seinem Werk, in jeder Hand eine schwarze Zange; nichts Zwergenhaftes war mehr an ihm. Mit den schweren Zangen schob er die beiden Bruchstücke gegeneinander, bis sie einander fast berührten. Ein Lichtbogen sprang zwischen ihnen auf.

Speer und Lichtschein ergaben die Form einer Rune.

Thurs.

Thors Rune!

Das Donnergrollen war stärker geworden; sie mussten es jetzt einfach hören, dachte Siggi. Er spürte, dass die Luft wie mit Elektrizität geladen war; die Härchen in seinem Nacken und auf seinen Armen stellten sich auf.

»Such dir einen Hammer und schlag zu!«, befahl Alberich.

»Ich habe einen Hammer!«, rief Siegfried, packte den Hammer der Asen, den er immer noch in der Hand hielt, und hielt ihn hoch empor. Er wusste nun, was er zu tun hatte. »Thor!«, schrie er. »Komm herbei! Dein Hammer ruft dich!«

Ein Donnerschlag, der die Festen der Erde erzittern ließ. Unmittelbar gefolgt von einem Blitz, der über den Feuersee zuckte, sich in den Milliarden spiegelnder Flächen und Blasen erkalteter Lava brach und schließlich gebündelt auf dem höchsten Punkt zusammentraf: dem Hammer in Siggis Faust.

Der Blitz durchfuhr Siggi von Kopf bis Fuß, doch er versengte ihn nicht; vielmehr schien der Junge zu wachsen, sich auszudehnen. Sein Brustkorb wölbte sich; seine Arme wurden stark und muskulös; rotblond flammendes Haar umwallte sein Haupt. Vor Alberich dem Zwergen stand Thor, der Donnergott, der seinen Hammer Mjölnir zum furchtbaren Schlag erhoben hielt.