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Und doch war es nicht Thor allein, sondern in dieser Gestalt war auch etwas von Siggi - von dem Helden, der in Siggi lebte und in Siegfried gelebt hatte, aber auch etwas von dem Midgard-Knaben, der so viel Mut brauchte, um seine eigene Angst zu bezwingen.

Thors Hammer tat seinen ersten Schlag.

Heißer als die Glut, die in der Erde brennt, ist die Kraft in den Herzen der Helden. Der blendende Blitz, der von dem Speer ausging, riss Siggi in einen Wirbel aus Licht. Und er ritt mit Thor in seinem von Böcken gezogenen Wagen über die Fluren von Asgard, watete durch die Ströme, die so seltsame Namen hatten wie Fimbulthul, Örm und Ising. Denn Thor fuhr in das Reich der Riesen, um seinen Hammer heimzuholen, und das kam so: Eines Morgens war Thor erwacht und hatte seinen Hammer nicht vorgefunden. Weder Flüche noch Drohungen halfen, doch der Dieb gab sich bald zu erkennen. Es war kein anderer als Utgard-Loki, der König der Riesen, und als Lösegeld für Thors Hammer verlangte er nichts weniger als die Hand Freyas, der Göttin der Liebe.

Odin rief sofort eine Ratsversammlung der Asen ein. Tyr und Njörd stimmten für einen bewaffneten Einmarsch, doch Odin sprach: »Ein Krieg gegen die Riesen würde uns teuer zu stehen kommen. Weiß niemand einen besseren Rat?« Da sagte Loki: »Lasst es uns deshalb mit einer List versuchen. Soll Thor als Frau verkleidet gen Jötunheim reisen und den Hammer als Brautgabe verlangen.« Dies sagte er nur, weil er Thor der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Doch die anderen hießen den Plan gut, und so musste auch der Donnergott mit Zähneknirschen zustimmen.

So reiste Thor zur Burg der Riesen, in wallenden Gewändern und mit Zorn im Herzen, und sprach sein Begehr. Darauf erwiderte der König der Riesen: »Drei Proben will ich dir auferlegen, ehe ich dir den Hammer Mjölnir in den Schoß lege. Bist du bereit, sie zu wagen?«

»Nur zu!«, sagte Thor.

Als erste Probe sollte er mit Utgard-Loki selbst um die Wette essen. Doch als der mächtige Thor sein Mahl verschlungen hatte - und Thor war der größte Esser unter den Asen -, stellte er fest, dass der König der Riesen die gleiche Menge verzehrt hatte und noch die Knochen und den Trog obendrein.

»Wenn die Maid nicht essen kann, mag sie wenigstens trinken!«, sprach der König der Riesen. Als zweite Probe gab er Thor ein großes Horn voll Wasser zu leeren, doch so viel dieser auch schluckte - und Thor war der größte Trinker unter den Asen -, fand er den Spiegel des Wassers doch nur wenig gesenkt.

»Wenn die Maid nicht trinken kann, kann sie wohl auch nicht kämpfen.« Als dritte Probe ließ er Thor einen Ringkampf austragen, doch zum Gegner benannte er eine alte Frau, die so schwach aussah, dass ein Windstoß sie umwehen könnte. Doch als Thor mit ihr rang - und Thor war der größte Ringkämpfer unter den Asen -, konnte er sie doch nicht besiegen und wurde schließlich selbst mit einem Knie zu Boden gezwungen.

Da sprach Utgard-Loki: »Ich, gegen den du im Wettessen angetreten bist, bin kein anderer als das Feuer, das alles verschlingt. Und das Horn, aus dem du getrunken hast, war das Meer, und so gewaltig hast du getrunken, dass es dort nun auf ewig Ebbe und Flut gibt. Die Frau aber, die du nicht besiegen konntest, war das Alter, das am Ende selbst die Götter in die Knie zwingt. Du bist wahrhaft würdig, meine Frau zu werden.« Und er legte der als Braut gewandeten Gestalt den Hammer Thors in den Schoß.

Da hob die Maid den Hammer hoch ... ... und Mjölnir tat seinen zweiten Schlag.

Heller als das Feuer, das in den Herzen der Helden brennt, ist das Licht im Auge der Götter. Wieder wurde Siggi hinweggetragen in einem wilden Wirbel; wieder reiste er mit Thor auf seinem von Böcken gezogenen Wagen. Doch diesmal ging die Reise hinab in die Unterwelt, das Reich der Hei, und das kam so: Baldur, Odins Sohn, war der schönste unter den Göttern. Eines Morgens kam er zu seinem Vater und sprach: »Ich habe einen bösen Traum gehabt, dass mein Leben in Gefahr sei, aber kann mich nicht mehr daran erinnern.« Da befragte Odin die Runen, und die Runen sagten ihm, dass Baldurs Tod der Anfang vom Ende der Götter sein würde.

Daraufhin versammelten sich die Asen zum Rate, und sie beschlossen, Feuer und Eisen und jeglichem Metall, Wasser und Stein, Bäume und Tiere und allem, was krank macht oder Gift in sich trägt, einen Eid abzufordern, dass sie Baldur kein Leid tun würden. Und alle Lebewesen und alle Dinge waren Baldur dem Schönen so zugetan, dass sie gelobten, ihm niemals ein Unheil zuzufügen.

Als eines Tages die Götter sich auf dem Idafelde zu Asgard damit vergnügten, Baldur auf die Probe zu stellen, und mit Stöcken und Steinen nach ihm warfen, ohne ihn zu verletzen, schlich sich Loki, der Baldur hasste, an den blinden Gott Höd heran und fragte ihn: »Warum wirfst du nicht auf Baldur?«

»Ich bin blind, und darum geben mir die anderen nichts, womit ich werfen könnte.«

»Dann nimm diesen Zweig hier, und erweise Baldur die Ehre.«

Der Zweig aber war ein Mistelzweig; denn Loki wusste, dass von allen Gewächsen nur die Mistel nicht hatte schwören müssen, weil man sie für zu jung und unreif hielt. Höd warf den Zweig, und Baldur sank zu Boden und war tot. Da weinten die Götter, und es weinte alle Kreatur; nur Loki konnte nicht weinen, und hätte auch er nur eine Träne vergossen, wäre Baldur gewiss von den Toten auferstanden. So aber musste Odins Sohn in das Reich der Hei hinabsteigen.

Für seinen Leib errichteten die Götter einen großen Scheiterhaufen, und Odin selbst gab Baldur seinen Ring Draupnir als Grabbeigabe, von dem jeden Morgen neun Ringe tropfen, und ehe er das Holz in Brand setzte, flüsterte er dem Toten etwas ins Ohr.

Loki aber banden die Götter, und sie warfen ihn in die tiefsten Höhlen von Muspelheim, dass er sich dort in ewigen Qualen winde, bis das Ende der Welt gekommen sei.

Darauf warf sich Odin seinen Mantel um und stieg hinab in die Unterwelt. Neun Tage und neun Nächte war er im Reich der Hei verschollen, bis die anderen Asen um ihn fürchteten. Doch keiner wollte es wagen, ihm zu folgen. Da spannte Thor seine beiden Böcke vor den Wagen, und mit ihnen eilte er durch die Luft zu den tiefsten Wurzeln des Weltenbaumes, wo das Reich der Tiefe beginnt. Doch er sah, dass der Weltenbaum angefangen hatte zu dorren, und die Nebel, die aus der Tiefe drangen, waren klamm wie die Finger des Todes. Und die Nornen sah er nicht.

Dafür traf er eine in Grau gehüllte Gestalt, die schweigend in der Dämmerung stand. Und sie sprach folgende Stäbe:

»Schwarz wird die Sonne, /es versinkt die Erde,

Vom Himmel schwinden /die heiteren Sterne

Rauch und Flammen / rasen umher.

Vieles weiß ich, / weit voraus schau ich

Der Welten Ende, / der Walgötter Sturz:

Schwertzeit, Beilzeit, / Schilde bersten,

Windzeit, Wolfzeit, / eh die Welt vergeht.

Brüder befehden sich / und fällen einander,

Geschwister sieht man / die Sippe brechen.

Der eine schont / den andern nicht mehr.

Was ist bei den Asen? / Was ist bei den Alben?

Yggdrasil zittert, /die Götter sammeln sich.

Zwerge stöhnen / vor steinernen Türen,

Wenn der Wurm erwacht - wisst ihr noch mehr?«

Keiner hat den Inhalt jenes Gesprächs je gekannt, das Odin und Thor an der Schwelle zur Unterwelt führten. Doch nun hatten sie einen Zeugen - einen Knaben aus Midgard, der unsichtbar bei ihnen war.

Thor sprach: »Dann gibt es keine Hoffnung mehr?«

»Die Götterdämmerung naht«, erwiderte der Graue. »Wer mag sie aufhalten?«

»Dann sag mir, was du dem Baldur ins Ohr geflüstert hast, als man ihn auf den Holzstoß band.«