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»Ho, Siegvater!«, antwortete Alberich. »In der Tat, der Speer ist neu geschmiedet.« Ein Grinsen verzerrte des Nibelungen Gesicht zu einer Fratze des Triumphes. »Aber was soll ich mit meinem Lohn? Es ist ein Schmuck für das Eheweib, das ich nie begehrte. Was schert mich solcher Tand, wenn ich das hier haben kann!« Dabei sah Alberich auf den Runenspeer, das Symbol der Macht seines alten Widersachers. »Mich, den Kriegsherrn der Swart-alfar, schmückt doch der Speer Siegvaters viel mehr, nicht wahr? Er wird mir so nützen wie dir. Und ich werde nicht versagen, wie du es getan hast. Und du, Einauge, wirst in diesem Plan auch eine Rolle spielen - als mein Hofnarr!«

Odin erstarrte in der Bewegung. Bei jedem Wort zuckte er förmlich zusammen. Alberich, in dessen Gesicht Siggi sah, war sich seines Sieges bewusst. Eine nachlässige Geste mit der Rechten und zwanzig Krieger mit Schwertern und gespannten Armbrüsten traten aus der geheimen Pforte zu den Feuern Muspelheims. Auch die bereits in Muspelheim befindlichen Schwarzalben zogen ihre Klingen.

Die Raben, die auf Odins Schultern hockten, flatterten krächzend auf. Pfeile zischten und trafen sie mitten im Flug. Der eine stürzte flügelschlagend auf den harten Basaltboden, zuckte noch einen Augenblick und lag dann still. Der andere wurde von der Wucht der Geschosse über den Rand des Lavasees getragen und verendete mit einem Aufflammen im Muspelfeuer.

Odin sah sich hilflos um; er war nicht imstande, auch nur ein Wort zu sagen. In Siggi hallten die Worte der Verborgenen Königin wie ein Echo wider: Lass dein Herz sprechen, Einauge. Gefühle und Weisheit sind nicht immer eins. Höre auf die Stimme deines Herzens. Der Graue hatte nicht auf sein Herz gehört, sondern seiner Klugheit vertraut. Und so war Odin verraten worden. Fast empfand Siggi ein wenig Mitleid mit dem Mann, der kleiner geworden zu sein schien - kein Gott mehr, sondern nur noch ein müder Greis, dessen letzte, verzweifelte Hoffnung sich als Illusion herausstellte. Seine Rechte wurde kraftlos, entließ Gunhild aus dem eben noch eisenharten Griff.

Siggi sah sich hastig um. Dies war die Gelegenheit; doch er musste versuchen, nicht nur Gunhild zu retten, sondern auch Laurion, den die Swart-alfar achtlos zu Boden geworfen hatten. Immerhin hatte er dem Lios-alf sein Leben zu verdanken. Und außerdem brauchten sie Laurion; denn ohne ihn den Weg zum Ausgang zu finden, das war kaum möglich.

Laurion hatte noch sein Schwert; die Swart-alfar mussten ihm keine Gelegenheit gegeben haben, die Klinge blank zu ziehen. Aber noch viel wichtiger: Er trug die Wasserflasche bei sich. Auf dem Wasser lag der Zauber der Königin. Damit konnte Siggi den Lichtalben wieder auf die Beine bringen.

»Höre, Einauge!«, ertönte Alberichs tiefer Bass. »Sieh her!« Siggis Blick fuhr automatisch herum. Auch Odin hob das Gesicht, als folge er einem Befehl, und obwohl Siggi ihm nicht in die Augen schauen konnte, erkannte er doch, dass in dieser Geste keine Heuchelei lag, kein Hohn und keine Ironie. Siegvater war gebrochen, seine letzte Chance war vertan. Alberich triumphierte, und er nutzte seinen Sieg, um Odin zu demütigen. »Ich gebe diesen Speer meinem Sohn Hagen, dem Prinzen der Swart-alfar, auf dass er in meinem Namen damit große Taten vollbringe.«

Sohn!, hallte es in Siggi wider. Es musste eine Menge geschehen sein in den Stunden, die Hagen im Reich der Swart-alfar verbracht hatte. Wie tief mochte das Gift der Feindschaft bereits in dem Freund sitzen?

Hagen nahm mit beiden Händen den Runenspeer Odins entgegen.

»Seid bedankt für das Vertrauen, Vater«, sagte Hagen und neigte den Kopf vor dem Schwarzalbenkönig. Wieder wallte Zorn in Siggi auf, und wieder gelang es der Vernunft, den unbeherrschten Grimm niederzuringen. Seine Stunde würde kommen; er musste nur Geduld haben.

Zögere nicht zu lange!, schien etwas mit der Stimme des Donnerers in ihm zu sagen. Verschlafe nicht den Augenblick der Tat!

Siggis Blick fiel auf Laurion, dessen Gesicht ihm zugewandt war. Der junge Lichtalbe war bei Bewusstsein, und er zwinkerte Siggi zu, als wolle er sagen, dass er bereit sei. Siggi schob die Schlaufe, an der Mjölnir hing, um das Handgelenk, um den Hammer Thors nicht zu verlieren. Seine linke Hand tastete nach dem Beutel an seinem Gürtel.

»Und nun, Hagen, mein Sohn«, begann Alberich leise, fast schnurrend zu sprechen, bevor seine Stimme geradezu explodierte: »Töte ihn!« Sein Finger wies auf Siggi. »Töte ihn, denn er hat den Ring des Nibelungen, der mir gehört!«

Für einen Moment schien in Muspelheim jedes Geräusch zu verstummen. Die Stille war absolut. Alle in dem gewaltigen Felsendom erstarrten, als Alberichs Befehl wie ein Blitz zwischen sie einschlug.

Auch Siggi war für einen Augenblick wie gelähmt. Der Ring war kein Geheimnis mehr. Hagen hatte ihn verraten. Mit weit geöffneten Augen starrte er den schwarzhaarigen Jungen an, der nun der Prinz der Swart-alfar war. Quälend langsam hob Hagen den Speer, und die Spitze der Waffe wies genau auf Siggis Brust.

Täuschte Siggi sich, oder sah in den Augen Hagens tatsächlich ein Flackern, begann die eiserne Spitze des Runenspeers nicht leicht zu zittern? Siggi stand keine zehn Schritte von Hagen entfernt. Selbst ein Ungeübter musste auf diese Entfernung treffen.

»Töte ihn, Hagen!«, dröhnte Alberichs Stimme. »Töte Siegfried!«

Atemlose Stille lag über Muspelheim; die Spannung in der Luft war geradezu greifbar. Hagen hatte den Speer des Schicksals erhoben. Jetzt brauchte er nur noch die Spitze in Siggis Brust zu versenken, um dem Wunsch - nein, dem Befehl - seines Vaters nachzukommen.

»Wirf!«

Hagen zog die Hand zurück, bereit zum Wurf. Aber Siggi sah das unmerkliche Zittern in Hagens Muskeln, den winzigen Moment des Zögerns, bevor die Entscheidung fiel.

Jetzt oder nie!

Siggi griff in den Lederbeutel. Wie von selbst glitt der schwere, einfache Goldring über seinen Finger, und zugleich machte Siggi einen Satz auf die Stelle zu, wo seine Schwester stand.

In dem Augenblick, als Siggi den Ring des Nibelungen über den Finger streifte, verschwamm seine Gestalt und war nicht mehr zu erkennen. Nur einen Lidschlag später wurde auch Gunhild unsichtbar.

Alberich, die Swart-alfar, Hagen und auch der gebrochene Odin waren für einen Moment unfähig zu reagieren. Darauf hatte Siggi gehofft. Gunhild war noch wie erstarrt, und er zog sie mit sich.

Ein Swart-alf versperrte ihnen den Weg. Siggi sah keine Möglichkeit; er schwang Mjölnir, und der Hammer Thors traf den Schwarzalben mitten auf die Brust. Rippen knackten, und dem Krieger entwich pfeifend die Luft; schmerzgebeugt sank er in sich zusammen und rang nach Atem.

»Mîm«, entfuhr es Hagen, als er sah, wie dieser wie von einem Schlag aus dem Nichts getroffen zusammenbrach. Er ließ den Speer sinken, denn es gab nichts mehr, auf das er hätte zielen können.

Siggi lief vom Ausgang weg, suchte hektisch den Boden ab, fand schließlich einen Stein, und nahm ihm vom Boden auf. Er zog Gunhild weiter in Richtung der Lavarinne, wo Hagen angekettet gewesen war. Er hatte wenig Mühe, den Schwarzalben auszuweichen und Gunhild mitzuziehen, die gar nicht richtig zu begreifen schien, was vorging.

Was Siggi überraschte, war, dass er Gunhild sehen konnte. Aber das war gut so, hatte er so doch wenigstens ein Auge auf seine Schwester.

»Ergreift sie! Lasst sie nicht entkommen!«, gellte Alberichs Schrei durch den Kuppelsaal. Seine Stimme überschlug sich fast und hallte von den Wänden wider.

In dem Moment, als die Worte des Nibelungen verklangen, warf Siggi den Stein in Richtung der Geheimtür, durch die Alberich und Odin getreten waren. Deutlich war der Aufschlag des Wurfgeschosses zu hören.

»Da!«, rief Alberich. »Da sind sie. Los, jagt sie! Und bringt mir den Ring!«

Als die Swart-alfar auf die Tür zueilten, kam plötzlich Leben in Laurion. Er sprang auf die Füße und riss sein Schwert aus der Scheide. Einige der Swart-alfar wichen ihm aus, aber vier Kriegern, unter ihnen dem verwundeten Mîm, konnte er den Weg verstellen, sodass sie sich diesen erst freikämpfen mussten.