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»Sei ganz ruhig«, nutzte Siggi den Tumult, um Gunhild ins Ohr zu flüstern. »Wir sind unsichtbar. Keiner wird uns erkennen!«

Gunhild sagte nichts, dann nickte sie langsam, und es schien Siggi, als erwachte seine Schwester nach und nach aus einem furchtbaren Albtraum, der sie umfangen hatte.

Laurion hielt die vier Krieger der Swart-alfar scheinbar mühelos in Schach. Siggi sah atemlos zu, wie der Lios-alf mit aller Geschicklichkeit kämpfte, die ihm zu Gebote stand. Immer wieder gelang es ihm, die Attacken seiner Angreifer zu parieren, ihren Hieben auszuweichen, und keinen der Gegner in seinen Rücken gelangen zu lassen.

Gunhild wollte aufschreien, als sie das Kampfgeschehen sah, aber Siggi merkte es noch rechtzeitig und legte ihr die Hand auf den Mund. Der Schrei erstickte, bevor er ausgestoßen wurde.

»Ganz ruhig«, flüsterte Siggi. »Wir können ihm nicht helfen.«

Siggi krampfte sich das Herz zusammen. Ihm war klar, dass Laurion sich für sie opferte, um ihnen einen Vorsprung zu verschaffen; denn auf die Dauer hatte er keine Chance.

Da! Laurion wurde am linken Arm getroffen. Die scharfe Klinge eines Schwarzalben war ihm in den Oberarm gedrungen; helles Blut spritzte hervor. Laurion taumelte. Wie leblos hing nun sein linker Arm herunter. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.

Wie von Sinnen hieben die Schwarzalben auf ihren Gegner ein; selbst der verwundete Mîm führte sein Schwert, als wäre er vollkommen gesund. Nur mit Mühe konnte Laurion sich noch halten und wich immer weiter zurück.

Gunhild vergrub den Kopf an Siggis Schultern, wollte nicht mehr sehen, wie ihr Lebensretter und Freund starb. Siggi spürte, dass Gunhild weinte.

Er selbst konnte den Blick nicht von dem Kampf lassen, obwohl er es eigentlich nicht mit ansehen wollte. Aber der Krieger in ihm wusste, dass er damit Zeugnis für den letzten, heldenhaften Kampf eines Freundes ablegte.

Siggi hätte fast laut aufgeschrien, als der Lios-alf strauchelte. Ein Swart-alf stürzte vor, aber wie von selbst zuckte Laurions Klinge nach oben und fand ihren Weg durch Knochen, Fleisch und Sehnen. Als der Schwarzalbe auf den Boden aufschlug, war er bereits tot.

Die drei verbliebenen Gegner wurden vorsichtiger, wollten ihn nur noch in die Enge treiben. Der stark blutende Arm und zwei, drei weitere kleinere Wunden, die Laurion davongetragen hatte, würden ihn schwächen, und dann wäre er eine leichte Beute für die Swart-alfar.

»Greift an!«, brüllte der von rasenden Zorn erfüllte Alberich. »Erschlagt den Neiding!«

Der Befehl ihres Königs trieb die Krieger an, nun wieder mit Ungestüm auf Laurion einzudringen. Doch einer von ihnen trat dabei einen Schritt zu weit vor. Es war der letzte Fehler, den er in seinem Leben machte.

Laurion stieß einen Triumphschrei aus, und Siggi konnte kaum fassen, was er sah: Der Verwundete ging zum Angriff auf seine beiden noch verbliebenen Gegner über, ohne Rücksicht auf Verluste.

Einer der Swart-alfar sah eine Lücke in Laurions Deckung und stieß mit dem Schwert danach. Doch dieser duckte sich zur Seite, dass die Klinge seine Haut nur ritzte, und sein Schwert bohrte sich tief in den Bauch des Swart-alf, sodass der Krieger hustend und schreiend zu Boden sank. Gerade noch rechtzeitig konnte Laurion das Schwert aus dem Sterbenden ziehen, bevor der es ihm bei seinem Sturz aus den Händen prellen konnte. Nun stand nur noch ein Swart-alf Laurion gegenüber. Laurion hob grüßend die rotverschmierte Klinge.

»Laurion, zu Diensten, um euch zur Hei zu schicken«, sagte der Lios-alf keuchend.

»Mîm, euch zum gleichen Dienst verpflichtet«, erwiderte der Schwarzalbe und spuckte Blut. Es war der Krieger, dem Siggi mit Mjölnir die Rippen zerschmettert hatte.

Gleich darauf stürmten die beiden aufeinander ein. Siggi sah fasziniert und zugleich angewidert zu. Die Toten, all das viele Blut! Hatte es denn wirklich so weit kommen müssen? Und Siggi erkannte, dass der Hass zwischen den beiden Völkern viel zu tief verwurzelt war. Der Krieg und auch dieser Kampf waren unausweichlich. Was sich womöglich schon irgendwo anders in diesem Höhlenlabyrinth im Großen abspielte, fand hier im Kleinen statt; die Entladung unendlich alten Hasses, geschürt in Äonen, gepflegt von allen.

Laurion taumelte eigentlich nur noch; der letzte Vorstoß schien seine ganze Kraft erschöpft zu haben. Der Swart-alf, der sich Mîm genannt hatte, trieb ihn geradezu vor sich her. Trotz der gebrochenen Rippen schien er der frischere von beiden zu sein. Seine Hiebe waren wuchtig, und Siggi konnte sehen, dass Laurions Schwertarm bei jedem parierten Hieb zitterte. Dem Lichtalben fiel es zunehmend schwerer, die Waffe erneut zu heben, um die Hiebe des Gegners abzuwehren.

»Töte ihn!«, gellte der hasserfüllte Ruf Alberichs durch die Lavahalle. »Mach ein Ende, Mîm, und räche die Toten, die der bleichen Brut zum Opfer fielen!«

Mîm raste. Berserkerwut hatte ihn erfasst, und Laurion konnte diesem Ansturm nicht mehr widerstehen. Das sah Siggi genau. Und auch der Lios-alf musste das wissen.

Laurion erwartete den Ansturm des Schwarzalben mit geöffneten Armen. Er bekam die Klinge in den Bauch, ließ sich nach vorn fallen und verkeilte das Schwert so mit seinem Körper. Schon im Sturz verschleierte sich sein Blick, doch sein Wille war ungebrochen.

Mîm, für den Bruchteil eines Augenblicks abgelenkt, vielleicht auch zu erschöpft durch die eigene Verletzung, sah die Klinge nicht kommen, die ihm, mit Laurions allerletzter Kraft geführt, tief in die Seite drang. Ein Blutschwall schoss aus seinem Mund, und er starb in seines toten Feindes tödlicher Umarmung.

»Mîm!«, rief Hagen aus. Und Siggi erkannte, dass Mîm für ihn etwas Ähnliches gewesen war wie Laurion für sie: ein Freund in einer fremden Welt. Siggi standen die Tränen in den Augen, als er die beiden Toten betrachtete.

Völlig starr, den Speer in Hand, den Kopf gesenkt, stand Hagen da. Er war von den Ereignissen überrollt worden - und er besaß niemanden, keine Schwester, keinen Freund, sich daran zu halten oder Trost zu finden.

Nur noch Hagen und Alberich waren auf der Walstatt verblieben. Odin, der Graue, war irgendwann während des Kampfes verschwunden, und niemand hatte gesehen, wohin er geflohen war. Siggi hatte kein Mitleid mit dem Alten, der durch seine Gier nach dem Erhalt seiner Macht eine gehörige Mitschuld daran trug, dass alles so weit gekommen war.

»Hagen!«, grollte Alberich. »Du bist es nicht wert, den Namen der Nibelungen zu tragen. Große Hoffnungen hatte ich in dich gesetzt, aber bei der ersten Probe deines Mutes versagst du kläglich! Ich verstoße dich. Du bist mein Sohn nicht mehr.«

Hagen drehte sich um und rannte zur Pforte hinaus, rannte blindlings in das Labyrinth der Gänge. All seine Träume, Wünsche und Hoffnungen waren in der heißen Luft Muspelheims zerronnen wie Schnee in der Morgensonne. Mit großen Erwartungen war er gekommen, als Prinz der Swart-alfar; nun ging er dahin als ein Verstoßener, geächtet und wie ein Hund davongejagt.

Erst als Hagen verschwunden war, fiel Siggi auf, dass ihr Freund den Speer des Schicksals immer noch bei sich trug.

Doch Alberich schien es nicht zu kümmern. Der Nibelung stand regungslos vor dem schwarzen Amboss, um den sich in ewigem Kreis die Midgardschlange zog. Seine Augen waren schwarz wie Kohle, der Blick darin undeutbar. Dann schlang er den schwarzen Mantel um sich und verließ mit schweren Schritten die Feuer von Muspelheim. Er hatte einen Krieg zu führen.

Unsichtbar und vor allen Blicken verborgen, blieben Siggi und Gunhild zurück.

9

Das Halsband der Göttin

Gunhild löste sich von Siggis Schultern, wischte sich die Tränen aus den Augen und schniefte. Der Junge wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatten, aber es war für ihn ein schönes Gefühl, neben all der Trauer um Laurion und dem Unverständnis für Hagen, der auf die Einflüsterungen Alberichs gehört hatte, seiner Schwester einen kleinen Teil des Schutzes und Trostes wiedergeben zu können, die sie ihm früher immer gespendet hatte. Es war wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit.