Die Stimme war eindringlich, und zusammen mit ihren Worten stiegen in Hagen nochmals die Bilder auf, wie Siggi und seine Schwester ihn immer wieder gedemütigt, seinen Stolz und seine Ehre verletzt hatten. Das Verweigern der Hilfe am Brunnen, der Diebstahl des Ringes und zu guter Letzt die Augenblicke in Muspelheim.
Die Resignation wich; der Zorn, der Wunsch nach Rache wuchs, die Sehnsucht, es dem verhassten Feind ein für alle Male zu zeigen.
»In den Rücken musst du ihm den Speer stoßen, denn dann kann sein Blick in dir keine Zweifel entfachen«, drang die Stimme wieder auf Hagen ein. »Er wird dich nie und nimmer mit einer Waffe in der Hand bezwingen; aber mit seiner Falschheit und Tücke wird es ihm immer wieder gelingen, dich zum Narren zu machen, dich zu demütigen und dich zu besiegen. Die Bande, die er mit seinen Augen schlägt, lähmen dich, Hagen. Stoß ihm in den Rücken, auf dass sein Blick dich nicht fesseln kann.«
Hagen nickte. Nur so konnte es gehen; nur so erreichte er sein Ziel.
»Alberich wird dich in Ehren aufnehmen, wird dir deinen Rang wiedergeben und dich Sohn nennen, wenn du ihm den Ring des Nibelungen bringst«, flüsterte die Stimme, aber Hagen war, als schrie sie ihm ins Ohr. »Deine Rache wäre vollkommen. Jetzt, wo Siegfried denkt, er hätte dich bezwungen, ein Nichts aus dir gemacht, dich entehrt, wirst du ihn töten.«
»In den Rücken ...«, kam es über Hagens bebende Lippen.
»Ja«, flüsterte die Stimme. »Ja, es ist ganz einfach ...«
»Wo finde ich ihn?«, fragte Hagen. »Er ist doch unsichtbar.«
»Es ist nicht mehr weit«, wurde ihm geantwortet. »Du wirst ihn bald sehen.«
Erst jetzt bemerkte Hagen, dass er immer weiter gegangen war, während die Stimme zu ihm gesprochen hatte. Er wusste zwar nicht, wo er sich befand, aber sein unsichtbarer Gesprächspartner leitete seine Schritte sicher durch die Gänge, Stollen und Hallen.
»Was ist das für ein Lärm?«, fragte Hagen, als er den Widerhall eines Horns und das Schlagen von Metall auf Metall hörte, gemischt mit unverständlichen Schreien und Rufen.
»Der Krieg ist da, und der Tod hält reichliche Ernte«, erfuhr Hagen. »Was du hörst, ist eine der Melodien des Sterbens. Es gibt viele. Manchmal schläft man ein und wacht nicht mehr auf, das klingt leise und friedlich, fast anmutig. Aber was du hier hörst, ist hundertfacher Tod, Schwerter graben sich tief ins Fleisch, Schmerzensschreie und Kampfesrufe sind kaum zu unterscheiden. Es ist ein dreckiges Sterben«, die Stimme machte eine kurze Pause, »denn in der Hitze des Gefechts wird kaum ein Hieb sauber geführt. Oft liegen die Körper minutenlang zuckend herum, winden sich, kaum bei Bewusstsein, in ihren Schmerzen. Du hingegen, Hagen, wirst sauber töten. Ein einziger, wohl überlegter, gezielter Stoß ins Herz.«
Die Melodie des Todes gellte Hagen in den Ohren, und er konnte wirklich nicht zwischen den Schlachtrufen und Todesschreien unterscheiden. Vielfach gebrochen erreichten die Echos der Schlacht sein Ohr, und er meinte, sie riefen seinen Namen und forderten seine Tat.
»Wer wird am Ende gewinnen?«, fragte Hagen; denn er glaubte, sein unsichtbarer Begleiter wisse alles.
»Das hängt von dir ab. Tötest du den, der den Namen des Drachentöters trägt, dann wird das Geschick sich zugunsten des Nibelungen wenden«, war die Antwort. »Du rettest Leben und gewinnst die Schlacht.«
»Dann werde ich Alberich den Sieg bringen«, stieß Hagen hervor, »damit ich ihn wieder Vater nennen darf!«
»Aber«, flüsterte es von den Wänden, »du musst aus freien Stücken handeln ...«
»Wo ist Siegfried? Wo finde ich ihn?« Hagen wollte das vollenden, was er in Muspelheim begonnen hatte.
»Nicht weit von hier ...«, kam es zurück. »Folge dem Gang. Dort, wo du die Quelle findest, da ist dein Feind!«
»Danke«, sagte Hagen, aber er erhielt keine Antwort.
Danke mir nicht. Die Stimme verblasste. Tu nur, was du willst...
»Ich will!«
Vor ihm begann sich der Gang zu erweitern. Das Wesen, dass sein letzter Freund war, musste während des Zwiegesprächs seine Schritte gelenkt haben. Hagen selbst hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Für ihn war es wie ein Erwachen, ein wunderbares Aufwachen aus einem Schlaf, der alle seine Niederlagen und die Demütigungen in neue Kraft für einen neuen Kampf verwandelt hatte. Nun würde es Siggi sein, der eine Niederlage hinnehmen musste. Seine erste und zugleich letzte. Hagen würde nicht zulassen, dass Siggi allein durch seine Anwesenheit die Swart-alfar in ihr Verderben riss.
Ganz vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Er atmete flach durch den Mund und versuchte jedes Geräusch zu vermeiden, das sein ahnungsloses Opfer auf ihn hätte aufmerksam machen können.
Das Erste, was er hörte, war das Plätschern von Wasser. Doch sein Blick wurde gefesselt von einem Farbenspiel, das vor ihm um die Biegung des Ganges drang.
Er spähte um die Ecke. Er stand am Eingang zu einer Grotte, die erfüllt war von Kristallen, welche das fahle Licht auf vielfältige Weise brachen. Es war wie ein Stein gewordener Regenbogen.
Diese Grotte wird Bifrösts Wurzel genannt, klang es in Hagen auf. Ein wahrhaft königlicher Ort für die Entscheidung zwischen dem Erben der Nibelungen und dem Erben der Asen. Aber lass dich nicht vom Zauber derGrotte, gefangen nehmen, Hagen. Du musst deine Aufgabe erfüllen.
Hagen versuchte die Faszination des Lichts zu verdrängen. Vorsichtig spähte er tiefer in die Grotte hinein. Und in der Tat, da stand er, der blonde Neiding, der ihm so zugesetzt hatte.
Hagen schlich in die Grotte, den Runenspeer fest umklammert. Diesmal durfte es kein Versagen geben. Langsam näherte er sich. Und wie unachtsam der Kleine war! Er plapperte mit seiner Schwester und achtete nicht auf seine Umgebung.
Nur noch fünf Schritte, dann war er nahe genug heran.
Siggi bückte sich, um aus einer Quelle zu trinken, die im Zentrum der Grotte entsprang. Beide wandten ihm den Rücken zu.
Das war seine Chance. Nur noch drei Schritte. Noch zwei, noch einer.
Hagen hob den Speer. In diesem Augenblick wandte Gunhild sich um ... doch es war nicht Gunhild.
Das Halsband der Verborgenen Königin erstrahlte auf ihrer Brust. Die Juwelen der neun Welten Yggdrasils, welche vor Urzeiten die kundige Hand der Zwerge darin eingefügt hatte, schimmerten in allen Farben des Regenbogens. Sie woben ein Netz aus Licht, in dem die Gestalt des Mädchens erhöht wurde zu etwas Übermenschlichem, etwas unbeschreiblich Schönem, vor dessen Bild nur eines möglich war: sich niederzuwerfen, um ihr sein Herz darzubringen und sie anzubeten.
In der Grotte Bifrösts, an der Wurzel der Regenbogenbrücke, die einst zu den hohen Hallen Asgards emporgeführt hatte, stand Freya, die Herrin der Liebe, in ihrem göttlichen Glanz.
»Komm heraus, Loki!«, sagte sie.
Ein Schatten löste sich aus den Wänden.
Er war das genaue Gegenteil von allem, für das Freya stand. In seinen dunklen Zügen war etwas von Alberich zu finden, aber auch von Hagen, von dem Neid, dem Hass und der Ungerechtigkeit, die immer Zwietracht unter den Völkern säen.
Auch ihn umgab ein Schimmer, doch es war nicht das reine Licht, das die Göttin umstrahlte, sondern ein unstetes Flackern, wie von Blitzen, und das Feuer, das in seinem Blick brannte, war eine lodernde Flamme, die alles verzehrte.
»Wohl getroffen«, sagte er. Seine Stimme war warm und einschmeichelnd und so unendlich überzeugend, dass man meinte, sie schon immer gehört zu haben und dass sie nur das aussprach, was man selbst schon immer gedacht und geglaubt hatte - und wer weiß, vielleicht war dem ja wirklich so ...