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»Genug!«, sprach die Göttin. »Du hast dieses Kind in deinen Bann gezogen.« Sie wies auf Hagen, der erstarrt dastand, wie festgefroren in der Bewegung. »Ich will, dass du es freigibst.«

»Habe ich das?«, schnurrte die Stimme. Loki wandte sich und schlich um Hagen herum, betrachtete ihn von allen Seiten wie ein interessantes Museumsstück. Hagen schaute starr geradeaus, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken; sein Blick war ausdruckslos und leer. Auch Siggi war in seiner knienden Haltung erstarrt; es war wie eine dreidimensionale Szene in einem Wachsfigurenkabinett, festgefroren in einem Augenblick der Zeit.

»Ich habe nur Gedanken in ihm geweckt, die ohnehin in ihm schlummerten«, fuhr Loki fort. »Ich habe ihm gesagt, er müsse diese Tat aus freiem Willen begehen. Keiner hat ihn gezwungen, und siehe, hier ist er nun.«

»Du weckst immer nur die dunklen Gedanken, die in jedem Herzen schlummern. Gedanken an Rache, Tod und Vergeltung. Ich habe euch Asen nie getraut. Eure Herrschaft hat mit einem Mord begonnen, dem Mord an Ymir, mit dem Weltenbrand soll sie enden. Die Wanen dagegen, denen ich entstamme, sind stets Götter der Freude und des Lebens gewesen. Nur aus Mitleid mit den letzten Überlebenden Asgards habe ich die Herrschaft über die Lios-alfar übernommen, als die Verborgene Königin -«

»Dann herrsche nicht länger im Verborgenen!«, rief Loki aus. »Zusammen mit mir kannst du die Herrschaft über die Welt gewinnen. Wir beide, Licht und Schatten, wir brauchen einander. Dich, die sie lieben; mich, den sie fürchten. Lass nur geschehen, was geschehen muss!«

»Was geschehen muss? Und wo bleibt der freie Wille, von dem du sprachst?«

»Sieh doch die Szene: Hagen und Siegfried. Alles ist bereit für die entscheidende Tat.«

»Ich sehe nur Baldur den Schönen und Höd mit dem Mistelzweig.«

»Gib mir eine Chance.« Die Stimme Lokis wurde flehend, mitleiderregend, dass sie direkt von Herz zu Herzen sprach. »Meine Brüder, Odin und Thor, haben die ihre vertan. Seit undenklichen Zeiten liege ich gepeinigt in Fesseln in den Feuern von Muspelheim, wandere nur als Schatten umher. Dies ist die letzte Gelegenheit, die ich je haben werde. Oder, ich schwöre dir, ich werde die Bande zerreißen, auch wenn die Glut mich verzehrt und alle mit ins Verderben zieht.«

»Es sei«, sprach die Göttin. »Ich nehme den Bann von ihnen, den Odin, Thor und du ihnen auferlegt haben. Dann sollen sie selbst entscheiden, wes Geistes Kinder sie sind.« Und sie wandte sich um ... ... »Hagen! Bist du verrückt?«, schrie Gunhild.

Sie hatte sich gerade noch rechtzeitig umgedreht, um zu erkennen, dass Hagen mit erhobenen Speer hinter ihnen stand. Die Spitze des Speeres war auf Siggis Rücken gerichtet.

Alles in dem Mädchen schrie danach, sich vorwärts zu werfen, ihren Bruder zu schützen, aber sie würde das Unheil nicht mehr verhindern können. Auch Siggi konnte sich nicht mehr in Deckung werfen. Er war verloren, wenn Hagen mit dem Speer zustieß ...

Gunhild sah in Hagens Augen, und sie glaubte Zweifel zu erkennen, Abscheu vor sich selbst. Oder spiegelte sich darin nur der Ausdruck ihrer eigenen wilden Hoffnung, dass Hagen nicht zustoßen, die Tat nicht vollbringen würde. Die Augenblicke dehnten sich zu Ewigkeiten. Jede Bewegung schien sie wie in Zeitlupe wahrzunehmen, als liefe alles in Einzelbildern vor ihr ab.

»Nein!«, schrie Hagen und warf den Speer neben sich zu Boden. »Nein. Ich kann das nicht. Ich will nicht!«

Siggi fuhr herum, die Hand schon am Hammer, der in seinem Gürtel steckte. Aber dann erkannte er Hagen, dessen Gesicht tiefe Verwirrung spiegelte. Zu seinen Füßen lag Odins Runenspeer. Siggi ließ den Arm sinken und sah Hagen fest in die Augen. Die Feindseligkeit, die bei ihrer Begegnung an dem unterirdischen Feuersee darin zu lesen gewesen war, war verschwunden. Hass und Zorn hatten Unsicherheit, Verzweiflung und Trauer Platz gemacht.

Es war Siggi klar, dass er den ersten Schritt würde tun müssen, um die Missverständnisse auszuräumen, die es gegeben hatte. Also erhob er sich und bot Hagen seine Hand da, und er musste sich dabei nicht einmal zu einem Lächeln zwingen.

»Freunde«, sagte Siggi.

»Freunde«, antwortete Hagen, und er ergriff die dargebotene Hand.

Noch vor einem Augenblick war er voller Mordgier gewesen, hatte Siggi töten wollen. Aber dann, als er hätte zustoßen können, war ihm alles plötzlich so unsinnig erschienen. Er lauschte in sich hinein, aber die Stimme, die ihn geleitet hatte, war weg. Und jetzt, da diese Präsenz ihn verlassen hatte, sah er vieles mit anderen Augen.

Er fragte sich, wer es gewesen war, der ihn zu einem Mord hatte verleiten wollen. Wer war diese Stimme gewesen, die ihn immer wieder mit Einflüsterungen angetrieben hatte? War er am Ende vielleicht verrückt? Nein, damit würde er sich die Sache zu einfach machen; denn wie dem auch sei, ihm war bewusst, dass er selbst nicht völlig schuldlos war. Verletzter Stolz hatte ihn angetrieben und es Alberich und der Stimme leicht gemacht, ihn so weit zu bringen, einen Mord begehen zu wollen.

Gunhild standen die Tränen in den Augen. Sie zog die beiden Jungen zu sich heran, und für einen Moment bildeten die drei eine Einheit.

In Siggis Augen erneuerten sie den Pakt, den sie auf dem Felsen geschlossen hatten, als sie auf den Rhein heruntersahen und eigentlich zum ersten Mal gemerkt hatten, dass sie Freunde waren. Siggi war Alberich sogar fast dankbar; denn er hatte dieser Freundschaft einer Probe unterzogen, an der sie sich bewähren konnte.

Hagen, Gunhild und er hatten diese Probe bestanden. Kein Traum von Macht und Einfluss hatte über das triumphiert, was sie zu Menschen machte. Im Grunde war das, was ihn mit Hagen verband, von viel größerem Wert als der Ring im Beutel an seinem Gürtel.

»Und nun?«, fragte Gunhild erleichtert. Sie fragte nicht, was mit Hagen geschehen war. Der Bann, unter dem sie selbst gestanden hatte, war nun endgültig verflogen. Und ähnlich, sagte sich Gunhild, musste es auch Hagen und Siggi ergangen sein. Es war einfach gut, dass sie wieder frei waren und zusammen, zu dritt, hier im Herzen der Welt.

Unter ihren Füßen erzitterte der Boden.

Es war, als ob in den Tiefen der Erde, weit, weit unter ihnen, wo die Feuer von Muspelheim am heißesten waren, ein mächtiges Wesen sich regte. Es war wie ein gewaltiges Tier, das gefangen war und sich nun, nach endlosen Jahren der Qual, gegen seine Fesseln aufbäumte. Unzerstörbare Bande schnitten in unirdisches Fleisch; Blut, das wie Feuer lohte, strömte aus unsäglichen Wunden. Und dann war es frei.

»Endlich frei!«

Der Schrei der Freiheit wurde zum Schrei des Todes, als ein aufloderndes Flammenmeer ihn erstickte, und verebbte in einem Ächzen. Mit einem Aufbrausen wie ein Orkan fegte der Feuersturm alles hinweg, was sich ihm in den Weg stellte, raste empor durch Schächte und Kamine, mit einem dröhnenden Ton, der wie eine Fanfare des Untergangs durch die Anderswelt hallte.

Das Horn von Ragnarök.

In den Gängen flackerte es von einem rötlichen Feuerschein.

»Machen wir, dass wir wegkommen«, sagte Siggi. »Wir müssen hier raus.«

»Über uns tobt die letzte Schlacht zwischen den Swart-alfar und Lios-alfar«, wandte Hagen ein, »und es wäre nicht gut, wenn wir da hineingeraten.«

»Aber hier können wir nicht bleiben, so schön es ist«, sagte Gunhild ernst. »Ich glaube nicht, dass dies alles hier noch lange Bestand hat.«

»Kommt jetzt, schwingt keine Reden«, meinte Siggi. »Die Nacht dauert auch in der Anderswelt nicht ewig, und wir müssen noch den Ausgang suchen.«

Sie wandten sich dem nach oben weisenden Gang zu, der aus der Grotte führte. Siggi hatte wie selbstverständlich die Spitze übernommen. Mjölnir in der Faust, gefolgt von Gunhild, und Hagen deckte ihren Rücken. Sie waren bereits ein Stück in den Gang eingedrungen, als sie hinter sich ein Geräusch hörten.