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»Achtung!«, zischte Hagen.

Wie auf ein Kommando warfen sich alle drei herum, und pressten sich gegen die Wände, als wollten sie mit dem grauen Stein verschmelzen. Ihr Blick ging zurück in die Grotte.

Sie sahen Walvater Odin, der in die Grotte kam.

Er sah fürchterlich aus. Offensichtlich war er mitten in die Kämpfe der Alben geraten. Seine Kleidung war zerrissen, und das Gewand färbte sich dunkel von Blut. Er taumelte mehr, als er ging, und sein Ziel war die Quelle. Dort lag das, was er am meisten begehrte; was einst durch einen einzigen Hieb zerstört wurde; was neu geschmiedet, aber ihm verweigert worden war.

Der Runenspeer.

Das Zeichen seiner Macht.

Odin stürzte. Einen Moment lag er völlig reglos da, dann raffte er sich wieder auf und kroch auf Händen und Knien weiter. Er stöhnte vor Schmerzen; roter Schaum stand ihm vor dem Mund, aber dann lachte er plötzlich irre auf; ein Lachen, das zu einem Husten wurde. Der Speer war sein Ziel, der Speer des Schicksals, der ihm selbst zum Schicksal geworden war. Nichts anderes beseelte ihn mehr, nur noch die Gier danach und der Wille, ihn in Besitz zu nehmen.

Das Licht in seinem Auge wurde schwächer und schwächer, und doch hielt ihn sein eiserner Wille am Leben. Dann versagten ihm seine Arme den Dienst. Er sackte auf dem Boden zusammen und lag reglos da.

Blut färbte den Boden der Grotte, sammelte sich zu einer Lache.

Doch Odin gab nicht auf. Zwei Armeslängen war er nur noch entfernt von dem Ziel seiner Wünsche. Mit letzter Kraft krallte er sich in den kristallenen Fels, zog sich in seinem eigenen Blute noch ein Stück weiter. Und lag still.

Eine endlos scheinende Zeitspanne geschah gar nichts.

Dann ging ein Zucken durch Odins Arm.

Langsam, unendlich langsam, kroch Allvaters blutbefleckte Hand wie eine Spinne über den Boden, färbte den Felsen rot.

Dann schlossen sich die Finger um den schwarzen Schaft.

»Mein! Endlich mein!«

Wieder erzitterte die Erde. Die Kristalle der Grotte klingelten.

Hagen und Siggi wollten sich schützend vor Gunhild stellen. Siggi hielt Mjölnir zum Schlag erhoben, entschlossen, sich dem Gott in den Weg zu stellen, sollte er sich ihnen nähern.

Das Klingen der Kristalle steigerte sich zu einem gläsernen Klirren, als die ersten von ihnen zu fallen begannen. Odin blickte auf. Der Triumph in seinem Auge verwandelte sich zu einer Fratze des Entsetzens, als er sah, was auf ihn zukam.

Die Kristalle der Grotte hatten die Form eines riesigen, zähnebewehrten Rachens.

Odin hob den Speer, um sie abzuwehren. Doch kein Flammenstoß drang aus seiner Spitze, keine Runenmagie strahlte aus dem nachtdunklen Schaft. Heil und ganz war der Speer, gewiss, aber selbst in der Hand seines Schöpfers war er nicht mehr als ein totes Stück Holz, ohne Zauber, ohne Macht.

Dann schlossen sich die kristallenen Kiefer mit einem grässlichen Knirschen.

Gunhild wandte den Blick ab. Hagen schluckte. Nur Siggi sah unverwandt auf das Geschehen. Er hatte so vieles in den letzten Stunden gesehen, das nicht für die Augen Sterblicher bestimmt gewesen war, dass er auch jetzt noch Zeuge sein wollte.

Die Zähne des Ungeheuers hatten Odins Brust durchbohrt, hatten sich tief in Arme, Unterleib und Beine gegraben. Die Rechte umklammerte immer noch den nutzlosen Speer. Eine einzige Träne war aus dem Auge Allvaters geronnen. Er öffnete den Mund, als ob er noch etwas sagen wollte, doch die Kraft reichte nicht mehr. Das Feuer in seinem Auge flackerte ein letztes Mal auf, dann erlosch es, die kraftlosen Finger öffneten sich, und der Speer rollte aus der Hand des toten Gottes.

Dann kam ein heißer Wind aus den Tiefen der Welt, mit einem Heulen wie der Stimme eines Wolfes, und der Leichnam zerfiel zu Asche, die der heulende Wind hinwegtrug.

»Es ist vollbracht«, drang eine von Trauer erfüllte Stimme von oben an die Ohren der Kinder. »Die Götter sind tot. So wie es ihnen vorherbestimmt war, sind sie gestorben: Thor durch die Schlange Jörmungand; Loki durch die Hand Surts, des Feuerriesen; Odin im Rachen des Fenriswolfs.

Die Götterdämmerung ist da. Ragnarök ist gekommen. Die Feuer Surts werden Muspelheim verlassen und alles in den Höhlen verbrennen, als reinigende Flamme aus dem Leib der Welt.«

Sie blickten auf. Inmitten des Regenbogenlichts stand die Verborgene Königin über ihnen. Sie wirkte seltsam durchscheinend, und die Kinder erkannten, dass sie nicht in Wirklichkeit hier war, und doch zauberte das gebrochene Licht Reflexe auf ihr weites, fließendes Gewand.

»Wir alle werden sterben«, sagte sie. »Wir konnten unseren Hass nicht überwinden. Wir haben gedacht, das Böse sei gebannt, glaubten, wir hätten Loki, den Vergifter Asgards, in den tiefsten Feuern Muspelheims in Fesseln gelegt. Doch wir hatten nicht mit seinem Schatten gerechnet, dem dunklen Ich, das in jedem von uns wohnt.«

»War es Loki, der mir sagte, wie böse Siggi sei?«, fragte Hagen, nicht ohne Hoffnung in der Stimme.

»O ja«, entgegnete die Erscheinung. »Loki hat auch deine Seele vergiftet, hat dich glauben machen wollen, dass du Siggi hasst, und er hätte es fast geschafft; aber es ist ihm letztlich nicht gelungen. Ich habe eingegriffen und den Bann von euch genommen, und als du die freie Wahl hattest, hast du dich für Freundschaft statt für Tod entschieden.«

»Wie habt Ihr eingegriffen, Herrin?«, fragte Gunhild verwundert. »Wir haben nichts davon gemerkt.«

»Es war das Halsband, das du trägst, Gunhild«, erklärte die Königin, »das mir die Möglichkeit dazu gab. In ihm ruht die Zeit aller Welten. Sagte ich dir nicht, es sei stärker als die mächtigste Waffe? In dem Moment, als Hagen den Speer hob, trat ich ein in jene heilige Zeit, in der eine Sekunde wie tausend Ewigkeiten ist, und forderte Loki auf, sich zu zeigen. Fast wäre auch ich seinen Verlockungen erlegen, aber dies eine Mal habe ich ihm widerstanden, Gunhild. Ich wünschte, ich hätte sein Spiel früher durchschaut, dann wäre Ragnarök in weite Ferne gerückt, und Alberichs und mein Volk würden in Frieden nebeneinander leben. Aber es ist zu spät.«

Tiefes Bedauern sprach aus ihren Worten. Und die Kinder begriffen, dass keine Macht dieser Welt jetzt noch aufhalten konnte, was in diesen Augenblicken geschah.

Ragnarök - der Weltuntergang, die Götterdämmerung hatte nun die Anderswelt erfasst und würde diese vernichten.

»Jedem von euch hat in der Anderswelt ein Gott zur Seite gestanden, aber verändert habt ihr euch selbst.

Siggi«, wandte sich Freya an den blonden Jungen, der immer noch mit Mjölnir in der Hand schützend vor seiner Schwester stand, »achte auf dich, denn in dir steckt mehr, als du zu glauben bereit bist.«

Siggi neigte den Kopf vor der Göttin, wenn er auch nicht wusste, was sie mit ihren Worten meinte.

»Hagen, sei nicht traurig«, fuhr Freya fort, »du hast etwas ganz Großes vollbracht, du hast dich selbst besiegt.«

Auch Hagen neigte seinen Kopf und war stolz auf das Lob, aber nicht so wie früher; denn er ließ sich seinen Stolz nicht mehr zu Kopf steigen, sondern wusste, jeder Tag würde Prüfungen für ihn bringen, und er konnte sie nicht alle bestehen und würde Fehler machen. Aber er würde damit leben können.

»Und Gunhild«, sagte Freya leise zu dem Mädchen, »vergiss nicht: Du bist wie ich. Ich werde immer ein Teil von dir sein, auch wenn der Zauber vergeht. Denn ich bin die Herrin der Liebe.«

Die Gestalt der Göttin flackerte wie eine Kerzenflamme, die im Wind zu erlöschen drohte.

»Wie kommen wir wieder in unsere Welt?«, rief Siggi rasch, bevor sie entschwinden konnte.

»Folgt Gunhild, ich werde durch sie wirken«, antwortete die Göttin. »Ich werde nicht all das Schreckliche, das hier geschieht, von euch fern halten können. Aber erinnert euch auch an das Schöne, das ihr erlebt habt, und an eure Freunde Laurion und Mîm. Denn aller Hass wird am Ende vergehen, und nur die Liebe bleibt...«