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Ihre Worte hallten noch einen Moment nach, dann war die Erscheinung verblasst und die Stimme verklungen.

Einen Augenblick standen die drei noch stumm da und starrten auf die Stelle, wo sie gewesen war. Zu viel war in den letzten Stunden auf sie eingestürmt. Sie waren Zeuge des Todes dreier Götter geworden - oder wie immer man auch jene Wesen bezeichnen sollte, die zugleich Verkörperungen elementarer Gewalten waren und doch auch Personen mit eigenen Hoffnungen, Wünschen und Zielen, die den höchsten Triumph ebenso kannten wie die abgrundtiefe Verzweiflung.

Siggi dachte an Thor, den Donnerer, der kämpfend untergegangen war, und an dessen unbändige Kraft und dessen heldenhaften Mut. Auch wenn der Geist des Gottes ihn nicht mehr beseelte, war mit der Bewunderung auch etwas von diesem Mut auf ihn selbst übergegangen.

Gunhild dachte an Odin und wie sie in die Abgründe seines Geistes geschaut hatte, als er sein verwunschenes Auge öffnete. Wieder schauderte sie bei den Gedanken, wie es sein mochte, mit einem solchen Bewusstsein zu leben, und irgendwie empfand sie etwas wie Mitleid mit ihm, seinem unbändigen Verlangen, den Sturm aus dem Nichts noch eine Weile zurückzuhalten.

Und Hagen dachte an Loki. Konnte er ihm einen Vorwurf machen? Diesem blitzenden Geist, der stets eine Antwort wusste, der immer aus jeder Situation das Beste machte? Der immer falsch zu anderen war und doch nie sich selbst verleugnete? Was war wirklich gut daran und was böse? Er wusste es nicht. Doch er fühlte sich wie von einem Feuer berührt, dessen Kraft ihm geholfen hatte, sich selbst zu erkennen.

Ein Flammenstoß fauchte in die Kristallhöhle und erfüllte den Gang mit blendender Glut. Surt, der Feuerriese, war gekommen.

»Raus hier!«, sagte Siggi.

10

Ragnarök

»Wo geht's lang?«, fragte Siggi, an Gunhild gewandt.

»Diesen Gang dort«, antwortete sie und zeigte auf einen offensichtlich nach unten weisenden Stollen und nicht auf jenen, der bergauf verlief und sie scheinbar ihrer Welt näher brachte.

»Aber der führt nicht nach oben«, wandte Siggi ein.

»Ich vertraue der Göttin«, sagte Gunhild einfach und trat auf den Gang zu, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.

»Und ich«, meinte Hagen, und den Glanz in seinen Augen hatte Siggi schon bei den Lios-alfar gesehen, »vertraue Gunhild.« Ohne ein weiteres Wort folgte er ihr.

»Na, wenn dem so ist«, meinte Siggi und ging den beiden nach. Seine Hand hielt er fest um den Hammer geschlossen. Wer wusste, was sie noch erwartete; denn Freya hatte gesagt, sie würde nicht alle Schrecken von ihnen fern halten können.

Gunhild lenkte ihre Schritte sicher durch das Labyrinth der Gänge. Das Licht, das die Anderswelt erhellte, schien nicht mehr so intensiv zu sein; es schwand langsam dahin.

Der Zauber verging ...

Und wenn es zuerst auch außer dem fahler werdenden Schein kein weiteres Zeichen für den Untergang der Anderswelt gab, so hörten sie auf dem Gang bald wieder die Echos des letzten Kampfes der Alben gegeneinander. Weder die Lios-alfar noch die Schwarzalben würden siegen. Dieser Kampf hatte keine Gewinner. Ihre Heimat würde vergehen, verlöschen und nur noch in der Erinnerung der drei Menschenkinder bestehen bleiben.

Mit ihnen würde die Anderswelt endgültig vergehen, aber Siggi dachte daran, sollte er einst Kinder haben, würde er ihnen von seinen Erlebnissen hier erzählen, würde ihnen vom heldenhaften Opfers Laurions berichten, vom Hass der Völker und vom sinnlosen Töten, aber auch von der Schönheit der Höhlen und von vielem mehr, das er gesehen und erlebt hatte. Die Geschichten dieser Nacht würden ausreichen für viele Erzählungen. Und er wusste, ohne zu fragen, dass Gunhild und Hagen ähnlich darüber dachten. Jeder von ihnen würde einen Teil der Anderswelt retten und vor dem Untergang bewahren. Und ihm war, als hörte noch einmal die Stimme des Donnerers, dessen Hammer er trug, die »Ich danke dir, Siegfried« grollte.

Sie folgten den von Gunhild ausgewählten Wegen, und Hagen schien mit seinem Vertrauen recht zu behalten, denn nach einem kurzen Abstieg ging es beständig bergauf.

Zu dem schwindenden Licht gesellte sich nun immer häufiger ein rötlicher Feuerschein, der die Schächte und Kamine hinaufdrang. Irgendwo in er Tiefe musste eine gewaltige Feuersbrunst toben, die langsam heraufstieg.

Und da waren die Schreie.

Gespenstische Echos hallten durch das Höhlensystem. Die Melodie der letzten Schlacht war disharmonisch, und mit der Zeit glaubte Hagen, dass Loki auch in diesem Punkt gelogen hatte. Deutlich konnte er die Kampfesrufe von den Todesschreien unterscheiden, und die Zahl der Letzteren überwog. Das Klagen und Schreien der Sterbenden übertönte die Rufe nach Kampf, Blut und Tod. Längst musste sich die Schlacht zu einem Gemetzel gewandelt haben. Selbst wenn die Krieger beider Seiten hätten aufhören wollen, es wäre ihnen nicht gelungen. Der Geist des Weltuntergangs, der rote Wind Ragnaröks, trieb sie unerbittlich in den Kampf.

Die Kinder erfüllte tiefe Trauer ob dieser schaurigen Sinfonie des Endes einer ganzen Welt, die unter ihren Augen zu Grunde ging. Sie durften sich nicht in den Kampf verwickeln lassen; denn ohne den Schutz der Götter würden sie gegen die Krieger beider Seiten keine Chance mehr haben.

Doch die Götter waren tot, und ihre Welt lag im Sterben.

Wie schön hätte es in den Höhlen sein können, wenn statt Hass Verständnis und der Geist der Versöhnung regiert hätten! Laurion und Mîm hätten noch leben können; so hatten sie sich mit ihren Klingen gegenseitig aufgespießt. Es war der Fluch des Krieges, dass sich aus Hass Zwietracht und aus Zwietracht neuer Hass ergab ...

Die Schreie wurden lauter, waren deutlicher zu verstehen. Offensichtlich näherten sie sich dem Ort, wo nach vielen kleineren Scharmützeln nun die große Endschlacht der Licht- und Dunkelalben ausgetragen wurde - dem Schlachtfeld Ragnaröks, das keine Überlebenden kannte.

»Können wir dem Kampf nicht ausweichen?«, fragte Siggi.

»Ich weiß nicht«, antwortete Gunhild, »ich kenne nur den einen Weg. Und den nicht mal ganz; ich weiß es nur jedes Mal, wenn ich die Richtung ändern muss, aber ...« Hilflos zuckte sie mit den Schultern.

»Wir müssen immer das Beste hoffen«, warf Hagen ein. »Und du hast immer noch den Ring und den Hammer. Das kann unsere Rettung sein.«

Hagen wunderte sich, wie unbeschwert er über den Ring reden konnte, nun da ihn Lokis Geist verlassen hatte. Er verspürte kein Verlangen mehr danach, ja, nicht einmal Bedauern, dass er ihn nicht mehr besaß. Inzwischen hatte Siggi sicherlich das größere Recht darauf. In Muspelheim hatte Siggi ihn, Hagen, damit vor einer großen Dummheit bewahrt.

»Ich wünschte dennoch«, meinte Siggi, »wir könnten der Schlacht aus dem Weg gehen. Ich meine, wenn's sein muss, klar, dann habe ich immer noch den Hammer. Aber der Kampf Laurions hat mir gereicht. Ich möchte nicht noch mehr davon sehen.«

Hagen und Gunhild nickten verständnisvoll.

»Aber wir können uns unsere Pfade nicht aussuchen«, meine das Mädchen. »Die Göttin hat aber versprochen, uns zu helfen.«

Und so setzten sie ihren Weg fort. Die gespenstischen Schreie hallten immer noch durch die Gänge, und man hätte meinen können, mit der Zeit würde man sich daran gewöhnen. Aber die drei gewöhnten sich nicht daran. Jeder Todesschrei trieb ihnen von neuem eine Gänsehaut über den Rücken, und eine Beklemmung beschlich sie, die nicht weichen wollte.

So hatte sich in seiner Fantasie Siggi das Ende eines großen Abenteuers nicht vorgestellt. Am Ende reitet der Held immer lächelnd in den Sonnenuntergang, und es bleibt keine Zeit für Trauer, Schmerz oder Entsetzen. In seiner Fantasie waren am Ende immer alle glücklich, die Bösen besiegt, die Guten wohlauf.