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Aber wer waren hier die Guten? Wie hatte Odin noch gesagt, als er sie zu den Lichtalben bringen wollte: Was ist gut, was ist böse? Das sind zwei Seiten einer Münze. Wer kann schon sagen, welche Seite davon die richtige ist. Der Unterschied liegt im Geist des Betrachters.

Alle waren sie im Recht und die anderen im Unrecht. Aber im Tod machte es keinen Unterschied mehr. Er hatte gesehen, wie Laurion sein Schwert in die Körper der Schwarzalben stieß, und sie hatten beim Sterben genauso gelitten wie der junge Lios-alf, der ihnen das Leben gerettet, oder Yngwe, der in Ymirs Unheilsquell den Tod gefunden hatte.

Bald gab es keinen Zweifel mehr. Der Weg, der ihnen die Göttin durch Gunhild wies, führte sie näher an das Schlachtfeld heran, als ihnen lieb war. Die Schreie wurden deutlicher, und einzelne Worte waren zu verstehen, wenn ein Sterbender nach seiner Frau oder Mutter rief oder wenn ein von Geist Ragnaröks erfüllter Krieger einen wilden Schlachtruf im Namen Alberichs, Freyas, Thors oder Odins ausstieß. Manchmal war auch ein wilder Fluch zu hören, der in ihren Ohren gellte.

»Gibt es wirklich keinen anderen Weg?«, ließ Siggi sich vernehmen, und aus den Blicken, die ihn Hagen und Gunhild zuwarfen, konnte er sehen, dass sie ähnlich darüber dachten.

Das Licht schien mit jeden Augenblick mehr zu schwinden, und die Dämmerung nahm zu. Siggi fühlte sich an die Zeit erinnert, als sie von Swart-alfar durch den Wald gehetzt worden waren. Das Licht war das gleiche. Ein Kreis begann sich zu vollenden. Der Ring war nahezu geschlossen, nun mussten sie nur noch entkommen, ansonsten waren sie in diesem Teufelskreis gefangen, und für sie würde es kein Entrinnen mehr geben.

Die Kinder gingen langsamer, ja, sie schlichen fast durch die Gänge, denn sie wollten nicht plötzlich mitten in die Auseinandersetzung hineingeraten. Vorsichtig spähten die drei vor jeder Abzweigung oder an jedem Wegkreuz umher, ob da nicht Krieger waren, die für sie zu einer Bedrohung werden konnten.

»Da ist ...« niemand, wollte Siggi sagen, aber das letzte Wort konnte er nicht mehr aussprechen, denn hinter ihm ertönte ein ersticktes Stöhnen. Siggi warf sich herum, und was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Aus einem Seitengang hinter ihnen waren vier Schwarzalben getreten, an ihrer Spitze Alberich, der König. Hagen lag regungslos am Boden, atmete aber noch, soweit Siggi das beurteilen konnte, und Gunhild hing hilflos im Griff Alberichs, der ihr seinen Dolch an die Kehle drückte.

»Gib mir den Ring und den Speer, Erbe des Drachentöters!«, forderte er. Sein Bart war wirr, seine Mähne zerzaust. Er blutete aus einem Schnitt über der Stirn. Die prächtige schwarze Rüstung war vom Kampf gezeichnet. Die Schwerter der ihn begleitenden Krieger waren schartig, und auch die Swart-alfar selbst zeigten Spuren des sinnlosen Kampfes.

Im ersten Moment wusste Siggi nicht, was er sagen oder tun sollte. Doch ein Blick in die Augen seiner Schwester ließ etwas in ihm ausrasten, und in Siggi erwachte etwas, von dem er nicht gewusst hatte, wie stark es war.

»Hör doch auf, alter Mann!«, sagte er bestimmt. »Ragnarök ist da, und ob du nun Ring und Speer bekommst oder nicht, macht keinen Unterschied mehr. Es ist Schluss! Aus! Ende!«

Zorn malte sich in Alberichs Gesicht ab. Damit hatte er nicht gerechnet. Er presste Gunhild den Dolch an die Kehle.

»Ragnarök!«, höhnte Alberich. »Gib mir den Zauber zurück und die Macht, dann ist der Sieg mein! Und dann«, seine Stimme überschlug sich, »wird es nur noch ein Reich geben, ein Volk und einen Führer!«

»Das kannst du vergessen«, sagte Siggi einfach nur.

»Den Ring!«, forderte der Nibelung und sein Blick wurde hart. »Und wo ist der Speer des Schicksals?«

»Odin hat den Speer«, und vor Siggis Augen stand noch einmal das Bild, als der Ase mit letzter Kraft den schwarzen Schaft umklammerte, »aber er hat ihm nicht geholfen. Und du bist dumm wie ein Stein, wenn du die Zeichen nicht siehst.«

»Wovon redest du?«

»Der Wolf hat ihn verschlungen. Thor fiel der Schlange zum Opfer. Und Loki hat seine Fesseln gesprengt, und jetzt rast das Feuer durch die Gänge. Es ist aus, verdammt noch mal. Kapierst du denn nicht?«

»Nein ...« Alberich erblasste. »Das kann nicht sein ...«

Sein Griff lockerte sich. Die Hand mit dem Dolch senkte sich ein wenig.

Gunhild nutzte diesen Moment der Schwäche. Sie biss Alberich ins Handgelenk. Ein Schmerzensschrei, und Gunhild riss sich aus seiner Umklammerung los und rannte zu Siggi hinüber.

Einer der Krieger um Alberich wollte ihr folgen, aber er hatte Siggi aus den Augen gelassen. Siggi schwang den Hammer mit einer Kraft, die er sich selbst nie zugetraut hätte. Er traf den Swart-alf in den Bauch. Pfeifend entwich dem Krieger die Luft, und er brach zusammen.

Alberich riss seine Axt vom Gürtel. Auch diese zeigte Spuren des Kampfes. Tiefe Scharten kerbten das geschwungene Blatt, an dem halb geronnenes Blut klebte.

»Du bist an allem schuld«, rief er dem bewusstlosen Hagen zu. »Du hast versagt! Stirb!«

Alberich hob seine mächtige Axt und setzte zum tödlichen Schlag an. Er würde Hagens Schädel spalten wie eine überreife Kokosnuss. Siggi würde nicht mehr rechtzeitig dazwischentreten können. Hagen war bewusstlos und konnte sich nicht selbst helfen.

»Mjölnir!«, rief Siggi aus. Der Schrei hallte durch die Gänge. Dann schleuderte er den Hammer, in der verzweifelten Hoffnung, Alberich zumindest ablenken zu können.

Obwohl der Wurf ungezielt war, schoss der Hammer direkt auf die Axt des Königs zu. Alberich wollte sie gerade mit Wucht nach unten führen, da traf der Hammer das Blatt und zerschmetterte es in tausend Stücke, die wie wütende Hornissen durch den Gang sirrten. Nur wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Alberich wurde der Stiel aus der Hand geprellt. Bestürzung malte sich auf dem Gesicht des Herrn der Schwarzalben. Er begriff nicht, was vorging.

Der Hammer hatte sich in der Luft gedreht und flog in die immer noch ausgestreckte Hand Siggis zurück.

»Bei den Feuern der Hei!«, entfuhr es Alberich. »Verflucht sollst du sein!«

Er entriss einem seiner Krieger die Klinge, stieß ihn brutal zur Seite und drang auf Siggi ein, der immer noch verdutzt auf den Hammer starrte. Gerade noch rechtzeitig warf der Junge sich zur Seite, um dem Schwerthieb zu entgehen.

Da, wo Siggi eben noch gestanden hatte, schlug das Schwert Funken sprühend auf den nackten Fels. Alberich knurrte wütend. Ein unartikulierter Schrei des Zorns, der wie das Fauchen eines zornigen Bären klang, kam aus seiner Kehle. Wahnsinn griff nach dem König der Swart-alfar.

Siggi rollte sich ab, und kam wieder auf die Füße. Alberich griff an, aber Siggi wich dem Hieb aus, unterlief das Schwert, doch sein Schlag verfehlte den Gegner um Haaresbreite, weil der Albe gedankenschnell zur Seite ausgewichen war.

Die beiden Kämpfer standen sich nun lauernd gegenüber.

Die Krieger der Swart-alfar und Gunhild sahen dem Zweikampf hilflos zu, während Hagen immer noch am Boden lag.

»Komm schon!«, forderte Siggi. »Bringen wir es hinter uns!«

»Ich habe schon ganz andere Gegner als dich niedergerungen, Midgard-Knabe!«, gab Alberich zurück. »Du wirst sterben. Hier und jetzt!«

»Aber ich bin der Erbe Thors«, ließ Siggi den Schwarzalben wissen. »Und du bist ein Idiot.«

Alberich stürzte los. Im selben Augenblick schleuderte Siggi erneut den Hammer, und so lief der Nibelung genau in Siggis Wurf. Der schwere Kopf Mjölnirs traf ihn mitten in die Stirn. Das hässliche Geräusch brechender Knochen war ein Laut, den weder Siggi noch Gunhild so schnell vergessen würde.

Der Kampfruf des Nibelungen erstickte in einem gurgelnden Schrei. Der Hammer kehrte wieder in die Hand Siggis zurück, der sie reflexartig um den Griff schloss und gleich darauf senkte.

Alberich stand wie vom Blitz getroffen. Seine Stirn war eine einzige Wunde. Die schwarzen Augen waren weit aufgerissen, aber begannen sich bereits zu verschleiern. Er wollte etwas sagen, aber außer einem schmerzerfüllten Röcheln brachte er nichts mehr hervor. Die Klinge entfiel seiner kraftlosen Hand, schlug klirrend auf den Fels. Der einstmals mächtige König der Swart-alfar, Herr des Nibelungenschatzes, Schöpfer des Ringes, der das Schicksal von Helden und selbst von Göttern bestimmt hatte, taumelte, stürzte mit dem Gesicht nach vorn zu Boden, und noch bevor sein Körper den Fels berührte, war er tot.