Plötzlich leuchtete flackernder Feuerschein aus den Gängen. Die Kämpfer erstarrten in ihren Bewegungen. Die Augen aller, ob Licht- oder Schwarzalben, richteten sich auf die Gänge. Ein Fauchen kam von überallher zugleich und steigerte sich in Sekundenschnelle ins Unerträgliche. Dann schossen von allen Seiten Feuerlanzen aus den Gängen hervor, die sich im Dom zu einer meterhohen riesigen Wand vereinigten.
Mache von den Alben machten noch den Versuch zu fliehen, andere blieben einfach erstarrt stehen, wo sie waren. Es machte keinen Unterschied mehr.
Sie alle, Freund wie Feind, wurden von der Feuerwalze überrollt, die nun auch auf die Kinder zuraste.
Unfähig, auch nur einen Finger zu krümmen, standen Siggi, Gunhild und Hagen da und erwarteten das Ende.
Immer näher rollte die alles verschlingende Lohe. Die Schreckensschreie der Lios- und der Swart-alfar gingen in dem Brodeln und Fauchen des Feuers unter.
Ragnaröks letztes Kapitel brach an, und Siggi dachte immer nur daran, dass sie zu langsam gewesen waren. Nun würden sie nie wieder die Sonne sehen.
Dann wurde die Hitze unerträglich, und die Flammenwand war nur noch wenige Meter von ihnen entfernt.
Alle drei schlossen in Erwartung des sicheren Todes die Augen ...
... und öffneten sie wieder. Der Feuersturm war über sie hinweggerast, ohne ihnen etwas anzuhaben.
Erleichtertes Lachen löste sich aus den Kehlen der Kinder, die ihr Glück nicht fassen konnten. Sie lagen sich in den Armen, lachten und weinten gleichzeitig Tränen der Freude. Die Feuer Muspelheims waren wieder in die Gänge davongezogen.
Siggi sah sich um. Der Dom war von Toten befreit, das Feuer hatte die Alben ebenso aufgelöst wie Laurion, Mîm und die anderen Krieger der Schwarzalben, die sie in Muspelheims Glut beigesetzt hatten. Nur die überall verstreuten Waffen erinnerten noch an das tödliche Ringen, das hier noch vor Augenblicken getobt hatte. Sie waren geschwärzt und wie von Rost zerfressen, als hätten sie hier schon seit Jahrhunderten gelegen.
»Weiter«, ließ Hagen sich vernehmen. »Ich will hier raus.«
Sie trafen keine Lebewesen mehr in den Gängen, und nach dem Lärm der Schlacht wirkte die absolute Stille, die sie nun umgab, fast genauso erschreckend. Außer ihnen machte keiner irgendwelche Geräusche. Es gab niemanden mehr, der einen Laut verursachen könnte.
Sowohl Siggi, Hagen als auch Gunhild standen so unter dem Eindruck des Geschehens, dass kein Gespräch aufkommen wollte, mit dem sie die Stille hätten brechen können. Außerdem war auch keinem von ihnen nach Reden zumute, denn es erschien als Frevel, diese Ruhe durch laute Worte zu stören.
Immer näher kamen sie dem Ausgang; manche der Abzweigungen kamen Siggi bekannt vor, denn unter der Führung Odins hatten sie die Stellen bereits gesehen. Siggi hatte sie sich deshalb gemerkt, weil der Graue hier und da gezögert hatte, was ihm verdächtig erschienen war. Wie lange das her war! Was war seitdem nicht alles geschehen!
Dann durchlief es ihn heiß und kalt. Wie viel Zeit war wirklich verstrichen? Er schaute auf die Uhr. Sie zeigte immer noch die Zeit vom Abend zuvor an, als sie stehen geblieben war. Aber der Sekundenzeiger bewegte sich wieder.
Der Morgen war nahe; er spürte es, und auch seinen Gefährten schien die Dringlichkeit bewusst zu sein. Unwillkürlich hatten sie ihre Schritte beschleunigt. Waren sie zuvor gegangen, jetzt liefen sie, rannten.
Gunhild wusste genau, welchen der Wege sie zu gehen hatte. Im Gegensatz zu Odin zögerte sie an keiner Wegkreuzung oder Abzweigung. Die Göttin Freya, die mit allem in der Anderswelt vergangen war, hatte ihnen diesen letzten unschätzbaren Dienst erwiesen. Ohne ihre Hilfe wären die Kinder nie so weit gekommen.
Schließlich erreichten sie die Kammer, in der Odin sie erwartet hatte. Fast glaubte Siggi, noch einmal das spöttisch lächelnde Gesicht des Grauen zu sehen, das eine Auge fest auf sie gerichtet. Hier hatten sie die Höhlen der Anderswelt betreten. Hier würden sie das Schattenreich wieder verlassen, aber sie würden nie mehr ganz dieselben sein.
Gunhild, die an der Spitze lief, hielt so plötzlich an, dass die anderen fast auf sie aufgelaufen wären.
»What -?«, keuchte Hagen, und: »Was ist los?«, fragte Siggi.
»Seht doch!«
Zwischen ihnen und dem Ausgang hockten drei Gestalten. Sie waren in lange, dunkle Gewänder gekleidet, mit einer Art Schleier oder Kopftuch über den Häuptern, sodass man ihre Gesichter nicht erkennen konnte. Doch sie bewegten sich mit der Bedächtigkeit uralter Frauen.
Die eine hielt einen Stab in der Hand, der mit einer Art Wollknäuel umwickelt war. Die zweite spulte daraus eine Schnur hervor, die im ungewissen Licht silbrig glänzte; es lag etwas Hypnotisches in diesem Glanz, und es schien nicht nur ein einziger Faden zu sein, sondern ein ganzer verwirrend geflochtener Strang. Die dritte nahm den Faden, und immer nachdem sie eine Elle abgemessen hatte, schnitt sie ihn ab und ließ die Stücke zu Boden flattern.
Die erste der drei sang mit dünner Stimme:
»Ich seh' aufsteigen / zum andern Male
Land aus Tiefen, / im Tau ergrünend;
Fälle schäumen, / es schwebt der Aar,
der auf dem Felsen / nach Fischen weidet.«
»Das müssen die Nornen sein«, sagte Siggi, »die am Fuß des Weltenbaums das Schicksal der Götter und Menschen gesponnen haben. Jetzt sind sie hier.«
Sang die zweite:
»Auf dem Idafelde / die Asen sich finden
Und reden dort / vom riesigen Wurm,
gedenken da / der großen Dinge
und alter Runen / im neuen Rate.«
»Sie singen von einem neuen Anfang und einer neuen Erde, wo die Arsengötter herrschen werden«, flüsterte Gunhild.
Und die dritte sang:
»Unbesät werden / Äcker tragen;
Böses wird besser: / Baldur kehrt heim;
Thor und Loki / leben mit Odin
In der Walgötter Halle - wisst ihr noch mehr?«
Der Faden, endlos gesponnen, zuckte im Zwielicht.
»Wie kommen wir da vorbei?«, fragten Siggi und Gunhild gleichzeitig.
»Kommt«, sagte Hagen und fasste sie beide an der Hand. »Das ist nur Lüge und Illusion. Glaubt mir, davon versteh' ich was.«
Festen Schrittes ging er auf die drei Spinnerinnen zu, Siggi und Gunhild mit sich ziehend. Und als sie die Stelle erreicht hatten, verzerrte sich das Bild wie der Spiegel einer Wasserfläche, wenn ein Wind darüberweht, und war verschwunden.
»Es riecht nach Wald«, sagte Gunhild.
Sie traten aus der Kammer hinaus und standen in der tunnelartigen Röhre, durch die sie hergekommen, und kaum hatten sie die Kammer verlassen, roch Siggi auch schon die würzige Waldluft.
Alle drei standen nebeneinander und atmeten tief ein und aus. Sie hatten es geschafft. Midgard - die Erde - hatte sie wieder.
Siggi wandte sich kurz um. Wo sie vor Augenblicken noch durchgeschlüpft waren, befand sich nur noch der massive graue Fels. Da war keine Pforte mehr, die in die Anderswelt führte. Das Tor war ein für alle Male verschlossen.
»Seht«, sagte Siggi und deutete auf den Fels, und alle drei sahen die glatte Wand grauen Gesteins, hinter dem die Anderswelt begann.
Sie gingen ins Freie. Frische, kühle vom Gewitter des gestrigen Abends gereinigte Luft empfing sie. Vor ihnen der Wald und am Himmel die Ahnung, dass hinter den Bäumen die Sonne gerade über dem Horizont erschienen war. Die Vögel zwitscherten ihr Morgenlied, und selten hatte Siggi dies so genossen wie in diesem Augenblick. Er glaubte, den Gesang der gefiederten Freunde hundert Jahre nicht mehr gehört zu haben.
»Wir sollten uns beeilen«, sagte Gunhild. »Die suchen bestimmt schon nach uns.«