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»Das gibt Ärger«, meinte Hagen düster.

»Nicht solange Mjölnir mit mir ist«, sagte Siggi großspurig, aber als sein Griff zum Gürtel ging, war da kein Hammer mehr. Eisiger Schrecken durchfuhr ihn.

»Was ist?«, fragte Hagen. »Wo ist dein Hammer?«

Siggi sah an sich herunter. Statt des Hammers hing eine Kette aus seinem Gürtel heraus. Der Junge zog daran, und ein bronzenes Amulett kam zum Vorschein, in der Form eines Hammers, nicht größer als seine Handfläche.

Gunhild griff sich an den Hals, aber auch Brisingamen hatte sich verwandelt. An einer silbernen Kette um ihren Hals hing ein einzelner, klarer Bergkristall, in dem das Licht sich brach und der wie eine Träne geformt war.

»Eine Träne für die Anderswelt«, sagte sie.

»Es scheint, manches erscheint in dieser Welt anders«, meinte Hagen. »Ist euch schon aufgefallen, dass wir unsere wunderschönen Kostüme irgendwo verloren haben?« Sie trugen wieder ihre alte Kleidung, mit der sie in die Anderswelt eingetreten waren; weder von Siggis und Gunhilds Rüstung, noch von Hagens schwarzer Albengewandung war etwas zu sehen.

»Gott sei Dank«, sagte Siggi. »Das wäre auch etwas schwierig zu erklären gewesen.«

Hagen überlegte nur einen Moment.

»Ich bin ein Fantasy-Rollenspieler und habe dieses Outfit mitgebracht, um euch in die Kunst des Live-Rollenspiels einzuweihen. Unsere Sachen hat die Jugendgang geklaut, die unsere Räder demoliert hat ... Na, wäre doch 'ne Erklärung gewesen.«

»Gute Geschichte«, sagte Siggi und grinste unverschämt.

»Ist ja auch von mir«, grinste Hagen. »Na ja, Hauptsache wir haben überhaupt was anzuziehen.«

Er warf einen schrägen Blick zu Gunhild, aber sie tat ihm nicht den Gefallen zu erröten. Sie war noch immer in die Betrachtung ihres Kristalls versunken. Auch Siggi hängte sich das Amulett um den Hals.

Hagen stellte zu seiner eigenen Überraschung fest, dass er gar nicht neidisch war, dass die beiden ein so schönes Andenken von ihrem Abenteuer mitbekommen hatten. Auch er hatte etwas davongetragen - manche Erinnerungen, die er lieber vergessen hätte, aber auch neue Freunde und eine neue Freiheit.

»Kommt, nun müssen wir aber gehen«, unterbrach Gunhild das Schweigen, das zwischen ihnen eingetreten war.

Sie gingen in den Wald hinein, ohne genau zu wissen, wo sie waren, aber irgendwann würden sie auf einen Wegweiser treffen und dann zum Waldgasthof gelangen.

Sie hatten sich gerade ein paar hundert Meter in den Wald hineinbewegt, da hörten sie Hundegebell und Rufen. Aus einiger Entfernung näherte sich mit knatternden Rotoren ein Hubschrauber.

»Was ist da los?«, wollte Hagen wissen.

»Ich glaube, die Eltern haben die Polizei eingeschaltet«, sagte Gunhild.

»Um Gottes willen! Was sagen wir ihnen denn?«, entfuhr es Siggi.

»Die Wahrheit«, meinte Gunhild, »können wir ihnen nicht sagen.«

»Wir haben uns in den Wald geflüchtet, weil eine Bande unsere Fahrräder zerschlagen hat und uns verprügeln wollte«, schlug Hagen vor. »Dann haben wir uns in einer Höhle versteckt und haben uns erst bei Tageslicht aus unserem Versteck getraut. Und das nicht mal so ganz gelogen ...«

»Klingt einleuchtend«, meinte Gunhild.

»Aber dann bleiben wir auch dabei!«, schärfte Siggi ihnen noch ein.

Das Hundegebell kam immer näher und auch der Hubschrauber schien sich ihre Richtung zu bewegen. Aufgeregtes Rufen war zu hören.

»Wir gehen ihnen entgegen«, beschloss Siggi. »Das macht sich gut. Schließlich sucht man uns, und wir sind nicht auf der Flucht.«

»Nicht mehr«, sagte Hagen und dachte an den gestrigen Abend, als die Schwarzalben sie durch den Wald gehetzt hatten.

»Ja, nicht mehr«, bestätigte Gunhild.

Gemeinsam machten sich die drei auf den Weg. Jeder von ihnen bemerkte langsam die Anstrengungen der letzten Stunden, und jetzt, da die Spannung von ihnen abfiel, kam die Müdigkeit. Sie schleppten sich mehr durch den Wald, als sie gingen. Die Augen fielen ihnen zu.

»Da! Da sind sie!«, rief eine Stimme. Und aufgeregte Bereitschaftspolizisten und Hundeführer kam herbeigelaufen. Die Kinder erschraken fürchterlich, denn so schnell hatten sie nicht mit den Suchern gerechnet.

Die nächsten Minuten wurden hektisch. Die Kinder wurden gefragt, wo sie gewesen waren, was mit ihren Fahrrädern passiert sei, die Polizisten machten einen besorgten Eindruck. Sie erfuhren, dass die Eltern am frühen Abend auf eigene Faust auf die Suche gegangen waren und die zerstörten Räder gefunden hatten. Dann hatten sie die Polizei angerufen. Diese hatte dann eine Suchaktion gestartet, konnte sie aber die ganze Nacht nicht finden. Dafür hatten an verschiedenen Stellen des Waldes die Hunde auf anderen Spuren Tobsuchtsanfälle bekommen, und die Tiere waren kaum zu beruhigen gewesen. Die Polizei vermutete dahinter eine Chemikalie.

Siggi stellte erfreut fest, dass sie sich mit ihrer Geschichte nicht widersprachen, als sie gefragt wurden. Sie verstanden sich blind.

Als sie eine halbe Stunde später in einem Polizeiwagen saßen, stieß Siggi Hagen in die Seite und beugte sich zu ihm hinüber.

»Das macht eine wahre Freundschaft aus: gemeinsame Erlebnisse und Geheimnisse«, sagte er leise zu Hagen und Gunhild.

Die drei Kinder lachten laut auf.

Draußen vor dem Auto stand der Einsatzleiter mit dem Funktelefon in der Hand. »Ja, wir haben sie gefunden«, sagte er. »Es geht ihnen gut, sie lachen schon wieder ...«

Epilog

Zwei Wochen später ...

Die Drachenfels lag bereit. Das Fahrgastschiff sollte Hagen auf dem Rhein nach Köln bringen, bevor er vom Flughafen Köln/Bonn mit der British Airways nach Heathrow fliegen würde. Diese Rheinfahrt hatte Siggis und Gunhilds Eltern für ihren Gast organisiert, als kleine Entschädigung für den Schrecken, den er davongetragen hatte, und damit er von Deutschland ein schönes Bild mit nach Hause nähme.

Die Mutter der beiden war gleich in Odenhausen geblieben, nachdem sie Hagen mit mehr Proviant und guten Ratschlägen versorgt hatte, als er im Leben brauchen würde. Ihr Vater hatte sich mit Handschlag verabschiedet und sich noch einmal für den Überfall der Jugendgang entschuldigt, für den er sich, wie er sagte, irgendwie mit verantwortlich fühle.

»Ich lass euch dann allein und gehe noch einen Kaffee trinken«, hatte er dann gesagt und war in Richtung des Ausflugslokal verschwunden, dessen Kaffeeterrasse einen wunderschönen Blick auf den Rhein erlaubt.

»Er geht jetzt in den ›Nibelungenbrunnen‹ «, schmunzelte Siggi, der offen auf der Brust das bronzene Mjölnir-Amulett trug.

»O nein, nicht noch einer!«, entfuhr es Hagen, der theatralisch die Hände nach oben warf. »Wie viele habt ihr denn noch davon?«

»Es gibt noch ein paar Dutzend Brunnen und diverse Ausflugslokale, die so heißen«, sagte Gunhild. »Genug, um bis zur Rente jedes Jahr zur Sommersonnenwende einen neuen zu finden, um den wir tanzen können.«

»Nein, nicht noch mal«, meinte Hagen. »In den nächsten Sommerferien besucht ihr mich. Da werden wir bei meiner Tante Meg in Irland sein. Da gibt es keine Nibelungen.«

»Das wär toll!«, seufzte Siggi. »Aber ob unsere Eltern ...?«

»Das kriegen wir schon hin«, meinte Gunhild und grinste: »Wir kommen!«

»That's great!«, jubelte Hagen. »Ich schreibe euch.«

»Ja, unbedingt«, meinte Siggi. »Wir dir auch.«

Sie gingen die Treppe zum Anleger hinunter. Hagen schleppte seinen alten abgewetzten, seit diversen Generation in Familienbesitz befindlichen Koffer, über den er sich selbst lustig gemacht hatte, als Siggi und Gunhild ihn beim Packen geholfen haben. Typisch Engländer, hatte er gesagt und dabei gegrinst.

Zwei schöne Wochen voller Ausflüge, Spaß, Faulenzen, Schwimmen und Spielen lagen hinter ihnen. Nur in den Wald hatten sie nicht mehr gedurft, weil die ›Bande‹, die ihre Fahrräder demoliert hatte, noch nicht geschnappt worden war. Die Polizei vermutete, dass sie aus Frankfurt oder einer anderen Großstadt gekommen waren, aber die Ermittlungen waren bislang alle im Sande verlaufen.