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Der Weg war völlig mit Moos und Gräsern überwuchert, die ihre Tritte dämpften, sodass sie kaum ihre eigenen Schritte hörten.

Ein Zweig knackte laut im Wald ...

Siggi erschrak fürchterlich. Er hob seinen Knüppel, doch er vermochte nicht zu sagen, woher das Geräusch gekommen war. Vielleicht von links. Auch Hagen und Gunhild hatten ihre Stöcke erhoben. Eine leichte Brise bewegte die grauen Schleier, die sich aber kaum öffneten, nur träge wallten. Reglos standen die drei, die Knüppel zur Abwehr erhoben. Verzweifelt starrten sie in das dichte, dornige Gebüsch und den Nebel und konnten nichts erkennen.

Gunhild wandte sich um, wollte den Weg fortsetzen. Dann erstarrte sie.

»Da ... da vorne ist jemand ...«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte ein wenig. »Da!«, rief sie und streckte den Zeigefinger aus.

Siggis und Hagens Köpfe ruckten herum. Auf Anhieb entdeckten sie nichts, aber dann sahen sie es auch.

Vielleicht fünfzehn Schritt vor ihnen, an der Grenze ihrer Gesichtskreises, stand einer. Das unstete Licht, die Nebelschwaden und die Angst der Kinder ließ die Gestalt grotesk und verzerrt wirken, fast wie einen Zwerg. Sie schien nicht größer als sie zu sein, wirkte aber kompakter und muskulöser. Die Kleidung, soweit man etwas davon erkennen konnte, sah seltsam aus. Sie wirkte altertümlich: ein dunkles Wams, das metallisch blinkte, und eine derbe Hose. Vom Gesicht des Wesens war nichts zu erkennen.

Dann war die Gestalt verschwunden, lautlos, wie vom Erdboden verschluckt, als wäre sie nie da gewesen.

Erstarrt standen die Kinder auf dem Pfad, ihre Knüppel wie Schwerter erhoben. Ihr Atem ging flach, der kalte Schweiß stand ihnen auf der Stirn, und das Herz schlug ihnen bis zum Hals. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie in den Nebel, aber es war niemand zu sehen. Keiner wagte, sich zu rühren, und keiner der drei vermochte zu sagen, wie lange sie so dagestanden hatten. Weder Siggi noch Gunhild, ja, nicht einmal Hagen scherte sich noch darum, die Furcht zu verbergen, die sie in Bann geschlagen hatte.

»Was ... was war das?«, entfuhr es Siggi schließlich.

»Ich ...«, begann Gunhild, sie konnte aber nicht weitersprechen; die Worte blieben ihr im Halse stecken.

»Keine Ahnung«, sagte Hagen. »Aber es sah nicht sehr Vertrauen erweckend aus.« Er hielt den Knüppel nun mit beiden Händen umklammert und starrte wie die beiden anderen mit geweiteten Augen, als könnte er damit den Nebel durchdringen und das Wesen auf die Stelle bannen, wo es erschienen war.

Im Wald hinter ihnen knackte ein Zweig. Das Geräusch ließ die Kinder herumwirbeln. Hinter ihnen war noch jemand. Oder war es die Gestalt von eben?

Die Kinder wagten kaum, sich zu bewegen. Sie warteten wie Kaninchen vor der Schlange, was noch passieren würde. Sie starrten hinter sich in den Nebel, aber weder der Nebel noch das Dickicht des Unterholzes gab die Sicht auf den Wald oder auch nur den Weg frei.

»Seht!«, schrie Hagen förmlich, der sich inzwischen einen Dreck darum scherte, ob sie ihn Hasenfuß rufen würden oder nicht. »Seht da!« Seine Stimme überschlug sich fast. »Da kommen drei...«

Er ließ den Satz unvollendet. Aus dem Nebel schälten sich drei Schatten. Sie sahen fast so verzerrt und grotesk aus wie die Gestalt, die sie vor sich auf dem Weg gesehen hatten. Schweigend, bedrohlich kamen sie heran.

»Lauft!«, rief Gunhild aus. »Lauft!« Sie warf ihren Knüppel weg und rannte los.

Auch die beiden Jungen schüttelten die Erstarrung ab und rannten. Ihre Stöcke ließen sie achtlos fallen; Flucht war ihr einziger Gedanke.

Sie liefen um ihr Leben; durch das Zwielicht, durch den Nebel, einfach nur weg. Das Gras und das Moos des Weges schluckten ihre Schritte, machten alles noch unheimlicher. Weg, nur weg! Ihr keuchender Atem und das entfernte Grollen des Donners waren die einzigen Geräusche, die sie hörten.

»Lauft!«, keuchte Gunhild, die voraus rannte. Sie liefen, wie sie noch nie gelaufen waren.

»Da vorn!«, schrie Hagen und wies auf vier Gestalten, die von rechts aus dem Unterholz brachen. Sie sahen den von vorhin in ihrer Erscheinung ähnlich. Die gleiche altertümliche Kleidung, die gedrungene, muskulös wirkende Gestalt, die geringe Größe.

»Nach links«, rief Gunhild aus, und die drei liefen zwischen zwei Büschen in den Wald hinein, fort von dem Weg. Sie hetzten durch den Wald, kämpften sich an Sträuchern vorbei, wichen den gewaltigen Baumstämmen aus. Sie rannten fast schon automatisch; die Angst stand in ihren Gesichtern.

»Da sind wieder welche!«, keuchte Siggi und wechselte die Richtung. Jetzt wusste er, wie sich das Wild bei einer Treibjagd fühlen musste, und etwas anderes waren sie wohl auch nicht als - Jagdbeute.

Unheimlich waren ihre Verfolger, aber das Erschreckendste an ihnen war nicht ihre Erscheinung, sondern die Lautlosigkeit, mit der sich die Jagd vollzog. Die Schattengestalten bewegten sich ohne jedes Geräusch; sie sprachen nicht einmal.

Wenn ihnen diese Wesen wohlgesinnt waren, so hätten sie etwas gesagt, aber nein, sie hetzten sie in völligem Schweigen. Sie tauchten aus dem Nichts immer wieder auf und trieben sie kreuz und quer durch den Wald. Die drei Kinder hatten inzwischen völlig die Orientierung verloren und rannten einfach nur noch blindlings drauflos.

Ihre Verfolger schienen keine Eile zu haben. Sie begnügten sich damit, die Kinder vor sich her zu treiben. Wann sie ihre Beute zur Strecke brachten, schien ihnen egal zu sein.

Die Kinder hatten keine Ahnung, wie viele es waren. Immer waren es drei oder vier, die ihnen den Weg versperrten oder sie aufzuhalten versuchten. Dabei kamen sie ihnen selten so nahe, dass sie zugreifen konnten; aber das war wohl nur eine Frage der Zeit.

»Da sind sie wieder!«, schrie Gunhild, und ihre Stimme überschlug sich fast. »Seht! Da!«

Sie wichen wieder aus. Plötzlich hatten sie wieder einen Weg unter ihren Füßen.

»Bleibt auf dem Weg! Da sind wir schneller«, keuchte Gunhild.

»Wenn sie uns lassen«, entgegnete Hagen.

Sie rannten den Waldweg entlang, versuchten verzweifelt, Abstand zu ihren Verfolgern zugewinnen, die ihnen aber mühelos folgen konnten oder sie sogar zu überholen vermochten.

»Da vorne!«, rief Hagen aus. Aus dem Nebel schälten sich vier der grotesken Gestalten in ihren altertümlichen Kleidern. Sie standen einfach nur da. Die Kinder schlugen einen Haken, rannten wieder durch das Unterholz, holten sich blutige Striemen an Dornenranken, rissen sich Arme und Beine auf, aber sie rannten.

Plötzlich wuchs vor ihnen eine Felswand auf. Sie war zehn Meter hoch, steil, und man konnte daran auf keinen Fall hochklettern. Der graue Fels war wie die Mauer eines Gefängnisses, und Siggi wusste, sie waren die Gefangenen.

»Wohin jetzt?«, fragte Hagen, nach Luft ringend.

»Runter. Bergab!«, gab Gunhild knapp zur Antwort. Sie liefen die Wand entlang. Der Weg an der Felswand war uneben und voller Steine, denen sie ausweichen mussten.

Ohne Vorwarnung stießen sie auf eine gewaltige Brombeerhecke, die von der Felswand in den Wald hineinführte. Gunhild, die vorne lief, gelang es gerade noch, anzuhalten.

»Vorsicht, Brombeeren!«, stieß das Mädchen hervor. Die Kinder standen vor einem Wall aus Dornen und Ranken.

»Wohin?«, fragte Siggi.

»Hier entlang. Die Büsche müssen irgendwo aufhören«, wies Gunhild den Weg in den Wald. »Zurück können wir nicht!«

»Okay«, keuchte Hagen. »Weiter.«

Sie rannten die Brombeerhecke entlang, wieder in den Wald hinein. Ihnen kam es vor, als nähme dieser grüne, stachelige Wall kein Ende, als würden sie ewig an der lebenden Wand entlanghetzen müssen.

Endlich erreichten sie das Ende der Hecke; sie wollten drum herumlaufen, um weiter ins Tal zu rennen, aber wie aus dem Nichts schälten sich drei Gestalten aus dem Nebel und versperrten ihnen den Weg nach unten.