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»Die treiben uns in die Enge«, keuchte Gunhild.

Sie rannten weiter geradeaus, in die einzig mögliche Richtung. Alle drei liefen sie fast nur noch mechanisch. Nicht ihr Bewusstsein steuerte die Bewegung; es war nur der Instinkt, der sie antrieb.

Der Moment, an dem sie erschöpft zusammenbrechen würden, kam näher und näher ...

»Lauft ... lauft«, Gunhild versuchte, die anderen und vor allem sich selbst anzutreiben, um auch die kleinste Chance zu nutzen, diesem Spuk noch zu entkommen. »Lauft... lauft«, kam es im Rhythmus ihrer Schritte.

Ein Zaun stoppte sie. Dahinter ein Abgrund. Über zwanzig Meter ging es steil hinab. Durch den Nebel und die herrschende Dämmerung war es ihnen unmöglich, zu erkennen, wo es einen Weg, einen Stieg nach unten gab.

Einen kurzen Moment hielten die Kinder inne. Ihre Lungen brannten. Atemnot und die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage schnürten ihnen die Kehle zu.

»Was wollen die?«, sagte Siggi keuchend, und gleich darauf musste er husten.

»Weiß nicht«, sagte Hagen. »No idea!«

»Auch kein' Schimmer«, sagte Gunhild knapp.

Keiner von ihnen konnte viel sprechen. Der Durst, der sie nun mit Macht überfiel, und die knappe Luft, die Erschöpfung und die Müdigkeit ließen keine langen Gespräche zu.

»Weiter!«, kommandierte Gunhild. »Vielleicht kommen wir nach unten durch!«

Ohne weitere Worte wollten sie loslaufen, aber von unten kamen gleich drei Gruppen dieser zwergenartigen Geschöpfe lautlos durch den Nebel auf sie zu. Ihnen blieb nur noch der Weg nach oben. Sie warteten nicht ab, um endlich die Gesichter der Wesen erkennen zu können. Keiner von ihnen war neugierig genug, ihre Verfolger dicht genug herankommen zu lassen.

Taumelnd, schwankend kletterten sie bergauf. Von links sahen sie noch zwei Gruppen wie Gespenster aus dem Dunst hervortreten.

»Hört ihr das?« Siggis Stimme war heiser. »Was ist das?«

»Was?«, fragte Hagen zurück.

»Lauscht!«, rief Siggi.

»Gesang ...?« Gunhilds Stimme klang unsicher.

In der Ferne klang Gesang auf, aber es war kein fröhliches Lied, das da gesungen wurde. Die Weise hatte etwas Bedrohliches. Aber da waren noch mehr Geräusche. Dumpfer Trommelschlag, Schreie und das Klirren von Metall auf Metall.

»Was ist da los?«, wollte Siggi wissen.

»Das hört sich fast an ... wie eine altertümliche Schlacht...«, sagte Hagen ungläubig.

»Und wir werden dahin getrieben.« Gunhilds Stimme war voller Furcht.

Doch ihnen blieb keine wirkliche Wahclass="underline" Entweder die Gestalten hinter ihnen schnappten sie, oder sie rannten in die Schlacht oder was immer das für ein Getöse war.

»Weiter! Es ist unsere einzige Chance ...«, gab Gunhild wieder das Kommando.

Siggi spürte die Verzweiflung aufsteigen. In was für ein Abenteuer waren sie hineingeraten? Sie wurden von unheimlichen Gestalten durch den Wald gehetzt; vor ihnen tobte eine Schlacht mit Schwertern ... Er wünschte, er würde schreiend aufwachen, aber nichts geschah. Siggi spürte die schmerzenden Wunden, welche die Dornen und Ranken der Brombeeren gerissen hatten. Da wusste er endgültig, dass er nicht träumte; denn im Traum hat man keine Schmerzen, man spürt sie nicht, weil sie in Wirklichkeit nicht da sind.

Aber aufgeben wollte er nicht. Er konnte sich genauso lange auf den Beinen halten wie Gunhild oder Hagen. Er würde laufen, bis sie alle entkommen waren oder bis sie ...

»Hierher!«

Eine Stimme drang an Siggis Ohr und riss ihn aus seinen Gedanken. Die Kinder blieben abrupt stehen; starr vor Schreck starrten sie vor sich durch das dämmerige Zwielicht, wo der wabernde Nebel von einer plötzlichen Bö aufgerissen wurde. Ein Blitz schuf einen wilden Lichtreflex, und in diesem Moment löste sich eine hoch gewachsene Gestalt aus den Schatten der Bäume.

Es war ein Mann, der ein weiten Umhang und einen tief herabhängenden Schlapphut trug, sodass seine Gesichtszüge unkenntlich blieben. Er stützte sich auf einen langen Stab. Auf seiner Schulter hockte ein großer schwarzer Vogel; aus dem Geäst über ihm flog ein Schatten heran. Siggi, Gunhild und Hagen fuhren zusammen. Der Mann lachte. Es war ein Vertrauen erweckendes, beinahe väterliches Lachen.

»Beruhigt euch, Kinder! Geht hier entlang, und folgt den Raben! Sie werden euch den Weg weisen. Folgt ihnen, und ihr kommt in Sicherheit!«

Der Nebel, der alle Geräusche dämpfte, gab der tiefen Stimme etwas seltsam Zwingendes, als hielte die Welt für einen Augenblick den Atem an. Einen Moment schien der Mann angespannt zu lauschen, dann winkte er ihnen mit seiner Linken.

»Beeilt euch, und habt keine Angst. Folgt nur den Raben ...«, sagte er dann und verschwand im Schatten der Bäume.

Die Vögel flogen auf, und die Kinder setzten sich in Bewegung, ohne ein Wort miteinander zu wechseln oder sich auch nur anzusehen. Es war nicht notwendig. Aber darüber dachte keiner von ihnen nach. Es war das Einzige, was sie tun konnten.

Es schien, als wüssten die beiden Raben genau, was von ihnen verlangt wurde. Siggi wusste, Raben und Krähen waren kluge Vögel, denn sein Onkel Rolf hatte mal eine Rabenkrähe gehabt, und dieses schwarze Huhn, wie Onkel Rolf immer gesagt hatte, war verdammt schlau gewesen. Aber noch am hellen Nachmittag auf dem Berg hätte Siggi abgestritten, dass diese Vögel imstande wären, Menschen durch einen Wald zu führen. Doch diese Vögel schienen es zu können. Sie kreisten langsam vor ihnen zwischen den Bäumen. Auf wundersame Weise teilte sich der Nebel, und es wurde nie zu dämmerig, sodass sie die Raben nie aus den Augen verloren.

Dann schwebten die Raben über dem Hang, und insgeheim hegte Siggi die Befürchtung, dass ihr Weg nun zu Ende war, aber ein kleiner, gar nicht mal so schmaler Grat führte nach unten.

Sie folgten dem Weg, ohne zu zögern. Die Raben hingen in völliger Stille und Erhabenheit über ihnen und schienen über sie zu wachen. Der Schlachtenlärm, das dumpfe Trommeln und der bedrohliche Gesang blieben allmählich zurück, vermischten sich mit einem Donnergrollen, und als die Kinder den Abstieg beendet hatten, war nichts mehr davon zu hören.

Unten war kein Weg im Wald, aber ihre gefiederten Führer wussten, welche Richtung sie einschlagen mussten. Die Kinder rannten längst nicht mehr, sie konnten den Vögeln im Schritt folgen.

Der Weg dehnte sich, und weder Siggi noch Gunhild und erst recht nicht Hagen hatte eine Ahnung, wo sie eigentlich genau waren. Riesige Farne und Sträucher wuchsen vor ihnen auf. Das Unterholz war dicht, aber ihre fliegenden Führer verloren sie nie aus dem Blick. Der Nebel schien immer da von einer Brise fortgetragen zu werden, wo sich die Raben aufhielten. Manchmal erleuchtete ein Blitz gerade im rechten Moment besonders dunkle Stellen, sodass man erkennen konnte, wohin es ging.

Kein Wort fiel zwischen den Kindern. Sie waren wie verzaubert und folgten, ohne zu zögern, ohne Angst, Hast und Eile ihren Führern.

Siggi fühlte sich seltsam erfrischt, als hätte er gegessen, getrunken und geschlafen. Ihm war, als wäre er neu geboren. Der Wald schien ihm wieder mehr ein verwunschener Ort als ein Hort des Schreckens zu sein; es war, wie sich Siggi dachte, eigentlich doch ein netter Wald. Keiner der dunklen Schatten schien mehr eine Gefahr zu bedeuten. Die Kinder sahen sich gar nicht mehr nach ihren zwergenhaften Verfolgern um; sie fürchteten gar nicht mehr, einer könnte in der Nähe sein, und sie hetzen, jagen und ...

Keiner von den dreien fragte sich, wohin die Raben sie führten. Sie alle waren umgeben von Geborgenheit, Sicherheit und einer seltsamen Ruhe. Für die drei stand außer Frage, dass die Raben sie auf einen Weg geleiteten, der sie nach Hause und in die Obhut der Eltern bringen würde. Wo dieser Weg entlangführte, interessierte sie nicht; wichtig war das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Das gelegentliche Grollen des Donners klang in ihren Ohren nur noch wie eine ferne Erinnerung an schlimme Zeiten, aber ein Blick auf die majestätische Erhabenheit, mit der die Raben durch den Wald flogen, ließ selbst diese Erinnerung schwinden.