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Sie sprachen kurz über den König des Silberflusses.

»Aus und vorbei wie die ganze Magie«, erklärte Par, während er sich vorsichtig auf dem aufgeweichten Pfad vorwärtsbewegte. In dieser Nacht war die Sicht etwas besser, wenn auch nicht so gut, wie sie es sich gewünscht hätten; der Mond und die Sterne spielten mit den Wolken Verstecken. »Aus und vorbei wie die Druiden, die Elfen – wie alles, außer den Geschichten.«

»Vielleicht auch nicht«, wandte Morgan ein. »Einige behaupten immer wieder, sie hätten ihn gesehen, einen alten Mann mit einer Laterne, der ihnen den Weg weist und sie beschützt, obwohl sie natürlich zugeben, daß seine Macht nicht mehr das ist, was sie einmal war. Er erhebt nur Anspruch auf den Fluß und einen kleinen Teil des angrenzenden Landes. Der Rest gehört uns.«

»Der Rest gehört der Föderation, genau wie alles andere!« schnaubte Coll.

Morgan versetzte einem Stück Holz einen Fußtritt, daß es wirbelnd durch die Nacht flog. »Ich kenne einen Mann, der behauptet, mit dem König des Silberflusses gesprochen zu haben, einen Trommler, der im Hochland und im Anar allerlei Waren verkauft. Er durchquert dieses Gebiet ständig, und einmal, als er sich im Tiefland von Battle Mound verirrt hat, ist, so hat er erzählt, der alte Mann mit seiner Laterne aufgetaucht und hat ihn auf den rechten Weg zurückgebracht.« Morgan schüttelte den Kopf. »Ich habe nie gewußt, ob ich ihm glauben kann oder nicht.«

»Ich glaube nicht, daß es ihn noch gibt«, sagte Par, der plötzlich eine traurige Sicherheit in sich aufsteigen fühlte. »Die Magie kann nicht von Dauer sein, wenn sie nicht ausgeübt wird und man nicht daran glaubt. Der König des Silberflusses kam weder in den Genuß des einen noch des anderen. Er ist nur noch eine Legende, an die keiner außer dir und Coll und mir und vielleicht ein paar anderen glaubt.«

»Wir Ohmsfords glauben einfach alles«, bemerkte Coll ruhig.

Schweigend gingen sie weiter auf dem Pfad, der sich nach Osten schlängelte, und lauschten den Geräuschen der Nacht. Sie wußten, daß sie Culhaven in dieser Nacht nicht mehr erreichen würden, aber da sie noch nicht Halt machen wollten, marschierten sie einfach weiter, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Je weiter sie landeinwärts vordrangen, in den unteren Anar, desto dichter wurde der Wald, und das Unterholz ließ den Pfad immer schmäler werden.

»Der Weg nach Culhaven ist auch nicht mehr das, was er einmal war«, murmelte Morgan irgendwann.

Par und Coll wußten darauf nichts zu erwidern, da keiner von beiden je im Anar gewesen war. Sie sahen einander an und schwiegen.

Plötzlich wurde der Pfad von einigen umgefallenen Bäumen versperrt. Ein zweiter Pfad führte vom Fluß weg in den dichten Wald hinein. Morgan entschied sich nach kurzem Zögern, den Weg auf diesem Pfad fortzusetzen. DieBaumkronen und Äste bildeten ein Dach über ihnen, das das Mondlicht nur schwach durchscheinen ließ; die drei Freunde waren deshalb gezwungen, sich ihren Weg mühsam zu ertasten. Wieder murmelte Morgan, diesmal so leise, daß die anderen beiden es nicht verstehen konnten, aber der Ton in seiner Stimme war unmißverständlich. Da ihnen jetzt tief herunterhängende Äste und Zweige ins Gesicht schlugen, mußten sie gebückt weitergehen. Der Wald um sie herum strömte mit einemmal einen Geruch der Verwesung aus. Par versuchte, den durchdringenden Gestank nicht einzuatmen. Er wollte sein Tempo beschleunigen, um Morgan einzuholen; aber dieser lief so schnell, wie er nur konnte.

»Es riecht, als ob hier etwas gestorben wäre«, flüsterte Coll hinter Par.

Plötzlich fiel es Par wieder ein. Er erinnerte sich an den Geruch, der die Hütte der Waldfrau umgeben hatte, die nach Aussage des alten Mannes ein Schattenwesen gewesen war. Der Geruch, der ihm hier in die Nase stieg, war genau der gleiche.

Im nächsten Augenblick traten sie aus dem Dickicht des Waldes auf eine Lichtung, die von toten Baumstämmen kreisförmig umgeben und mit fauligem Laub und herumliegenden Knochen bedeckt war. Ein stehender Tümpel blubberte in der Mitte der Lichtung und erinnerte an einen großen Kessel, unter dem ein Feuer brannte. Großäugige Aasfresser starrten ihnen aus der Dunkelheit entgegen.

Die Freunde blieben unschlüssig stehen.

»Morgan, das ist genau so wie…«, setzte Par an, hielt jedoch plötzlich inne.

Das Schattenwesen, das lautlos zwischen den Bäumen hervorgetreten war, stand jetzt direkt vor ihnen. Par zweifelte keine Sekunde lang daran, was es war; er wußte es ganz instinktiv. Skepsis und Zweifel, die jahrelange Ungewißheit, ob Schattenwesen das waren, was vernünftige Menschen glaubten, nämlich Gerüchte und Ammenmärchen, waren augenblicklich verschwunden. Vielleicht war es die Warnung des alten Mannes, die er im Geiste zu hören glaubte und die seine Bekehrung bewirkte. Vielleicht war es aber auch nur der Anblick dieses Wesens. Es spielte keine Rolle, was es war, denn die Wirklichkeit war furchtbar und unvergeßlich.

Dieses Schattenwesen war vollkommen neu. Es war ein riesengroßes, watschelndes Etwas mit menschlichen Zügen, jedoch mindestens zweimal so groß wie ein Mensch, dabei kauernd und mit hängenden Schultern wie ein Gorilla, dessen Körper über und über mit zottigem, struppigem Haar bedeckt war und dessen riesige Gliedmaßen in Krallen ausliefen. Aus dem Haar lugte ein runzliges und zerknittertes Gesicht hervor, das man kaum als menschlich bezeichnen konnte. Verfaulte Stumpen ragten aus seinem Maul, und seine Augen, die zwischen ledrigen Hautfalten lagen, leuchteten wie Feuer. Dieses einfältig wirkende Scheusal stand jetzt dicht vor ihnen und betrachtete sie eindringlich.

»Oho«, sagte Morgan leise.

Das Schattenwesen machte einen Schritt auf sie zu. »Was macht ihr hier?« Es sprach mit einer schnarrenden Stimme, die von ganz tief innen an ihre Ohren drang.

»Wir haben den falschen…«, fing Morgan an.

»Ihr habt mein Land betreten«, unterbrach ihn das Schattenwesen unfreundlich, wobei seine Zähne bedrohlich klapperten. »Ihr macht mich wütend. Ich werde einen von euch zur Entschädigung behalten. Gebt mir einen von euch!«

Die drei Freunde warfen einander Blicke zu. Sie wußten, daß es für sie nur einen Ausweg gab. Diesmal konnten sie nicht darauf hoffen, daß ein alter Mann ihnen zu Hilfe eilte. Sie mußten es aus eigener Kraft schaffen.

Morgan griff nach hinten und zog das Schwert von Leah aus der Scheide. Die blitzende Klinge spiegelte sich schwach in den Augen des Ungeheuers wider. »Entweder du läßt uns hier passieren…«, begann er.

Er konnte den Satz nicht zu Ende führen, denn das Schattenwesen stürzte sich mit einem Schrei auf ihn. Trotzdem gelang es dem Hochländer, die Klinge noch rechtzeitig zu ziehen, um die Kreatur aus dem Gleichgewicht zu bringen, so daß sie zur Seite fiel und ihr Angriff mißlang. Coll hieb mit dem kurzen Schwert auf sie ein, das er bei sich trug, und Par traf sie mit der Zauberkraft des Wunschlieds, indem er einen Schwarm von Insekten heraufbeschwor.

Mit zornigem Gebrüll kam das Schattenwesen wieder auf die Beine, um sofort auf sie zuzustürzen. Es versetzte Morgan, noch bevor dieser zur Seite springen konnte, einen schmerzenden Schlag, und er fiel zu Boden. Als das Schattenwesen sich umdrehte, schlug Coll mit dem Schwert so heftig auf es ein, daß er einen Arm über dem Ellbogen durchtrennte. Das Schattenwesen taumelte, griff aber sofort nach seinem abgetrennten Arm und wich dann zurück. Ganz vorsichtig setzte es seinen Arm an der Schulter an. Plötzlich nahmen sie eine Bewegung wahr, Sehnen und Muskeln und Knochen wanden sich in schlangenartigen Bewegungen. Der Arm war wieder festgewachsen.