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Das Schattenwesen zischte voll Vergnügen. Dann kam es wieder auf sie zu.

Par versuchte seine Bewegungen durch die Beschwörung von Wölfen zu verlangsamen, doch das Schattenwesen nahm sie kaum wahr. Es prallte so heftig mit Morgan zusammen, daß dieser nach hinten fiel. Er wäre höchstwahrscheinlich verloren gewesen, hätten nicht die Ohmsfords sich auf die Bestie gestürzt und sie zu Boden geworfen. Es gelang ihnen jedoch nicht, sie länger als einen Augenblick am Boden zu halten. Sie bäumte sich auf, befreite sich aus ihrem Griff und schleuderte sie von sich weg. Einer der riesigen Arme traf Par im Gesicht, sein Kopf flog zurück, und vor seinen Augen flimmerten tausend Sterne. Er versuchte wieder auf die Beine zu kommen und hörte Colls Warnschrei. Er zwang sich aufzustehen und versuchte verzweifelt, seine Benommenheit abzuwerfen.

Das Schattenwesen war vor ihm, seine Krallen streckten sich nach ihm aus. Coll lag ein paar Schritte zu seiner Linken unter einem Baum. Von Morgan fehlte jede Spur. Par bewegte sich langsam rückwärts. Es blieb ihm jetzt keine Zeit für Magie. Die Bestie war schon zu nah. Plötzlich spürte er die rauhe Rinde eines Baumstamms in seinem Rücken.

Dann war plötzlich Morgan wieder da, der aus der Dunkelheit kam und sich mit dem Schrei »Leah, Leah« auf das Schattenwesen stürzte. Sein Gesicht und seine Kleidung waren blutbespritzt, und seine Augen funkelten vor Zorn und Entschlossenheit. Er ließ das leuchtende Schwert von Leah in einem Bogen niedersausen – und etwas Wundersames geschah. Das Schwert traf das Schattenwesen und sprühte Flammen.

Par blinzelte und hob einen Arm schützend vor sein Gesicht. Nein, dachte er, das ist kein Feuer, das ist Magie!

Das Schattenwesen versteifte sich und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Die Zauberkraft des Schwertes von Leah fuhr in seinen Körper und durchtrennte ihn gleich einem Rasiermesser. Das Schattenwesen erzitterte, sank scheinbar in sich zusammen, verlor seine Konturen und löste sich schließlich in nichts auf.

Im gleichen Augenblick senkte sich Dunkelheit über das Schwert von Leah. Plötzliche Stille herrschte. Rauchschwaden erhoben sich von der kleinen Lichtung. Der Tümpel blubberte noch einmal, bevor die Stille sich auch über ihn senkte.

Morgan Leah fiel auf die Knie, das Schwert sank zu Bo-den.

Par war sogleich an seiner Seite und kniete neben ihm. Das Gesicht des Hochländers war blutverschmiert. »Die Zauberkraft steckt immer noch in ihm, Morgan«, flüsterte er, ganz aufgeregt darüber, daß so etwas möglich war. »Niemand hat es gewußt, aber die Zauberkraft steckt immer noch in ihm!«

Morgan sah ihn verständnislos an.

»Begreifst du nicht? Die Zauberkraft hat seit Allanons Zeiten darin geschlummert! Sie wurde nicht gebraucht! Erst eine andere Zauberkraft konnte sie wieder wecken! Es bedurfte einer Bestie wie des Schattenwesens!«

Coll schleppte sich zu ihnen herüber. Einer seiner Arme hing schlaff herunter. »Ich glaub’, der ist gebrochen«, murmelte er.

Er war zwar nicht gebrochen, aber doch so stark verletzt, daß Par es für besser hielt, ihn für ein paar Tage zu schienen. Sie wuschen sich, verbanden ihre Wunden und standen sich dann schweigend gegenüber.

»Der alte Mann hat uns gesagt, daß viele Dinge hinter uns her sein würden«, flüsterte Par endlich.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das Ding hinter uns her war oder ob wir bloß darüber gestolpert sind.« Colls Stimme war rauh. »Ich bin mir nur sicher, daß ich so einem Kerl nie wieder begegnen möchte.«

»Wenn wir dennoch einem begegnen sollten«, sagte Morgan leise, »wissen wir jetzt, wie wir damit fertig werden.« Er streichelte die Klinge des Schwertes von Leah.

7

Sie setzten ihren Weg nach Culhaven fort, entschlossen, die ganze Nacht und, wenn notwendig, einen weiteren Tag zu marschieren, anstatt in diesem Wald noch einen Augenblick länger zu bleiben. Sie waren zum großen Weg zurückgekehrt, dort, wo er sich parallel zum Silberfluß nach Osten wandte. Als sie so dahingingen, einerseits vorwärtsgetrieben von ihrer Angst, andererseits gelähmt von Müdigkeit, wanderten ihre Gedanken wie grasende Rinder zu grüneren Weiden, und Par Ohmsford mußte an die Lieder denken.

Er erinnerte sich an die Legenden, die besagten, daß die Macht des Schwertes von Leah im wahrsten Sinne des Wortes zweischneidig war. Allanon hatte dem Schwert zu Zeiten Brin Ohmsfords Zauberkraft verliehen, als er mit dem Mädchen aus dem Vale und ihrem Beschützer Rone Leah, Morgans Vorfahren, nach Osten gereist war. Der Druide hatte das Schwert in die verbotenen Wasser des Hadeshorns getaucht und sein Wesen damit für immer verändert. Es war von da an mehr als nur eine einfache Klinge; es wurde zum magischen Schwert, das selbst den Mordgeistern widerstehen konnte. Aber die Magie war wie alle alten Magien; sie war sowohl Segen als auch Fluch. Seine Macht machte süchtig, machte den Besitzer in immer größerem Maße abhängig. Brin Ohmsford hatte die Gefahr erkannt, aber Rone Leah ließ ihre Warnung unbeachtet. Während ihrer letzten Auseinandersetzung mit der dunklen Magie hatte nur die Macht von Jair und ihre eigene sie gerettet und dafür gesorgt, daß die Zauberkraft des Schwertes nicht mehr benötigt wurde. Niemand wußte, was mit dem Schwert danach geschehen war – man wußte nur, daß es nicht mehr gebraucht und deshalb auch nicht mehr benutzt wurde.

Bis jetzt. Und jetzt schien es so, als sei es Pars Pflicht, Morgan vor den Gefahren zu warnen, die mit dem Gebrauch der Zauberkraft des Schwertes verbunden waren. Aber wie sollte er das anstellen? Morgan Leah war neben Coll sein bester Freund, und seine Zauberkraft, um die Par ihn so beneidete, hatte ihnen eben das Leben gerettet! Schuldgefühle plagten ihn, sobald er an die Eifersucht in seinem Inneren dachte. Wie konnte er Morgan erklären, daß er die Zauberkraft nicht anwenden sollte?

Der Kampf in seinem Inneren dauerte nicht lange. Er konnte sein Unbehagen und seine Erinnerung an den Atem der Bestie, den er über sich gespürt hatte, einfach nicht aus seinem Gedächtnis verbannen. Er beschloß, ruhig zu sein. Vielleicht bestand gar keine Notwendigkeit, überhaupt darüber zu sprechen. Sollte es doch notwendig werden, konnte er immer noch reden.

In dieser Nacht sprachen sie nur wenig, und wenn, dann über die Schattenwesen. Ihre Zweifel an der Existenz dieser Wesen waren endgültig beseitigt. Selbst Coll ließ keine ironischen Bemerkungen mehr fallen, wenn er von der Bestie sprach, die sie angegriffen hatte. Doch die Gewißheit brachte noch keine neuen Erkenntnisse. Die Schattenwesen blieben weiterhin ein Rätsel. Sie wußten weder, woher noch warum sie kamen. Falls die Bestien hinter ihnen her waren, wußten sie nicht, wie sie sich dagegen wehren sollten. Sie wußten nur, daß der alte Mann recht gehabt hatte, als er sie zur Vorsicht ermahnt hatte.

Kurz nach Sonnenaufgang erreichten sie Culhaven. Müde traten sie aus dem Schatten des Waldes in das Halblicht des neuen Tages hinaus. Wolken bedeckten den östlichen Himmel und hüllten die am Boden kauernde Zwergenstadt in ein frostiges Gewand. Die Gefährten blieben stehen, reckten sich, gähnten, sahen sich um. Sie gewahrten eine Ansammlung von Hütten, aus deren Schornsteinen sich der Rauch zum Himmel erhob, sowie Schuppen und kleine Gehege, in denen Tiere eingepfercht waren. Gemüsegärten machten dem überall wuchernden Unkraut die Erde streitig.

Frauen schlurften aus den Türen. Alle sahen auf die gleiche Weise zerlumpt und ungepflegt aus. In den Höfen, auf den Wegen spielten Kinder, die so zottig aussahen wie Bergschafe.

Morgan bemerkte die Blicke, mit denen Par und Coll die vor ihnen liegende Stadt anstarrten. »Das Culhaven, das ihr kennt, kennt ihr nur aus euren Geschichten. Aber das ist längst Vergangenheit. Ich weiß, ihr seid müde, aber da ihr nun schon mal hier seid, müßt ihr euch einige Dinge anschauen.« Er führte sie zur Stadt.