»Tante Jilt«, stellte Morgan sie vor.
»Sehr angenehm«, erwiderte sie, nahm neben Elise Platz und begann unverzüglich an einer Stickerei zu arbeiten, die sie mitgebracht hatte; ihre Finger flogen geradezu über ihre Arbeit.
»Diese Damen sind jedermanns Mütter«, erklärte Morgan, als er sich wieder seinem Essen zuwandte. »Auch meine, obwohl ich im Gegensatz zu ihren anderen Schützlingen keine Waise bin. Sie haben mich adoptiert, weil ich so unwiderstehlich bin.«
»Du hast uns, als du uns das erste Mal gesehen hast, genauso angefleht wie alle anderen, Morgan Leah!« warf Jilt ein, ohne dabei von ihrer Stickerei aufzusehen. »Das ist der einzige Grund, warum wir dich aufgenommen haben – der einzige Grund, warum wir überhaupt jemand aufnehmen.«
»Sie sind Schwestern, auch wenn man das nie vermuten würde«, fuhr Morgan schnell fort. »Elise ist wie eine Daunendecke, wunderbar weich und warm. Aber Tante Jilt – tja, Tante Jilt ist eher wie eine Steinpritsche.«
Jilt rümpfte die Nase. »Steine sind in diesen Zeiten sehr viel haltbarer als Daunen. Und beide sind immer noch haltbarer als hochländisches Süßholzgeraspel!«
Morgan und Elise lachten, Jilt stimmte nach einem Augenblick in ihr Lachen ein, und auch Par und Coll mußten lächeln.
Als sie ihr Frühstück beendet hatten, beschäftigte Elise sich mit dem Geschirr, und Jilt verließ sie, um nach den Kindern zu sehen.
Morgan flüsterte: »Die beiden leiten dieses Waisenhaus bereits seit dreißig Jahren. Die Föderation läßt sie in Ruhe, weil sie die Kinder davor bewahren, unter die Räder zu kommen. Da es Hunderte von Kindern ohne Eltern gibt, ist das Waisenhaus immer voll. Sobald die Kinder alt genug sind, werden sie hinausgeschmuggelt. Wenn man sie zu lange hier behält, schickt die Föderation sie in die Arbeitslager oder verkauft sie.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie die beiden das aushalten. Ich wäre schon längst verrückt geworden.«
Elise kam an den Tisch und setzte sich zu ihnen. »Hat Morgan euch erzählt, wie wir uns kennengelernt haben?« fragte sie die Ohmsfords. »Er brachte uns Essen und Kleidung für die Kinder, er gab uns Geld und half uns, ein Dutzend Kinder nach Norden zu schmuggeln, damit sie dort bei Familien in den freien Gebieten leben konnten.«
»Um Himmels willen, Großmütterchen!« unterbrach sie ein verlegener Morgan.
»Genau so war es! Und er hilft uns auch jetzt, wenn er kommt«, fügte sie trotz seines Einwandes hinzu.
Morgan griff in seine Tasche und holte einen kleinen Beutel heraus. Der Inhalt klimperte, als er ihn ihr überreichte. »Ich habe vor einer Woche eine kleine Wette gewonnen.«
»Gott segne dich, Morgan.« Elise erhob sich von ihrem Platz, kam zu ihm herüber und küßte ihn auf die Wange. »Ihr scheint mir ziemlich erschöpft – alle drei. Wir haben hinten noch ein paar freie Betten und einige Decken. Ihr könnt euch bis zum Abendessen ruhig hinlegen.«
Sie führte sie von der Küche in einen kleinen Raum im hinteren Teil des großen Hauses, in dem sich mehrere Betten, ein Waschbecken, Decken und Handtücher befanden. Par blickte sich um und bemerkte sofort, daß alle Fenster mit Läden verschlossen und die Vorhänge sorgfältig zugezogen waren.
Elise erhaschte den Blick, den Par seinem Bruder zuwarf. »Manchmal möchten meine Gäste gern ungestört bleiben«, sagte sie ruhig. »Ihr doch auch, oder?«
Morgan ging auf sie zu und küßte sie zärtlich. »Scharfsichtig wie immer, Großmütterchen. Wir müssen uns mit Steff treffen. Kannst du das arrangieren?«
Elise sah ihn kurz an, nickte dann schweigend, küßte ihn ebenfalls und verließ das Zimmer.
Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als sie aufwachten. Elise erschien, huschte auf Zehenspitzen durchs Zimmer, um jeden zu wecken und ihm zuzuflüstern, daß es Zeit sei, und verschwand dann ebenso lautlos, wie sie gekommen war. Morgan Leah und die Ohmsfords fanden ihre Kleider sauber und wohlriechend wieder. Elise war fleißig gewesen, während sie geschlafen hatten.
Während sie sich ankleideten, sagte Morgan: »Wir treffen uns heute abend mit Steff. Er gehört zur Widerstandsbewegung der Zwerge, und die Bewegung hat ihre Augen und Ohren überall. Falls Walker Boh sich immer noch im Ostland aufhält, auch wenn es im tiefsten Anar sein sollte, wird Steff es wissen.« Er zog seine Stiefel hoch und stand auf. »Steff war eine der Waisen, die Elise großgezogen hat. Er ist für sie wie ein Sohn. Außer Jilt ist er der einzige, der ihr geblieben ist.«
Sie verließen das Schlafzimmer und begaben sich in die Küche. Die Kinder hatten ihre Abendmahlzeit bereits beendet und sich in ihre Zimmer in den beiden oberen Stockwerken zurückgezogen, außer ein paar ganz Kleinen, die Jilt noch fütterte, indem sie geduldig zuerst dem einen, dann dem anderen einen Löffel Suppe in den Mund schob. Als die drei eintraten, sah sie kurz auf und nickte ihnen zu.
Elise bat sie, an einem der Tische Platz zu nehmen, und tischte Schüsseln voll köstlichen Essens und dunkles Bier auf. Von oben hörten sie die Sprünge und Schreie der spielenden Kinder. »Es ist schwer, alle zu beaufsichtigen, wenn man nur zu zweit ist«, entschuldigte sie sich, während sie Coll eine zweite Portion des Fleischeintopfs auflegte. »Aber die Frauen, die wir anstellen, halten es nie sehr lange aus.«
»Konntest du Steff verständigen?« fragte Morgan leise.
Elise nickte mit einem plötzlich traurigen Lächeln. »Ich wünschte, ich könnte ihn öfter sehen, Morgan. Ich mache mir solche Sorgen um ihn.«
Sie beendeten ihre Mahlzeit und saßen schweigend da, während Elise und Jilt die Kinder fertig machten und sie zu Bett brachten. Zwei Kerzen brannten auf dem Tisch, an dem die drei Platz genommen hatten.
Nach einer Weile kehrte Jilt zurück und setzte sich zu ihnen. Sie sprach kein Wort. Ihr Gesicht war über die Stickerei gebeugt, an der sie arbeitete.
Draußen ertönte ein Klingeln. Jilt sah kurz von ihrer Arbeit auf. »Die Föderation kündigt die Sperrstunde an«, murmelte sie. »Keiner darf danach das Haus verlassen.«
Elise trat in den Raum und arbeitete schweigend am Spülbecken. Oben begann eines der Kinder zu weinen, und sie ging hinauf. Die Ohmsfords und Morgan Leah sahen einander an und warteten.
Plötzlich klopfte es leise an der Küchentür. Drei Klopfzeichen. Jilt sah auf. Dann ein erneutes Klopfen, dreimal. Eine Pause, und dann wieder dreimal.
Jilt eilte zur Tür, öffnete sie einen Spalt breit und spähte hinaus. Dann öffnete sie die Tür ganz, und eine schattenhafte Gestalt huschte herein. Jilt verriegelte die Tür hinter ihr. Im gleichen Augenblick trat Elise aus dem Gang herein und führte Morgan, Par und Coll zu dem Fremden. »Das ist Teel«, sagte sie. »Sie wird euch zu Steff bringen.«
Viel konnten sie von Teel nicht erkennen. Sie war eine Zwergin, aber kleiner als die meisten und in einen schwarzen Mantel mit Kapuze gehüllt. Ihr Gesicht war von einer seltsamen ledernen Maske verhüllt. Ihr dunkelblondes Haar lugte stellenweise unter ihrer Kopfbedeckung hervor.
Elise stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte Morgan. »Sei vorsichtig, mein Kleiner«, ermahnte sie ihn. Sie lächelte, klopfte Par und Coll leicht auf die Schulter und eilte zur Tür. Sie spähte kurz durch die Vorhänge hindurch, dann nickte sie. Wortlos ging Teel zur Tür hinaus. Die Ohmsfords und Morgan Leah folgten ihr.
Draußen bewegten sie sich lautlos an der Hauswand entlang, schlüpften dann durch den hinteren Zaun auf einen schmalen Weg. Sie folgten ihm bis zu einer leeren Straße und bogen dann rechts ab. Die Hütten und Verschläge, die die Straße säumten, waren allesamt dunkel. Teel drängte sie schnell die Straße hinunter und in ein Tannenwäldchen. Sie blieb stehen, kauerte sich auf den Boden und bedeutete den anderen, es ihr gleichzutun. Wenige Sekunden später erblickten sie eine fünfköpfige Föderationspatrouille. Die Männer lachten und unterhielten sich, während sie vorbeigingen, ohne sich um mögliche Zuhörer zu kümmern. Dann verhallten ihre Stimmen in der Ferne. Teel stand auf, und gemeinsam machten sie sich wieder auf den Weg.