Sie folgten der Straße etwa hundert Meter, bevor sie in den Wald traten. Sie huschten zwischen den Bäumen hindurch, und hier und da blieb Teel stehen, um zu horchen, bevor sie weitergingen. Der Duft wilder Blumen erfüllte die Luft.
Dann blieb Teel vor dichtem Strauchwerk stehen, schob die Zweige beiseite, bückte sich nach einem verborgenen Eisenring und zog. Die Geheimtür, die sich vor ihren Augen auftat, ließ eine Treppe sehen. Sie tasteten sich an der Wand entlang. Teel verriegelte hinter ihnen die Tür, zündete eine Kerze an und übernahm wieder die Führung. Die kleine Truppe machte sich auf den Weg nach unten.
Es war ein kurzer Abstieg. Die Treppe endete nach zwei Dutzend Stufen und mündete in einen Tunnel, dessen Wände und Decke durch dicke Holzbalken abgestützt waren. Teel verlor kein Wort über den Tunnel, sondern trat einfach vor ihnen hinein. Zweimal teilte er sich in mehrere Arme, und jedesmal ging sie ohne zu zögern weiter. Par dachte flüchtig daran, daß sie ohne die Hilfe von Teel nie wieder aus diesen Gängen herausfinden würden.
Der Tunnel endete Minuten später vor einer eisernen Tür. Teel stieß mit dem Griff ihres Dolches dagegen. Das Schloß auf der anderen Seite der Tür wurde geöffnet, und die Tür sprang auf.
Der Zwerg, der ihnen entgegentrat, war kaum älter als sie, ein kräftiger, muskulöser Bursche mit einem Bart und langem zimtfarbenen Haar, einem Gesicht, das über und über mit Narben bedeckt war, und der größten Keule auf seinem Rücken, die Par je gesehen hatte. Die obere Hälfte eines Ohrs fehlte ihm, und von der unteren Hälfte baumelte ein goldener Ohrring. »Morgan!« Er begrüßte und umarmte den Hochländer aufs herzlichste. Ein Lächeln erhellte sein düsteres Antlitz, als er den anderen an sich zog und an ihm vorbei einen Blick auf Par und Coll warf, die bereits ungeduldig warteten. »Freunde?«
»Die besten«, antwortete Morgan. »Steff, das sind Par und Coll Ohmsford aus Shady Vale.«
Der Zwerg nickte. »Seid willkommen, Talbewohner!« Er wandte sich von Morgan ab und streckte ihnen seine Hand entgegen. »Kommt, setzt euch und erzählt, was euch hergeführt hat.«
Sie befanden sich in einem unterirdischen Raum, in dem um einen langen Tisch mit Bänken allerlei Vorräte in Schachteln und Kisten lagerten. Steff forderte sie auf, sich auf den Bänken niederzulassen, füllte dann für jeden einen Krug mit Bier und setzte sich zu ihnen. Teel ließ sich in der Nähe der Tür auf einem kleinen Schemel nieder.
»Hier lebst du also jetzt?« fragte Morgan und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. »Könnte eine kleine Renovierung gebrauchen!«
Wieder huschte ein Lächeln über Steffs grobe Züge. »Ich habe viele Wohnsitze, und sie bedürfen alle der Renovierung. Dieser hier ist besser als die meisten. Wir Zwerge leben derzeit alle im Untergrund, entweder hier oder in den Minen oder in unseren Gräbern. Traurig.« Erhob seinen Krug. »Auf unsere Gesundheit und das Unglück unserer Feinde!« lautete sein Trinkspruch.
Alle tranken, außer Teel, die Wache hielt.
Steff stellte seinen Krug wieder auf den Tisch. »Ich hoffe, deinem Vater geht es gut«, sagte er zu Morgan.
Der Hochländer nickte. »Ich war bei Elise und habe ihr ein kleines Geschenk gemacht, mit dem sie Brot kaufen kann. Sie macht sich Sorgen um dich. Wie lang ist es her, daß du sie besucht hast?«
Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Zwergs. »Im Augenblick ist es zu gefährlich, sie zu besuchen. Sieh dir mein Gesicht an!« Er berührte seine Narben. »Die Föderation hat mich vor drei Monaten geschnappt.« Er sah verschwörerisch Par und Coll an. »Morgan hat davon keine Ahnung, müßt ihr wissen. Er hat mich in letzter Zeit selten besucht. Wenn er nach Culhaven kommt, bevorzugt er die Gesellschaft von Kindern und alten Damen.«
Morgan überhörte die letzten Worte Steffs. »Was ist passiert, Steff?«
Der Zwerg hob die Schultern. »Ich bin entkommen – wenigstens teilweise.« Er hob seine linke Hand hoch. Der kleine Finger und der Ringfinger fehlten. »Genug davon, Hochländer! Sag mir lieber, was dich in den Osten geführt hat.«
Morgan setzte zum Sprechen an, blickte dann zu Teel hinüber und hielt inne.
Steff folgte seinem Blick und sagte: »O ja, Teel. Ich bin wohl doch gezwungen, etwas über sie zu sagen.« Er richtete seinen Blick wieder auf Morgan. »Ich wurde von der Föderation festgenommen, als ich dabei war, ihr Hauptwaffenlager in Culhaven auszuräumen. Sie steckten mich in ihr Gefängnis, um herauszufinden, was ich ihnen sagen konnte. Das ist mir als Erinnerung daran geblieben.« Er berührte sein Gesicht. »Teel saß als Gefangene in der Zelle neben mir. Was sie mit mir getan haben, ist nichts im Vergleich mit dem, was sie mit ihr gemacht haben. Sie zerschlugen ihr Gesicht und ihren Rücken zur Strafe dafür, daß sie den Lieblingshund eines höheren Beamten der Stadtverwaltung von Culhaven getötet hat. Sie tötete den Hund vor lauter Hunger. Wir unterhielten uns durch die Wand hindurch und lernten uns so kennen. Eines Nachts, zwei Wochen, nachdem sie mich gefangengenommen hatten und mir immer klarer wurde, daß die Föderation kein weiteres Interesse an mir hatte und ich umgebracht werden sollte, gelang es Teel, den Wärter in ihre Zelle zu locken. Sie tötete ihn, nahm seine Schlüssel an sich, befreite mich, und wir entkamen. Seitdem sind wir zusammen.«
Nach einem langen Schweigen sagte Morgan: »Steff, wir brauchen deine Hilfe, um jemand zu finden, einen Mann, von dem wir annehmen, daß er im tiefen Anar lebt. Sein Name ist Walker Boh.«
»Walker Boh«, wiederholte Steff ruhig. Der Art, wie er den Namen aussprach, konnten sie entnehmen, daß er ihn kannte.
»Meine Freunde Par und Coll sind seine Neffen.« In kurzen Zügen erzählte Morgan die Geschichte ihrer Reise, die sie nach Culhaven geführt hatte, von der Flucht der Brüder Ohmsford aus Varfleet bis zu ihrem Kampf mit den Schattenwesen. Er berichtete von dem alten Mann und seinen Warnungen, von Pars Träumen, die ihn zum Hades-horn riefen, und von seiner eigenen Entdeckung der Zauberkraft des Schwertes von Leah. Steff hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Er saß regungslos auf seinem Platz; sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske.
Als Morgan seine Erzählung beendet hatte, schüttelte Steff den Kopf. »Druiden und Magie und Geschöpfe der Nacht. Hochländer, du hast mich wieder einmal überrascht!« Er erhob sich, ging um den Tisch herum und richtete seinen gedankenverlorenen Blick kurz auf Teel, bevor er sagte: »Ich habe von Walker Boh gehört.«
»Und?« drängte ihn Morgan.
»Und der Mann jagt mir Angst ein.« Steff sah Par und Coll an. »Euer Onkel, wie lang ist es her, seit ihr ihn zum letztenmal gesehen habt – zehn Jahre? Dann solltet ihr mir gut zuhören. Der Walker Boh, den ich kenne, ist vielleicht nicht derselbe Onkel, den ihr in Erinnerung habt. Dieser Walker Boh lebt eher in Gerüchten als in Wirklichkeit, ist aber trotz allem sehr wirklich – er ist jemand, dem selbst die Dinge, die in den dunkleren Teilen des Landes wohnen und sich an den Reisenden, Wanderern und Verirrten vergreifen, tunlichst aus dem Weg gehen.« Er setzte sich wieder hin, nahm seinen Bierkrug und trank.
Morgan Leah und die Ohmsfords sahen einander schweigend an. Schließlich sagte Par: »Ich glaube, wir haben uns schon entschieden. Wer oder was Walker Boh auch ist, uns verbindet außer unserer Blutsverwandtschaft ein weiteres gemeinsames Band – unsere Träume von Allanon. Ich muß wissen, was mein Onkel vorhat. Wirst du uns helfen, ihn zu finden?«
Ganz unerwartet ging ein schwaches Lächeln über Steffs Gesicht. Er sah Morgan an. »Ich nehme an, er spricht auch für seinen Bruder. Spricht er auch für dich?« Morgan nickte. Gedankenverloren ließ Steff seinen Blick geraume Zeit auf ihnen ruhen. »Dann werde ich euch helfen«, bekundete er schließlich. Er hielt inne und achtete auf ihre Reaktion. »Ich werde euch zu Walker Boh führen – falls er sich finden läßt. Aber ich tue das, weil ich meine eigenen Gründe dafür habe, und ich glaube, es ist am besten, wenn ihr darüber Bescheid wißt.« Er senkte den Kopf, und einen Augenblick legte sich ein Schatten auf sein Gesicht. »Die Föderation hat euch eure Häuser genommen und sie zu ihrem Besitz erklärt. Nun, die Föderation hat mir mehr als das weggenommen. Sie hat mir alles genommen – mein Heim, meine Familie, meine Vergangenheit und sogar meine Zukunft. Die Föderation hat all das zerstört, was war und ist, und hat mir nur das gelassen, was vielleicht sein wird. Sie ist mein Erzfeind, und ich würde alles tun, um sie zu vernichten. Nichts von all dem, was ich hier tue, wird mich zum Ziel führen. Was ich tue, dient nur dazu, mich am Leben zu erhalten. Jetzt hab’ ich genug davon. Jetzt will ich mehr.« Er hob den Kopf, und seine Augen leuchteten wild. »Falls es eine Magie gibt, die von den Ketten der Zeit befreit werden kann, falls es immer noch Druiden gibt,Geister oder Ähnliches, die dazu in der Lage sind, dann gibt es vielleicht eine Möglichkeit, mein Land und mein Volk zu befreien – Möglichkeiten, von denen wir bisher noch nichts ahnten. Wenn wir diese Möglichkeiten entdecken, dann müssen sie dazu benutzt werden, meinem Volk und meinem Land zu helfen.« Er schwieg. »Ich will, daß ihr ein Versprechen ablegt.«