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Eine lange Stille erfüllte den Raum, während seine Zuhörer einander ansahen.

Dann sagte Par leise: »Ich schäme mich für das Südland, wenn ich sehe, was hier geschehen ist. Ich kann es einfach nicht begreifen. Falls wir irgend etwas entdecken, das den Zwergen ihre Freiheit wiedergeben könnte, werden wir davon Gebrauch machen.«

»Das werden wir«, bestätigte Coll, und auch Morgan Leah nickte.

Steff holte tief Luft. »Wir haben also eine Abmachung. Ich werde euch zu Walker Boh bringen – das heißt Teel und ich, denn wo ich hingehe, geht auch sie hin.« Er sah von einem zum anderen. »Wir werden ungefähr einen Tag brauchen, um alles Notwendige zusammenzupacken und einige Erkundigungen einzuziehen. Obwohl es unnötig ist, erinnere ich euch trotzdem daran, wie schwierig und gefährlich diese Reise höchstwahrscheinlich sein wird. Geht zu Elise zurück und ruht euch aus. Teel wird euch hinbringen. Wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, schicke ich nach euch.«

Sie erhoben sich, und der Zwerg umarmte Morgan, lächelte dann unerwartet und schlug ihm auf die Schulter. »Du und ich, Hochländer – egal, wer da draußen lauert, vor uns muß er sich hüten!« Er lachte, und sein Lachen hallte im ganzen Raum wider.

Teel beobachtete sie mit Augen, die so kalt schienen wie Eis.

8

Zwei Tage vergingen, ohne daß sie eine Nachricht von Steff erhielten. Par und Coll Ohmsford und Morgan Leah verbrachten ihre Zeit im Waisenhaus damit, daß sie einige notwendige Reparaturen an dem alten Haus ausführten und Elise und Jilt bei den Kindern halfen. Es waren warme Tage, gerade richtig zum Faulenzen, die vom Klang der Kinderstimmen erfüllt waren. Die Welt innerhalb der Mauern des weiträumigen Hauses und des schattigen Gartens hatte nichts gemein mit der Welt, die draußen war. Hier gab es Essen, warme Bet-ten, Behaglichkeit und Liebe. Der Rest der Stadt verblaßte zu unangenehmen Erinnerungen – die Hütten, die gebrochenen Menschen, die verwahrlosten Kinder, die fehlenden Mütter und Väter, die niedergeschlagenen Blicke und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Par dachte mehrere Male daran, das Waisenhaus zu verlassen und noch einmal durch die Straßen von Culhaven zu gehen; auf keinen Fall wollte er fort, ohne sich noch einmal den Anblick eingeprägt zu haben, der, das wußte er, ihm immer im Gedächtnis bleiben würde. Aber die alten Frauen rieten ihm ab. Es war zu gefährlich, in der Stadt herumzuspazieren. Unabsichtlich hätte er Aufmerksamkeit erregen können. Es war besser, hier zu bleiben und die Welt draußen so zu belassen, wie sie war; beide Welten mußten allein ihr Bestes versuchen.

»Es gibt nichts, was wir tun könnten, um das Elend der Zwerge zu lindern«, erklärte Jilt bitter. »Denn dieses Elend hat bereits tiefe Wurzeln geschlagen.«

Par befolgte ihren Rat, fühlte sich aber unglücklich. Der innere Zwiespalt quälte ihn. Er konnte nicht so tun, als wüßte er nicht, was mit den Menschen in der Stadt geschah.

Am dritten Tag ihres Wartens marschierte frühmorgens eine Abteilung der Föderationssoldaten die Straße herauf und in den Hof herein. Ihr Führer war ein Sucher. Elise schickte die Talbewohner und den Hochländer auf den Dachboden und ging mit Jilt nach draußen, um den Besuchern entgegenzutreten. Vom Dachboden aus beobachteten die drei Versteckten, was geschah. Die Kinder mußten sich auf der Veranda in Reih und Glied aufstellen. Obwohl sie alle noch zu klein waren, als daß sie jemandem hätten von Nutzen sein können, wurden drei davon ausgesucht. Elise erhob Einwände, aber sie konnte nichts ausrichten. Sie und Jilt waren gezwungen, hilflos mitanzusehen, wie die drei fortgeführt wurden.

Danach waren alle niedergedrückt, selbst die lebhaftesten der Kinder. Jilt zog sich an ein Fenster zurück, von wo sie, während sie an ihrer Stickerei weiterarbeitete, den vorderen Teil des Hofes überblicken und die Kinder im Auge behalten konnte. Sie sprach mit niemand ein Wort. Elise verbrachte die meiste Zeit in der Küche beim Backen.

Am späten Nachmittag konnte Par sein Unbehagen nicht länger beherrschen und ging in die Küche hinunter, um mit Elise zu reden. Er fand sie, wie sie an einem der langen Küchentische saß und gedankenverloren an ihrer Teetasse nippte. Er fragte sie, wie es geschehen konnte, daß die Zwerge so schlecht behandelt wurden, daß die Soldaten der Föderation – Südländer wie er selbst – sich zu solcher Grausamkeit hergaben.

Elise lächelte traurig, nahm seine Hand und zog ihn zu sich herunter. »Par«, sagte sie leise. Sie hatte in den letzten Tagen angefangen, ihn beim Namen zu nennen, ein eindeutiges Zeichen dafür, daß sie ihn jetzt als eines ihrer Kinder betrachtete. »Par, es gibt Dinge, die man nicht erklären kann. Manchmal glaube ich, daß es für all das einen Grund geben muß, und dann wiederum glaube ich, daß es keinen Grund geben kann. Weißt du, es hat alles vor langer Zeit begonnen. Der Krieg hat vor mehr als hundert Jahren stattgefunden. Ich kenne niemand, der sich an die Anfänge erinnern könnte, und wenn man nicht weiß, wie alles angefangen hat, wie kann man dann wissen, warum es angefangen hat?« Sie umarmte Par. »Es tut mir leid, aber ich kann dir keine bessere Antwort geben. Ich glaube, ich habe die Suche nach einer Antwort schon vor langer Zeit aufgegeben. Meine ganze Energie brauche ich für die Kinder hier. Ich würde sagen, daß mir Fragen nicht mehr wichtig sind und daß ich deshalb auch nicht mehr nach Antworten suche. Ich lebe nur noch dafür, das Leben der Kinder zu retten.«

Par nickte schweigend, doch die Antwort befriedigte ihn nicht. Für alles, was passierte, gab es einen Grund, selbst wenn der Grund auf den ersten Blick nicht erkennbar war. Die Zwerge hatten den Krieg gegen die Föderation verloren; sie stellten jetzt für niemand eine Bedrohung dar. Warum also wurden sie systematisch unterdrückt?

In dieser Nacht schlief Par unruhig und lag schon wach, als Elise vor Tagesanbruch in den Schlafraum schlüpfte, um ihm zuzuflüstern, daß Teel gekommen sei, um sie abzuholen. Schnell verließ er das Bett und weckte Coll und Morgan. Sie zogen sich an, nahmen ihre Waffen und begaben sich in die Küche hinunter, wo Teel wartete, ein Schatten an der Tür. Elise brachte ihnen heißen Tee und Brot und küßte sie, Jilt warnte sie eindringlich vor den Gefahren, die draußen auf sie lauerten. Teel führte sie in die Nacht hinaus.

Die Morgendämmerung hatte sich noch nicht einmal durch einen kleinen Lichtschein in den vor ihnen stehenden Bäumen angekündigt, und sie huschten leise durch die schlafende Stadt, vier Gespenster auf der Suche nach einem Geist. Kaum hatten sie den Wald erreicht, tauchte Steff aus der Dunkelheit vor ihnen auf. An seinem Gürtel trug er mehrere lange Messer, und eine riesige Keule hing auf seinem Rücken. Er sprach kein Wort, als er anstelle von Teel die Führung übernahm und ihnen voranging. Im Osten schimmerte bereits das Tageslicht, und der Himmel begann sich zu erhellen. Die Sterne zogen sich zurück, und der Mond verschwand. Frost glitzerte auf Blättern und Gräsern wie funkelnde Kristalle.