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Sie marschierten in einem gemächlichen Tempo, immer in Richtung Norden. Sie unterhielten sich wenig, und schon gar nicht darüber, wohin sie gingen. Steff schien nicht gewillt, ihnen Auskunft zu erteilen, und weder die Männer aus dem Tal noch der Hochländer verspürten Lust zu fragen. Wenn der Zwerg sich ihnen mitteilen wollte, würde er dies tun.

Der Tag verstrich schnell, und bereits am Nachmittag erreichten sie die südlichen Ausläufer des Wolfsktaaggebirges. Sie setzten ihren Marsch ungefähr eine Stunde fort, bis sich der Wald zu lichten begann. Steff führte sie in der Nähe eines kleinen Baches zu einem umgefallenen Baumstamm und machte es sich darauf bequem.

»Falls man den Gerüchten Glauben schenken kann – und wir haben nichts als Gerüchte –, hält sich Walker Boh im Dunkelstreif auf. Um dorthin zu gelangen, müssen wir das Wolfsktaaggebirge überqueren und von dort nach Osten zum Dunkelstreif. Natürlich gibt es andere Wege – manche würden vielleicht sagen, sicherere Wege. Wir könnten das Wolfsktaaggebirge im Osten oder Westen umgehen, würden aber auf diese Weise fast mit Sicherheit auf Föderationssoldaten oder Gnome stoßen. Im Wolfsktaag dagegen gibt es weder das eine noch das andere. In den Bergen halten sich zu viele Geister und Dinge der alten Magie auf; die Gnome sind abergläubisch und halten sich deshalb davon fern. Die Föderation hat ganze Abteilungen hineingeschickt, die nie wieder zurückgekommen sind. Um die Wahrheit zu sagen, haben sich die meisten einfach verirrt, weil sie den Weg nicht kannten. Aber ich kenne den Weg.«

Seine Zuhörer blieben still. Schließlich sagte Colclass="underline" »Ich erinnere mich dunkel, daß einige unserer Vorfahren in ziemliche Schwierigkeiten geraten sind, als sie vor Jahren dieselbe Route genommen haben.«

Steff zuckte die Schultern. »Davon weiß ich nichts. Ich weiß bloß, daß ich diese Berge schon oft überquert habe.«

Coll schüttelte den Kopf und sah Par an. »Das alles ist mir nicht geheuer.«

»Tja, wir haben die Wahl zwischen dem Teufel, den wir kennen, und dem, den wir nur vermuten«, erklärte Steff barsch. »Zwischen Föderationssoldaten und ihren Verbündeten, den Gnomen, die ganz sicher dort draußen auf uns warten, und Geistern und Gespenstern, die wir nicht kennen.«

»Schattenwesen«, sagte Par leise.

Seinem Wort folgte ein kurzes Schweigen.

Steff lächelte grimmig. »Hast du’s noch nicht gehört, Talbewohner? Es gibt keine Schattenwesen. Das sind alles bloß Gerüchte. Und außerdem kannst du uns mit deiner Magie doch beschützen, oder nicht? Du und der Hochländer hier, wer könnte sich da schon an uns vergreifen wollen?« Sein Blick bohrte sich abwechselnd in die Anwesenden. »Also kommt. Keiner hat je behauptet, daß diese Reise ein Vergnügen werden würde.«

Darauf wußte keiner etwas zu erwidern, und sie überließen die Entscheidung dem Zwerg. Schließlich befanden sie sich hier in seinem Land, nicht dem ihren, und er kannte sich darin aus. Sie mußten sich, wollten sie Walker Boh finden, auf ihn verlassen.

Sie verbrachten die Nacht in einer Kiefernlichtung, in-mitten des Geruchs der Nadeln, der wilden Blumen und der frischen Luft. Ihr Schlaf blieb ungestört. Bei Tagesanbruch führte Steff sie in die Berge des Wolfsktaag hinein. Sie erreichten den Noosepaß, überquerten die Hängebrücke, die in der Mitte der Schlucht von einer Seite zur anderen führte, und kletterten durch die bewaldeten Hänge nach oben.

Der Morgen ging in den Nachmittag über, und sie erreichten die nach Norden verlaufenden Bergkämme. Jetzt empfanden sie das Reisen als angenehm, denn die Sonneschien warm und freundlich auf sie herab, und die Ängste und Zweifel der vorhergegangenen Nacht begannen sich aufzulösen. Vögel zwitscherten in den Bäumen, und kleine Tiere tummelten sich im Unterholz. Die Brüder und der Hochländer lächelten einander zu, Steff brummte unverständlich vor sich hin, und nur Teel zeigte keine Gefühlsregung.

Als die Nacht hereinbrach, errichteten sie auf einer Wiese, die von Tannen und Zedern umgeben war, ihr Lager. Es war fast windstill, und die Wärme des Tages verweilte in diesem geschützten Tal noch lange, nachdem die Sonne untergegangen war.

Sterne funkelten am dunklen Nachthimmel, und der Mond hing wie eine leuchtende Scheibe am westlichen Horizont. Par rief sich noch einmal die Weisung des alten Mannes ins Gedächtnis – daß sie am ersten Tag des neuen Mondes am Hadeshorn sein sollten. Die Zeit zerrann ihnen zwischen den Fingern.

Er dachte in dieser Nacht, als sie sich um das Feuer versammelten, nicht so sehr an den alten Mann oder Allanon.

Er dachte vielmehr an Walker Boh.

Er hatte seinen Onkel seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber seine Erinnerung war seltsam klar. Er war damals noch ein Junge gewesen, und sein Onkel schien schon damals ziemlich geheimnisvoll – ein großer, kräftiger Mann mit dunklen Augen, die geradewegs durch einen hindurchsehen konnten. Er war immer freundlich zu ihm gewesen, auch wenn er meist in sich gekehrt schien, irgendwie zwar im Hier und Jetzt, aber gleichzeitig auch wieder ganz weit weg.

Man erzählte sich schon damals Geschichten über Walker Boh, aber Par konnte sich nur an ganz wenige erinnern. Es hieß, er verfüge über magische Kräfte, obgleich keiner genau wußte, über welche Art magischer Kraft. Er war ein Nachkomme von Brin Ohmsford, besaß jedoch nicht die Magie des Wunschlieds. Seit zehn Generationen war keinem in seiner Familie diese Gabe zuteil geworden. Brin hatte sie mit ins Grab genommen. Die Zauberkraft, über die sie verfügt hatte, war natürlich anders gewesen als die ihres Bruders Jair. Während Jair mit dem Wunschlied lediglich Bilder heraufbeschwören konnte, war seine Schwester in der Lage, die Wirklichkeit zu verändern. Ihre Zauberkraft war bei weitem die stärkere. Dennoch war ihr Ende auch das Ende der Zauberkraft gewesen, wohingegen die Jairs die Zeit überdauert hatte.

Par erinnerte sich daran, daß sein Onkel manchmal wußte, was sich an einem anderen Ort zutrug. Er erinnerte sich an Begebenheiten, bei denen sein Onkel nur durch seinen Blick Dinge, ja selbst Menschen bewegen konnte. Manchmal konnte er einem auch sagen, was man gerade dachte. Natürlich war es möglich, daß sein Onkel einfach klug genug gewesen war, Gedanken zu erraten.

Aber dann war da noch die Sache, wie er mit Schwierigkeiten umgehen konnte – er war in der Lage, sie so schnell verschwinden zu lassen, wie sie gekommen waren. Jede bedrohliche Situation schien sich, sobald sie mit ihm in Berührung kam, in nichts aufzulösen. Das erschien Par als eine Art Zauberkraft.

Der Onkel hatte Par immer ermutigt, wenn er bemerkte, daß der Junge versuchte, das Wunschlied anzuwenden. Er hatte Par ermahnt, vorsichtig zu sein im Umgang mit den Bildern und in der Art und Weise, wie er seine Magie vor anderen präsentierte. Walker Boh war einer der wenigen Menschen in seinem Leben, die keine Angst hatten vor seiner Zauberkraft.

Während er so mit den anderen in der Stille der Berge saß und ihm die Erinnerungen an seinen Onkel durch den Kopf gingen, wurde seine Neugier von neuem entfacht, so daß er schließlich Steff fragte, welche Geschichten er über Walker Boh gehört habe.

Steff sah ihn nachdenklich an. »Die meisten stammen von Waldmännern, Jägern, Fährtensuchern und dergleichen – ein paar von Zwergen, die wie ich im Widerstand kämpfen und weit genug in den Norden gekommen sind, um von ihm zu hören. Man sagt, daß die Gnome ihn fürchten wie den leibhaftigen Teufel. Angeblich halten sie Walker Boh für einen Geist. Manche glauben, daß er bereits mehrere hundert Jahre alt und ein Druide ist.« Er blinzelte. »Aber das ist wahrscheinlich alles nur Gerede, wenn er dein Onkel ist.«

Par nickte. »Ich kann mich nicht daran erinnern, daß irgend jemand gesagt hätte, er sei älter als normale Menschen.«

»Ein Bursche hat geschworen, daß dein Onkel mit den Tieren spricht und daß die Tiere ihn verstehen. Er behauptete, selbst Zeuge gewesen zu sein, wie dein Onkel auf eine Bergkatze, die so groß war wie ein Präriebüffel, zugingund sich mit ihr unterhielt, so wie ich mich mit dir unterhalte.«