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»Es heißt, daß auch Cogline dazu in der Lage war«, warf Coll ein. »Er hatte eine Katze mit Namen Whisper, die ihm überallhin folgte. Die Katze beschützte seine Nichte Kimber. Sie hieß ebenfalls Boh, nicht wahr, Par?«

Par nickte; er erinnerte sich daran, daß sein Onkel sich nach der Familie seiner Mutter Boh genannt hatte. Aber er konnte sich nicht entsinnen, daß sein Onkel irgendwann den Namen Ohmsford gebraucht hätte.

»Es gibt da noch eine Geschichte«, sagte Steff. »Ich hab’ sie von einem Fährtensucher gehört, der den tiefen Anar besser kannte als jeder andere und, glaube ich, auch als Walker Boh. Er hat mir erzählt, daß ein Etwas, das in den Tagen der alten Magie geboren wurde, aus dem Rabenhorn ausbrach und vor zwei Jahren in den Dunkelstreif kam und sich von dem Leben ernährte, das es dort vorgefunden hat. Walker Boh zog aus, um es zu finden; als sie aufeinandertrafen, drehte sich die Kreatur um und ging dorthin zurück, wo sie hergekommen war – einfach so.« Steff schüttelte den Kopf und rieb sich sein Kinn. »Das gibt einem zu denken, oder nicht?« Er streckte seine Hände zum Feuer aus. »Genau aus diesem Grund fürchte ich ihn – weil es anscheinend nicht viel auf dieser Welt gibt, vor dem er sich fürchtet. Er kommt und geht wie ein Geist, heißt es; er taucht auf und ist im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden, gleich einem Schatten der Nacht. Ich frage mich, ob er sich überhaupt vor den Schattenwesen fürchtet. Ich glaube nicht.«

»Vielleicht sollten wir ihn fragen«, schlug Coll lächelnd vor.

Steff strahlte. »Ja, vielleicht sollten wir das«, stimmte er zu. »Ich schlage vor, daß du ihn fragst!« Er lachte. »Dabei fällt mir etwas ein. Hat der Hochländer euch schon erzählt, wie wir uns kennengelernt haben?«

Die Brüder schüttelten den Kopf, und ungeachtet des lauten Brummens aus Morgans Richtung fing Steff an, die Geschichte zum Besten zu geben. Vor ungefähr zehn Mona-ten war Morgan am Ostende des Regenbogensees, an der Mündung des Silberflusses, beim Fischen, als ein Windstoß sein Boot umwarf. Seine ganze Ausrüstung ging verloren, und er war gezwungen, sich mühsam an Land zu retten. Vollkommen durchnäßt versuchte er vergeblich, ein Feuer zu machen, als Steff des Weges kam und ihm half, trocken zu werden.

»Wenn ich damals kein Mitleid mit ihm gehabt hätte, wäre er erfroren«, endete Steff. »Wir redeten und erzählten. Sofort machte er sich dann auf den Weg nach Culhaven, um sich zu vergewissern, daß das Leben im Land der Zwerge wirklich so schrecklich war, wie ich es geschildert hatte.« Er warf dem verdrießlich dreinblickenden Hochländer einen freundlichen Blick zu. »Danach ist er immer wiedergekommen und hat auch jedesmal ein kleines Geschenk für Elise und Jilt mitgebracht. Ich nehme an, sein Gewissen läßt ihn kommen.«

»Ach, du lieber Himmel!« ließ Morgan verlegen hören.

Steff lachte, und sein durch die Stille dröhnendes Lachen erfüllte die Nacht. »Genug also, stolzer Hochlandprinz! Wir wenden uns einem anderen Thema zu.« Er verlagerte sein Gewicht und sah Par an. »Der Fremde, der, der dir den Ring gegeben hat – laßt uns über ihn reden! Ich weiß einiges über die Geächteten, die zur Bewegung gehören – größtenteils eine ziemlich unnütze Bande. Was ihnen fehlt, ist die richtige Disziplin. Die Zwerge haben sich angeboten, mit ihnen zu arbeiten, aber sie haben das Angebot bis jetzt noch nicht angenommen. Der Ring, den du bekommen hast – trägt er das Zeichen eines Falken?« Par saß plötzlich aufrecht. »Ja, Steff. Weißt du, wem er gehört?« Steff lächelte. »Ja und nein. Wie ich schon gesagt habe, sind die Geächteten ein disziplinloser Haufen – aber das könnte sich ändern. Es gehen Gerüchte um, daß einer die Sache in die Hand nehmen will. Er gibt sich nicht mit Namen zu erkennen, sondern benutzt das Zeichen des Falken.« »Das muß derselbe Mann sein«, erklärte Par. »Er wollte auch uns seinen Namen nicht nennen.« Steff zuckte die Schultern. »Namen werden in diesen Zeiten selten preisgegeben. Aber die Art, wie er eure Flucht vor den Suchern bewerkstelligt hat – ja, das ist der Mann, von dem ich immer wieder höre.« »Er war ganz schön mutig in jener Nacht«, erwiderte Par. Sie unterhielten sich noch eine Zeit lang über den Fremden, über die Geächteten. Obwohl sie nicht mehr auf Walker Boh zu sprechen kamen, war Par zufrieden mit dem, was er bisher erfahren hatte. Er war sich sicher über seinen Onkel. Für ihn war es egal, wie sehr sich die anderen, Steff und die übrigen, vor Walker Boh fürchteten; für ihn würde er so lange der bleiben, der er für ihn als kleiner Junge gewesen war, bis er eines Besseren belehrt würde – und er hatte das komische Gefühl, daß dies niemals geschehen würde. Ihr Gespräch geriet ins Stocken, bis einer nach dem anderen sich unter seine Decke verkroch. Par wollte, bevor sie sich schlafen legten, Holz ins Feuer legen und stapfte zum Waldrand. Er war gerade dabei, die vom Wind imletzten Winter heruntergebrochenen Äste einer alten Zeder aufzusammeln, als er plötzlich Teel gegenüberstand. Ihr vermummtes Gesicht schien gespannt, ihre Augen fest auf ihn gerichtet.

»Kannst du mir die Magie zeigen?« fragte sie leise.

Par starrte sie an. Er hatte sie noch nie sprechen hören, seit er ihr in Elises Küche zum erstenmal begegnet war.

»Kannst du die Bilder machen?« drängte sie. Sie sprach mit tiefer und rauher Stimme. »Nur eines oder zwei, damit ich sie sehen kann? Es wäre sehr schön, wenn du das tun könntest.«

Plötzlich bemerkte er ihre Augen, die er vorher nicht gesehen hatte. Ihre Augen, so tiefblau wie der Himmel an diesem Tag, blickten ihn neugierig an. Ihr Glanz verwirrte ihn, und er erinnerte sich plötzlich daran, daß ihr Haar, das sie unter ihrer Kapuze verbarg, die Farbe von Honig hatte. Bislang hatte sie in ihrer Art, sich von ihnen zu distanzieren, ziemlich unfreundlich gewirkt, aber wie sie jetzt vor ihm stand, wirkte sie nur noch klein.

»Welche Bilder möchtest du denn gern sehen?« fragte er sie.

Sie dachte kurz nach. »Ich möchte gern sehen, wie Culhaven zur Zeit Allanons ausgesehen hat.«

Er wollte ihr sagen, daß er nicht wirklich wußte, wie Culhaven vor so langer Zeit ausgesehen hatte, nickte aber. »Ich kann’s versuchen«, sagte er und sang ihr leise vor. Er ließ Bilder vor ihrem geistigen Auge entstehen, Bilder der Stadt, so wie sie möglicherweise vor dreihundert Jahren ausgesehen hatte. Er sang ihr vom Silberfluß, vom Meade-Garten, von den schmucken Häusern, vom Leben in der Hauptstadt der Zwerge vor dem Krieg mit der Föderation. Als er fertig war, sah sie ihn kurz an, bevor sie sich wortlos umdrehte und in der Nacht verschwand.

Par blickte ihr verwirrt nach, zuckte dann die Schultern, sammelte den Rest des Holzes ein und legte sich schlafen.

Bei Tagesanbruch waren sie wieder unterwegs und marschierten durch die höheren Regionen des Wolfsktaag, dort wo der Wald sich zu lichten begann und der Himmel immer näher rückte. Auch dieser Tag war warm und hell. Der Wind strich sanft über ihre Gesichter.

Trotz alledem war Par unbehaglich zumute. Er hatte diese Empfindung während der zwei vorhergegangenen Tage nicht gehabt, aber an diesem Tag kroch sie in ihm hoch. Er wollte das Unbehagen abschütteln, indem er sich einzureden versuchte, daß es jeder Grundlage entbehrte. Die anderen schienen zufrieden. Selbst Teel, die nur selten eine Regung zeigte, machte den Eindruck, als wäre sie vollkommen frei von Sorgen.

Aus dem Morgen wurde Nachmittag, und Pars Unbehagen verwandelte sich langsam in das sichere Gefühl, daß sie verfolgt wurden. Unwillkürlich blickte er immer wiederzurück, ohne zu wissen, wonach er suchte. Über ihnen, zu ihrer Rechten, erhob sich der Bergkamm zu steilen, öden Felswänden und gefährlichen Schluchten, die nicht überquert werden konnten. Unter ihnen erhob sich dichter Wald. Par blickte ein letztes Mal über seine Schulter, und da sah er, wie sich etwas zwischen den Felsen bewegte. Er blieb auf der Stelle stehen. Die anderen sahen ihn an.