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»Was ist los?« fragte Steff.

»Irgend etwas ist hinter uns«, sagte Par leise und hielt seinen Blick genau auf die Stelle gerichtet, wo er die Bewegung zuletzt ausgemacht hatte. »Da, in den Felsen.« Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle.

Sie standen da, schauten eine geraume Zeit in alle Richtungen und sahen nichts. Der Nachmittag ging dem Ende zu, und die Schatten in den Bergen wurden länger, so daß es immer schwieriger wurde, im Halblicht irgend etwas zu erkennen.

Schließlich schüttelte Par den Kopf. »Vielleicht habe ich mich geirrt«, gab er zu.

»Vielleicht auch nicht«, erwiderte Steff und bedeutete ihnen weiterzugehen.

Teel ging voraus, und Steff bildete mit Par die Nachhut. Ein- oder zweimal bat er Par zurückzuschauen, und ein- oder zweimal blickte er selbst zurück. Obwohl Par das Gefühl nicht loswurde, daß irgend etwas hinter ihnen war, konnte er nichts erkennen. Sie überquerten einen Bergkamm, der von Osten nach Westen verlief, und machten sich an den Abstieg. Ihr Ziel lag im Schatten, und der Pfad zu ihren Füßen wand sich durch ein Labyrinth von Felsen.

Keiner sagte ein Wort. Par lief plötzlich ein Schauer über den Rücken.

Sie hatten die Felsen hinter sich gelassen und befanden sich auf einem offenen Pfad, der sie wieder nach oben führte, als das Ding endlich aus den Schatten heraustrat und sich zu erkennen gab. Steff sah es zuerst, stieß einen heftigen Schrei aus und brachte sie alle zum Stehen. Die Kreatur war hundert Meter hinter ihnen, zusammengekauert auf einen flachen Felsen. Sie ähnelte einem riesigen Hund oder Wolf mit einem mächtigen behaarten Oberkörper und einem entstellten Gesicht und hatte komische fette Beine, einen zylinderförmigen Rumpf, kleine Ohren und einen Schwanz. Ihre Kiefer, die größten Kiefer, die Par jemals gesehen hatte, lösten sich einmal voneinander, und Speichel lief heraus. Das Wesen begann auf sie zuzuschlendern.

»Geht weiter«, sagte Steff leise, und sie folgten dem Pfad.

»Was ist das?« fragte Morgan ganz leise.

»Man nennt es Nager«, antwortete Steff ruhig. »Es ist im tiefsten Teil des Anar, jenseits des Hadeshorns, zu Hause. Sehr gefährlich. Ich habe jedoch noch nie gehört, daß sich eines davon in den mittleren Anar verirrt hätte – ganz zu schweigen ins Wolfsktaaggebirge.«

»Du meinst wohl, bis jetzt«, murmelte Coll.

Sie erreichten eine Stelle, von der aus der Pfad nach unten in eine Mulde verlief. Die Sonne war verschwunden, die Sicht wurde immer schlechter. Das Ding hinter ihnen tauchte ganz unerwartet auf und verschwand wieder, und Par mußte unwillkürlich daran denken, was geschehen würde, wenn sie es völlig aus den Augen verloren.

»Ich habe noch nie von einem gehört, das sich an Menschen heranpirscht«, erklärte Steff plötzlich hinter ihm.

Die seltsame Verfolgung ging weiter, der Nager blieb ihnen weiterhin im Abstand von etwa hundert Metern auf den Fersen und hatte offensichtlich vor, die Dunkelheit abzuwarten, um sich dann auf sie zu stürzen. Steff trieb sie an, er war auf der Suche nach einer Stelle, die ihnen die Möglichkeit bot, sich zu verteidigen.

»Warum läßt du nicht mich die Sache in die Hand nehmen?« fuhr Morgan ihn plötzlich an.

»Weil du schneller tot wärst, als ich deinen Namen aussprechen könnte, Hochländer«, antwortete der Zwerg. »Laß dich nicht täuschen. Diese Kreatur kann es leicht mit uns Fünfen aufnehmen, wenn sie uns unvorbereitet überrascht. In diesem Fall wird uns alle Magie der Welt nicht helfen.«

Par erstarrte. Plötzlich fragte er sich, ob die Zauberkraft von Morgans Schwert etwas gegen diese Bestie auszurichten vermochte. War es nicht vielmehr so, daß die Zauber kraft des Schwertes nur dann geweckt wurde, wenn sie auf eine ähnliche Zauberkraft traf? War das nicht die Absicht Allanons gewesen, als er der Klinge ihre Macht verliehen hatte? Er bemühte sich, sich an die Einzelheiten der Geschichte zu erinnern, aber es wollte ihm nicht gelingen.

»Vorwärts, runter in die Mulde«, wies Steff sie unerwartet an. »Dort werden wir…«

Aber da kam der Nager auf sie zu. Die riesige schwarze Gestalt raste durch die Dunkelheit und sprang in gewaltigen Sätzen über die Felsen und durch das Gebüsch.

»Weiter!« rief Steff ihnen zu und deutete hastig auf den nach unten führenden Pfad, bevor er sich der Bestie zuwandte.

Ohne nachzudenken rannten sie weiter, alle außer Morgan, der sein Schwert mit einem heftigen Ruck aus der Scheide zog und seinem Freund zu Hilfe eilte. Teel, Coll und Par blickten sich erst in dem Augenblick um, als die Bestie ihre Gefährten erreichte. Die Kreatur ging auf Steff los, doch der Zwerg erwartete sie mit seiner riesigen Keule in der Hand. Er traf die Bestie mit einem Schlag am Kopf, der jeden anderen niedergestreckt hätte. Aber der Nager schüttelte den Schlag ab und lief wieder auf den Zwerg zu. Steff schlug ein zweites Mal auf ihn ein, stürzte an ihm vorbei und zog den Hochländer mit sich. Mit einem Satz waren sie unten auf dem Pfad und holten die Brüder und Teel schnell ein.

»Die Böschung hinunter!« schrie Steff. Sie stürzten schlitternd und rutschend auf ein Gehölz zu.

Plötzlich wurde Par sich des Nagers bewußt. Er hörte seinen Schrei, noch bevor er ihn sah, seinen Schrei, der wie ein Wimmern klang. Die Magie, dachte Par, ich muß die Magie einsetzen.

Das Wunschlied wird funktionieren, wird ihn wenigstens ablenken…

»Bleibt zusammen!« befahl der Zwerg. Er selbst wagte sich vor, um dem Ansturm des Nagers entgegenzutreten.

Par sollte nie vergessen, was sich danach ereignete. Steff ließ die Bestie dicht an sich herankommen, wich dann plötzlich nach hinten aus, rammte die Keule in den Rachen des Nagers und stieß mit seinen gestiefelten Füßen gegen seine mächtige Brust. Der Nager torkelte an Steff vorbei und stürzte wild um sich schlagend auf den Waldrand zu. Dann plötzlich schoß etwas Riesiges aus den Bäumen hervor, verschlang den Nager mit einem einzigen Biß und verschwand wieder in der Dunkelheit. Sie hörten einen heftigen Schrei, dann herrschte wieder Stille.

Steff legte einen Finger auf seine Lippen und winkte ihnen, ihm zu folgen. Schweigend kletterten sie wieder zum Pfad hinauf und starrten von dort nach unten in die undurchdringliche Dunkelheit.

»Im Wolfsktaag muß man wissen, wovor man sich hüten muß«, flüsterte Steff mit einem harten Lächeln. »Selbst als Nager!«

Sie reinigten ihre Kleider und rückten ihre Rucksäcke zurecht. Ihre Schrammen waren kaum der Rede wert. Den Jadepaß konnten sie laut Steff in einer, höchstens zwei Stunden erreichen.

Sie marschierten weiter.

9

Der Marsch zum Jadepaß dauerte länger, als Steff vermutet hatte, und es war fast Mitternacht, als sie ihn erreichten. Sie schliefen in einer schmalen Schlucht, die uralte Fichten schützend umgaben. Sie waren so erschöpft, daß sie weder an Essen noch an Feuer dachten, sondern sich einfach in ihre Decken wickelten und einschliefen. In dieser Nacht träumte Par von dem Nager. Unbarmherzig verfolgte ihn dieser, ein kaum auszumachender Schatten, der nichtsdestotrotz so wirklich war wie er selbst. Der Schatten kam, um ihn zu holen, und er rannte, um ihm zu entkommen. Schließlich drängte ihn die Bestie in eine Felsnische. Er fuhr aus dem Schlaf auf.

Um ihn herum war es dunkel, obwohl der Himmel im Osten bereits hell zu werden begann; seine Gefährten schliefen noch. Sein Gesicht und sein Körper waren schweißgebadet, sein Atem ging schnell und röchelnd. Er legte sich wieder hin, konnte jedoch nicht mehr einschlafen.

Am Morgen machten sie sich auf den Weg nach Osten in den mittleren Anar und wanderten durch einen Irrgarten von bewaldeten Hügeln und Schluchten. Sie sprachen nur wenig. Der Tag war verhangen, und der Wald um sie herum schien auf irgendeine Weise noch geheimnisvoller. Gegen Mittag erreichten sie die Wasserfälle des Mangoldstroms und folgten bis zur Dämmerung dem Fluß.

Der nächste Tag brachte Regen und Nebel. Ihre Reise wurde beschwerlich. Sie kamen an der Rooker-Handelsstation vorbei, die zu Zeiten Jair Ohmsfords eine winzige Handelsniederlassung für Jäger und Händler gewesen war, in der jedoch später ein blühender Pelzhandel betrieben wurde, bis der Krieg zwischen den Zwergen und der Föderation diesen zerschlagen und schließlich allen Handelsgeschäften im Ostland nördlich von Culhaven ein Ende gesetzt hatte. Jetzt stand sie leer, ohne Fenster und Türen; das Dach war morsch.