Während des Mittagessens, das sie unter dem Schutzdach einer riesigen alten Weide am Fluß einnahmen, sprach Steff beunruhigt von dem Nager und betonte noch einmal, daß noch nie ein Nager westlich des Rabenhorns gesichtet worden sei. Woher war also dieser Nager gekommen? Was hatte ihn hierher verschlagen? Aus welchem Grund hatte er sie verfolgt?
Die kleine Kolonne setzte ihren Weg in der Dunkelheit fort und folgte dem Mangoldstrom, der sich seinen Weg nach unten in den Dunkelstreif bahnte. Die Reise wurde immer beschwerlicher; der Waldboden war mit dichtem Unterholz, abgestorbenen Asten und Baumstämmen bedeckt, so daß der Pfad kaum noch auszumachen war. Als sie gegen Mittag dem Fluß den Rücken kehrten, verwandelte sich die Landschaft in ein Gewirr aus Wasserläufen und Schluchten. Sie schleppten sich mühsam durch den Schlamm und die Büsche; Steff, der den Weg bahnte, schnaufte schwer. Wenn er marschierte, glich der Zwerg einer rastlosen Maschine. Nur Teel konnte mit ihm mithalten, obwohl sie kleiner als Steff war. Es waren die Brüder und der Hochländer, die irgendwann ermüdeten, deren Muskeln sich verkrampften und deren Atem immer schwerer ging. Sie begrüßten jede kleine Pause, die der Zwerg ihnen gewährte, und jedesmal, wenn sie wieder aufbrachen, konnten sie seiner Aufforderung nur mit größter Mühe nachkommen.
Erst am Spätnachmittag hörte der ständige Regen auf, und plötzlich teilten sich die Wolken, um vereinzelte Sonnenstrahlen durchzulassen. Sie erklommen einen Bergkamm und erblickten unter sich ein flaches, bewaldetes Tal, das von einer seltsamen Felsformation beherrscht wurde. Sie erhob sich aus den Bäumen wie ein riesiger Wächter.
Steff bedeutete den anderen stehenzubleiben und zeigte nach unten. »Da«, sagte er leise. »Falls wir Walker Boh wirklich aufspüren, dann dort unten.«
Par vergaß darüber seine Erschöpfung und starrte ungläubig Steff an. »Ich kenne diesen Ort!« rief er aus. »Es ist der Kamin! Ich kenne ihn aus den Geschichten! Hier ist Cogline zu Hause!«
»War«, berichtigte Coll ihn müde.
»War, ist, was macht das schon für einen Unterschied?« Par war ganz aufgeregt, als er sprach. »Die Frage ist, was macht Walker Boh hier? Andererseits hat es auch wieder Sinn, daß er sich hier aufhält, da dies einmal die Heimstatt der Bohs war; aber es war natürlich auch Coglines Heim. Falls Walker Boh sich tatsächlich hier aufhält, warum hat uns der alte Mann nichts davon gesagt? Es sei denn, der alte Mann ist nicht Cogline, oder er hat aus irgendeinem Grund nicht gewußt, daß Walker hier ist, oder Walker…« Plötzlich ganz verwirrt, hielt er inne. »Bist du sicher, daß das der Ort ist, wo mein Onkel angeblich lebt?« wollte er von Steff wissen.
Der Zwerg hatte ihn die ganze Zeit über angestarrt, als sähe er einen dreiköpfigen Hund. Jetzt zuckte er die Schultern. »Ich weiß nur sehr wenig und lege mich auf noch viel weniger fest. Ich habe lediglich gehört, daß dies der Ort ist, an dem sich der Mann aufhalten soll. Sobald du also deine große Rede beendet hast, sollten wir einfach hinuntergehen und nachschauen.«
Par verstummte, und sie begannen ihren Abstieg. Als sie die Talsohle erreichten, stellten sie überrascht fest, daß der Waldboden weder mit Gebüsch noch mit abgestorbenem Holz bedeckt war. Die Bäume gaben den Blick auf Lichtungen frei, die von Bächen durchkreuzt und mit winzigen weißen, blauen und tiefvioletten Blumen übersät waren. Stille umgab sie. Par vergaß darüber die Gefahren und die Mühsale der Reise und richtete seine Gedanken statt dessen auf den Mann, dem er bis hierher gefolgt war. Er war verwirrt, aber er kannte wenigstens den Grund seiner Verwirrung. Als Brin Ohmsford vor dreihundert Jahren in den Dunkelstreif gekommen war, war der Kamin die Heimstatt Coglines und des Kindes Kimber Boh gewesen, das er als seine Enkelin ausgab. Der alte Mann und das kleine Mädchen hatten Brin zum Maelmord geleitet, wo sie dem Ildatch begegnete. Danach waren sie Freunde geblieben, und diese Freundschaft hatte zehn Generationen überdauert. Walker Bohs Vater war ein Ohmsford und seine Mutter eine Boh. Er konnte seine Ahnen auf seines Vaters Seite bis zu Brin zurückverfolgen und auf Seiten seiner Mutter bis zu Kimber. Es war deshalb nur verständlich, daß er hierher zurückkommen würde – es war dagegen unverständlich, daß der alte Mann, der Mann, der sich als Cogline ausgab, der vor dreihundert Jahren gelebt hatte, nichts davon wissen sollte.
Par zog die Stirn in Falten. Was hatte der alte Mann über Walker Boh gesagt, als sie mit ihm gesprochen hatten? Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Nur, daß er wußte, daß Walker am Leben war, antwortete er sich. Nur das und sonst nichts.
Aber gab es da noch etwas, das der alte Mann ihnen verschwiegen hatte? Par war sich dessen sicher. Und er wollte dahinterkommen, was es war.
Die wenigen Strahlen des späten Sonnenscheins zogen sich wieder zurück, und die Dämmerung umhüllte das Tal mit dunklen grauen Schatten. Der wolkenlose Himmel war übersät mit unzähligen Sternen, und der abnehmende Mond tauchte den Wald in ein milchiges Licht. Die kleine Kolonne bewegte sich vorsichtig weiter, immer in Richtung der kaminartigen Felsformation. Sie überquerten Dutzende von kleinen Bächen und gingen durch einen Irrgarten von Lichtungen. Es war still im Wald, aber sie empfanden die Stille nicht als bedrohlich. Coll versetzte Par einen kleinen Stoß, als er ein graues Eichhörnchen bemerkte, das auf seinen Hinterbeinen saß und ernst auf sie herabsah. Die Nacht war erfüllt von Geräuschen.
»Irgendwie fühle ich mich hier beschützt, du nicht auch?« fragte Par seinen Bruder, und Coll nickte.
Fast eine Stunde lang marschierten sie weiter, ohne jemand zu begegnen. Sie befanden sich ungefähr in der Mitte des Tales, als ein Lichtstrahl zwischen den Bäumen auf sie fiel. Steff verlangsamte seinen Schritt, bedeutete ihnen, auf der Hut zu sein, und ging dann wieder voraus. Das Licht kam immer näher. Eine Lampe! dachte Par. Er drängte sich zu Steff vor. »Es ist eine Hütte«, flüsterte er dem Zwerg zu.
Sie traten auf eine breite, grasgrüne Lichtung hinaus. Es befand sich tatsächlich eine Hütte dort, genau in der Mitte der Lichtung, eine gut erhaltene Hütte aus Stein und Holz mit Veranden auf der Vorder- und Rückseite, gepflasterten Wegen und einem Garten mit blühenden Büschen. Fichten und Pinien umgaben das Häuschen wie kleine Wachtürme. Der aus seinen Fenstern flutende Lampenschein tauchte den Rasen in helles Licht.
Die Vordertür stand offen.
Par wollte sofort darauf zugehen, doch Steff hielt ihn mit einem kräftigen Griff davon ab. »Ein bißchen Vorsicht könnte nichts schaden«, belehrte er ihn. Er flüsterte Teel etwas zu, wandte sich dann von ihnen ab, um allein zur Hütte zu gehen, und huschte über die Lichtung, sorgsam darauf bedacht, die Schatten der Bäume auszunutzen und gleichzeitig die Tür im Auge zu behalten. Die anderen sahen ihm nach. Als er die Veranda erreichte, kauerte er sich zunächst lange Zeit davor nieder, bevor er mit schnellen Schritten die Stufen hinauf- und ins Haus hineinsprang. Nach einem Augenblick des Schweigens erschien er in der Tür und winkte sie herbei.
Als sie ihn erreichten, sagte er: »Es ist niemand zu Hause. Aber es scheint, als hätte man uns erwartet.«
Den Sinn seiner Worte begriffen sie, als sie hineintraten. Zwei Kamine befanden sich an den einander gegenüberliegenden Wänden des Hauptraums; vor dem einen waren Stühle und Bänke zu einer Art Sitzgruppe zusammengestellt worden, der andere diente als Kochstelle. In beiden brannte ein loderndes Feuer. Auf der Kochstelle köchelte ein Eintopf, und das heiße Brot war zum Abkühlen auf ein Brett gelegt worden. Ein langer Tisch war sorgfältig für fünf Personen gedeckt. Par ging darauf zu, um alles in Augenschein zu nehmen. Alle fünf Becher enthielten kühles Bier.