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Die Gefährten sahen einander an, bevor sie ihre Blicke durch den Raum schweifen ließen. Das Holz der Wände und Balken schien poliert und gewachst. Silberbesteck, Gläser, Holzschnitzereien und Wandbehänge glänzten und schimmerten im Schein der Öllampen und Kaminfeuer. Frische Blumen standen sowohl auf dem langen Tisch wie auch in der Sitzecke. Durch einen Gang gelangte man zu den Schlafräumen. Die Hütte war hell, heiter und leer.

»Gehört sie Walker?« fragte Morgan. Irgendwie paßte all das nicht in das Bild, das er sich von dem Mann gemacht hatte.

Par schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich sehe nichts, was ich wiedererkennen würde.«

Morgan schlüpfte leise in den hinteren Gang, blieb kurz verschwunden und kehrte dann wieder zurück. »Nichts«, erklärte er enttäuscht.

Coll gesellte sich zu Par, sog den Duft, der aus demTopf strömte, ein und zuckte die Schultern. »Tja, es sieht so aus,als sei unser Kommen doch keine so große Überraschung. Ich weiß nicht, wie’s mit euch ist, aber der Eintopf riecht verdammt gut. Und da sich jemand die Mühe gemacht hat zu kochen – Walker Boh oder sonst jemand –, glaube ich, daß wir uns wenigstens hinsetzen und essen sollten.«

Par und Morgan ließen sich nicht lange bitten, und selbst Teel schien nicht abgeneigt. Auch Steff stimmte zu. Nichtsdestotrotz bestand er darauf, sich zuerst zu vergewissern, daß das Essen nicht vergiftet war. Als er schließlich verkündete, daß es genießbar sei, setzten sie sich und machten sich hungrig darüber her.

Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, räumten sie den Tisch ab, wuschen das Geschirr und stellten es vorsichtig in einen dafür bestimmten Schrank zurück. Danach durchsuchten sie die Hütte ein zweites Mal. Sie fanden nichts.

Sie saßen noch bis nach Mitternacht am Feuer und warteten. Niemand kam. Im hinteren Teil der Hütte befanden sich zwei Schlafzimmer mit je zwei Betten, die mit frischen Leintüchern und Decken bezogen waren. Sie schliefen abwechselnd, und immer einer hielt für die anderen Wache. Ihr Schlaf blieb unbehelligt. Die Morgendämmerung beendete ihren Schlaf, der sie erfrischt hatte. Noch immer kam niemand.

Im Laufe des Tages durchsuchten sie das ganze Tal von einem Ende zum anderen, von der Hütte bis zu dem seltsamen, kaminförmigen Felsen. Das Sonnenlicht und eine leichte Brise sowie der Duft der Pflanzen erfüllten den warmen, hellen Tag. Sie wanderten langsam an den Bächen entlang, folgten den Pfaden, durchstreiften die wenigen Senken. Sie entdeckten vereinzelte Spuren, die alle von Tieren stammten. Vögel flogen über sie hinweg, jähe Farbblitze leuchteten zwischen den Bäumen auf, winzige Waldbewohner beobachteten sie aus scharfen Augen, und Insekten schwirrten und surrten. Irgendwann, als Par und Coll die Westseite des Felsenturms absuchten, stellte sich ihnen ein Dachs in den Weg und weigerte sich, sie vorbeizulassen. Sonst sahen sie nichts.

An diesem Abend mußten sie ihre Mahlzeit selbst zubereiten, aber im Kühlraum fanden sie frisches Fleisch und Käse, im Garten Gemüse, und Brot vom Vortag war auch noch vorhanden.

Die Brüder zierten sich nicht lange, und überzeugt davon, daß man genau das von ihnen erwartete, drängten sie die anderen, es ihnen ungeachtet der Befürchtungen von Steff gleichzutun. Der Tag ging in eine warme und angenehme Nacht über, und sie fingen an, sich in ihrer neuen Umgebung wohlzufühlen. Steff saß mit Teel vor dem Kaminfeuer und rauchte seine lange Pfeife, während Par mit Coll in der Küche das Geschirr abwusch und Morgan sich auf den Vorderstufen auf Wache begeben hatte.

»Irgend jemand hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Hütte so herzurichten«, bemerkte Par, als sie ihre Arbeit erledigt hatten. »Es scheint mir ziemlich unvernünftig, daß die Besitzer sie einfach verlassen haben.«

»Vor allem, nachdem sie sich die Zeit genommen haben, uns einen Eintopf zu kochen«, fügte Coll hinzu. Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Glaubst du, daß sie Walker gehört?«

»Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich wüßte es.«

Es war bereits weit nach Mitternacht, als er gähnend auf die vordere Veranda hinaustrat und nach der wachehaltenden Teel Ausschau hielt, um sie abzulösen. Zuerst konnte er die Zwergin nirgends entdecken, und erst als er vollkommen wach war, tauchte sie einige Dutzend Meter entfernt hinter einer Fichte auf. Sie huschte lautlos auf ihn zu, um dann wortlos in der Hütte zu verschwinden. Par blickte ihr neugierig nach, setzte sich auf die Stufen, stützte das Kinn in die Hände und starrte in die Dunkelheit hinaus.

Er hatte fast eine Stunde lang so dagesessen, als das Geräusch an sein Ohr drang.

Es war ein seltsames Geräusch, eine Art Summen wie von einem Schwärm von Bienen, gleichzeitig aber tiefer und rauher. Er hörte es, und dann war es auch schon wieder verklungen. Zuerst dachte er, es sei nur Einbildung gewesen. Doch dann hörte er es wieder, nur einen Augenblick, bevor es wieder verklang.

Er stand auf und schaute sich zögernd um, bevor er langsam zum Weg hinüberging. Ein sternklarer Himmel erhellte die Nacht. Der Wald um ihn herum schien leer. Er fühlte sich wieder sicher und schlenderte langsam um das Haus herum nach hinten. Unter einer alten Weide fand er zwei alte Bänke. Er ging darauf zu und lauschte noch einmal in die Dunkelheit, hörte aber nichts. Er nahm auf einer der Bänke Platz. Eine Zeitlang saß er nur da, starrte durch die hängenden Zweige der Weide, gab sich in der Dunkelheit seinen Tagträumen hin und lauschte der Stille der Nacht. Er mußte an seine Eltern denken und fragte sich, ob es ihnen gut ging, ob sie sich seinetwegen Sorgen machten. Shady Vale war nur noch eine verschwommene Erinnerung.

Einen Augenblick schloß er die Augen, um die aufkommende Müdigkeit abzuschütteln. Als er die Augen wieder öffnete, stand die Moorkatze vor ihm.

Der Schreck, der ihm in die Glieder fuhr, machte ihn unfähig, sich zu bewegen. Die Augen der Katze leuchteten goldfarben in der Nacht. Sie war das größte Tier, das Par jemals gesehen hatte, größer noch als der Nager. Sie war von Kopf bis Fuß pechschwarz, mit Ausnahme der Augen, die ihn unverwandt und ohne zu blinzeln anstarrten.

Dann begann die Katze zu schnurren, und er erkannte, daß es dasselbe Geräusch war, das er zuvor gehört hatte. Die Katze drehte sich um, entfernte sich einige Schritte und blickte sich dann abwartend um. Da Par sie weiterhin nur anstarrte, kam sie unverzüglich zurück, um sich dann von neuem zu entfernen, innezuhalten und zu warten.

Par wurde klar, daß sie darauf wartete, daß er ihr folgte. Geistesabwesend erhob er sich, machte ein paar Schritte in ihre Richtung, und die Katze ging weiter voran, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war. Par hatte keine Mühe, der Katze zu folgen. Der Schreck ließ langsam nach und verwandelte sich in Neugier. Jemand hatte die Katze zu ihm geschickt, und er glaubte zu wissen, wer dieser Jemand war.

Schließlich erreichten sie eine Lichtung, in deren Mitte sich mehrere Bäche in einen weiten, mondbeschienenen Teich ergossen. Die alten Bäume waren riesig, und ihreZweige und Äste warfen ein kunstvolles Schattenmuster auf ihre Umgebung. Auf leisen Sohlen näherte sich die Katze dem Teich, trank daraus, setzte sich dann hin und sah Par an. Dieser blieb stehen.

»Hallo, Par«, begrüßte ihn jemand.

Par suchte kurz die Lichtung ab, bevor er den Sprecher, der auf einem knorrigen Baumstumpf saß und kaum von den Schatten um ihn herum zu unterscheiden war, ausmachen konnte. Der Mann erhob sich und trat ins Licht.

»Hallo, Walker«, rief Par.

Sein Onkel sah noch so aus, wie er ihn in Erinnerung hatte, aber andererseits auch vollkommen anders. Er war immer noch groß und schlank, seine Haut von einem erschreckenden Weiß, das einen Gegensatz zu seinem schulterlangen schwarzen Haar und seinem gestutzten Bart bildete. Seine Augen hatten sich ebenfalls nicht verändert; sie blickten immer noch durch einen hindurch. Schwieriger war es, das zu beschreiben, was sich verändert hatte. Es hatte größtenteils damit zu tun, wie Walker Boh sich gab, wenn er sprach, obwohl er bisher kaum gesprochen hatte. Es schien, als sei er von einer unsichtbaren Wand umgeben, durch die nichts hindurchdringen konnte.