»Du hast unbewußt sicher daran gedacht, aber irgendwann hast du beschlossen, daß es nicht notwendig sei, ihn zu fragen. Walker hat gesagt, daß er die gleichen Träume gehabt hat wie du. Er hat dir erzählt, daß der alte Mann ihn aufgesucht hat, genau wie uns. Er hat zugegeben, daß der alte Mann Cogline war. Er hat nichts abgestritten. Er hat einfach gesagt, daß er damit nichts zu tun haben will. Daraus folgt, daß er glaubt, daß die Träume wahr sind – andernfalls gäbe es nichts, womit er etwas zu tun haben könnte.«
Par preßte die Lippen zusammen. »Ich verstehe es nicht, Coll. Es war Walker, mit dem ich letzte Nacht gesprochen habe; ich weiß, es war Walker. Aber er klang nicht wie Walker. Das ganze Gerede von ›nichts damit zu tun haben wollen‹, von seiner Entscheidung, hier draußen wie ein Einsiedler zu leben. Irgend etwas stimmt hier nicht, ich fühle es! Er hat mir nicht alles gesagt. Er hat immer wieder davon gesprochen, daß die Druiden den Ohmsfords Dinge vorenthalten haben, aber er hat sich mir gegenüber genauso verhalten. Irgend etwas hat er verschwiegen.«
Colls Blick ließ erkennen, daß er nicht überzeugt war. »Warum hätte er das tun sollen?«
Par schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich fühle es einfach.« Er sah seinen Bruder scharf an. »Walker hat sich in seinem ganzen Leben nie unterkriegen lassen; wir beide wissen das. Er hat nie Angst davor gehabt, für etwas einzutreten und da zu sein, wenn er gebraucht wurde. Jetzt tut er so, als könne er kaum den Gedanken ertragen, morgens aufzustehen! Er redet so, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben, als sich um sich selbst zu kümmern! Er hat es fertiggebracht, daß ich mich seinetwegen geschämt habe.«
»Ich glaube, daß du da zu viel hineindeutest.« Coll hieb den Absatz seines Stiefels in den Boden. »Vielleicht ist es genau so, wie er sagt. Er lebt hier schon ziemlich lange, Par. Vielleicht fühlt er sich unter Menschen einfach nicht mehr wohl.«
»Du auch?« Par war wütend. »Er wollte nicht einmalmit dir sprechen.«
Coll schüttelte den Kopf und hielt seinem Blick stand. »Es ist doch so, Par, daß wir nie viel miteinander gesprochen haben. Du warst derjenige, der ihm am Herzen lag, weil du die Magie besessen hast.«
Par schaute ihn stumm an. Walkers eigene Worte, dachte er. Er betrog sich nur selbst, wenn er versuchte, Colls Beziehung zu ihrem Onkel mit seiner eigenen auf eine Stufe zu stellen. Es war nie dasselbe gewesen. Er runzelte die Stirn. »Es bleiben immer noch die Träume. Warum ist er nicht wie ich neugierig? Will er denn nicht wissen, was Allanon zu sagen hat?«
Coll zuckte die Schultern. »Vielleicht weiß er es bereits. Es scheint doch, als wüßte er sowieso meistens, was andere Leute denken.«
Par zögerte. Daran hatte er noch nicht gedacht. War es möglich, daß sein Onkel bereits wußte, was der Druide ihnen am Hadeshorn sagen würde? Konnte er die Gedanken eines Schattens lesen, eines Mannes, der seit dreihundert Jahren tot war? Par schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. Denn sonst hätte er mehr über den Grund der Träume gesagt. Er hat jedoch die ganze Zeit damit zugebracht, die Angelegenheit als einen weiteren Fall abzutun, bei dem die Ohmsfords wieder einmal von den Druiden benutzt werden; der Grund hat ihn gar nicht interessiert.«
»Dann hofft er vielleicht, daß du ihm den Grund nennst.«
Par nickte langsam. »Das erscheint mir schon vernünftiger. Ich habe ihm gesagt, daß ich gehen werde; vielleicht meint er, daß einer von uns ausreicht.«
Coll legte sich ins Gras und starrte zu den Baumwipfeln hoch. »Aber das glaubst du doch auch nicht, oder?«
Sein Bruder lächelte schwach. »Nein.«
»Du glaubst immer noch, daß es etwas anderes gibt.«
»Ja.«
Eine Weile hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Durch das Geäst, das sich wie ein Baldachin über ihnen wölbte, traten dünne Sonnenstrahlen, und das Gezwitscher der Vögel drang durch die Stille.
»Mir gefällt es hier«, sagte Par schließlich.
Colls Augen waren geschlossen. »Was glaubst du, wo er sich versteckt?«
»Walker? Ich weiß nicht. Unter einem Stein vielleicht.«
»Du bist vorschnell in deinem Urteil, Par. Du hast kein Recht, ihn zu verurteilen.«
Par wollte antworten, besann sich dann aber eines Besseren und gab sich damit zufrieden, den Sonnenstrahl zu beobachten, der sich über Colls Gesicht bewegte, bis er seine Augen traf, was Coll zwang, zu blinzeln und sich umzudrehen. Er setzte sich auf, sein breites Gesicht strahlte Zufriedenheit aus. Er ließ sich durch nichts so leicht aus der Fassung bringen; es gelang ihm stets, sein inneres Gleichgewicht zu behalten.
Plötzlich wurde Par bewußt, wie sehr er seinen Bruder liebte. »Wirst du mit mir gehen, Coll?« fragte er. »Zum Hadeshorn?«
Coll sah ihn an. »Ist es nicht seltsam«, antwortete er, »daß du und Walker und sogar Wren die Träume habt und ich nicht, daß ihr alle darin vorkommt und ich nicht und daß ihr alle gerufen worden seid, aber ich nicht?« Aus seiner Stimme war kein Groll herauszuhören, nur Verwirrung. »Warum, meinst du, ist das so? Wir haben noch nie darüber gesprochen, du und ich, stimmt’s? Nicht ein einziges Mal. Ich glaube, wir haben beide alles getan, um dieses Thema zu umgehen.«
Par starrte ihn an und wußte nicht, was er darauf erwidern sollte.
Als Coll sein Unbehagen bemerkte, lächelte er. »Peinlich, meinst du nicht? Mach kein so unglückliches Gesicht, Par. Ich wollte damit nicht sagen, daß du die Schuld trägst.« Er rückte näher. »Vielleicht hat es etwas mit der Magie zu tun – mit etwas, von dem wir noch nichts wissen. Vielleicht ist das der Grund.«
Par schüttelte den Kopf und seufzte. »Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, daß ich mich angesichts der Träume, die ich habe und du nicht, nicht unwohl fühle. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich hoffe immer darauf, daß du dich mit einer Sache beschäftigst, die dich eigentlich nicht betrifft. Ich sollte nicht einmal fragen, aber ich kann einfach nicht anders. Du bist mein Bruder, und ich möchte dich bei mir haben.«
Coll streckte seine Hand aus und legte sie auf Pars Schulter. Sein Lächeln war warm. »Hin und wieder, Par, gelingt es dir, das Richtige zu sagen.« Sein Griff wurde stärker. »Ich gehe dorthin, wo du hingehst. So ist es immer zwischen uns gewesen. Ich will damit nicht sagen, daß ich deiner Logik immer zustimme, aber das ändert nichts an meinen Gefühlen für dich. Wenn du also glaubst, daß du zum Hadeshorn gehen mußt, um das Rätsel der Träume zu lösen, dann gehe ich mit dir.«
Par umarmte seinen Bruder und dachte dabei an die vielen Male, wo Coll für ihn dagewesen war, wenn er darum gebeten wurde; ein beglückendes Gefühl durchströmte ihn bei dem Gedanken daran, daß Coll ihn auch diesmal nicht allein lassen würde. »Ich wußte, daß ich mich auf dich verlassen kann«, war alles, was er sagte.
Es war später Nachmittag, als sie an Rückkehr dachten. Sie hatten sich zwar vorgenommen gehabt, früher umzukehren, doch ihr Gespräch über die Träume und Allanon hatte sie so beschäftigt, daß sie bis zur Ostseite des Tales gewandert waren, bevor sie entdeckten, wie spät es inzwischen geworden war. Jetzt, als die Sonne hinter dem westlichen Horizont versank, machten sie sich auf den Heimweg.
»Es sieht ganz so aus, als würden wir heute noch nasse Füße kriegen«, verkündete Coll, während sie zwischen den Bäumen zurückwanderten.
Par schaute zum Himmel auf. Mächtige Regenwolken waren am Nordrand des Tales aufgezogen.
Sie beschleunigten ihr Tempo, eifrig darauf bedacht, dem Regen zu entgehen. Eine steife Brise kündigte das Nahen des Sturmes an. Die Luft begann sich abzukühlen, und der Wald wurde dunkel.
Dann bemerkte Par, wie sich etwas in den Bäumen bewegte. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte. Coll, der hinter ihm ging, fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei. Par schüttelte den Kopf und ging wieder schneller.