Выбрать главу

Der Wind schlug ihm ins Gesicht und zwang ihn, seinen Kopf zu senken. Er schaute nach rechts, dann nach links.

Zu beiden Seiten gewahrte er blitzartige Bewegungen.

Irgend etwas verfolgte sie.

Par spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten, aber er zwang sich weiterzugehen. Was dort draußen lauerte, sah weder so aus noch bewegte es sich so wie Walker Boh oder die Katze. Er versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Wie weit waren sie noch von der Hütte entfernt – eine Meile, vielleicht weniger? Er hielt den Kopf jetzt hoch, versuchte, die Bewegungen aus den Augenwinkeln zu beobachten.

»Par«, sagte Coll, »irgend etwas ist…«

»Ich weiß!« unterbrach ihn Par. »Geh weiter!«

Sie gingen durch ein Kieferwäldchen, während es zu regnen begann. Die Sonne war nicht mehr zu sehen. Par spürte, wie sein Atem schneller ging. Ihre Verfolger waren jetzt überall, Schatten, die eine seltsame menschliche Gestalt angenommen hatten, während sie zwischen den Bäumen hindurchhuschten.

Sie haben uns eingekreist, dachte Par außer sich vor Schreck. Wie weit war es noch bis zur Hütte?

Aber da waren die Schatten schon über ihm. Sie stürzten aus den umstehenden Bäumen auf ihn herunter. Par erhaschte einen kurzen Blick auf krumme, bucklige, mit borstigen schwarzen Haaren bedeckte Gestalten. In dem Versuch zu entkommen schleuderte er sie von sich weg und spürte rauhe, sehnige Gliedmaßen, die ihn festhielten. Er stieß verzweifelte Schreie aus, beschwor die Magie des Wunschlieds und schickte in seinem Bemühen, sich zu schützen, furchtbare Bilder aus. Ein angstvolles Geheul erhob sich, und seine Angreifer ließen von ihm ab.

Dieses Mal konnte er sie sich genau ansehen. Er erblickte seltsame, insektenförmige Körper mit schemenhaften menschlichen Gesichtern, die vollkommen behaart waren.

Spinnengnome, dachte er ungläubig.

Sogleich stürzten sie sich noch einmal auf ihn. Es gelang ihm nicht mehr, die Magie zu beschwören. Seine Arme wurden zu Boden gedrückt, und gleichzeitig würgte man ihn. Verzweifelt versuchte er sich zu wehren, aber es waren ihrer zu viele.

Es blieb ihm noch eine Sekunde, noch ein Versuch, um Hilfe zu schreien, und dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

11

Als Par Ohmsford wieder das Bewußtsein erlangte, befand er sich inmitten eines Alptraums. An Händen und Füßen gefesselt hing er an einer Stange. Irgend jemand trug ihn durch den in Nebel gehüllten Wald; eine tiefe Schlucht war zu seiner Linken, die zerklüfteten Zacken eines Bergkammes hoben sich zu seiner Rechten vom Himmel ab. Gestrüpp schlug gegen seinen Rücken und Kopf, während er hilflos an der Stange baumelte; die Luft war dick, schwül und still.

Er war umgeben von Spinnengnomen, die auf ihren gekrümmten Beinen lautlos durch die Dämmerung huschten.

Par schloß die Augen, um dem Anblick zu entgehen, und öffnete sie dann wieder. Der Himmel war dunkel und bedeckt, aber vereinzelt schien das Licht der Sterne zwischen den Wolken hindurch, und über dem Bergkamm machte sich schwach die erste Helligkeit bemerkbar. Er erkannte, daß die Nacht fast vorüber war und der Morgen anbrach.

Er erinnerte sich jetzt an die Ereignisse des vergangenen Tages, wie die Spinnengnome ihn gejagt und gefangengenommen hatten. Was war mit Coll geschehen? Er reckte den Hals, um zu sehen, ob sein Bruder gleichfalls mitgeschleppt wurde, konnte jedoch keine Spur von ihm entdecken. In ohnmächtigem Zorn biß er die Zähne zusammen. Er mußte eine Möglichkeit finden, sich zu befreien und nach seinem Bruder zu suchen. Einen Augenblick zog er an den Fesseln, die ihn festhielten, doch sie gaben keinen Millimeter nach. Er mußte warten. Er fragte sich, wohin er gebracht wurde – ja, warum er überhaupt gefangengenommen worden war. Was hatten die Spinnengnome mit ihm vor?

Er versuchte zu bestimmen, wo er sich befand. Das Licht war zu seiner Linken, der Anfang eines neuen Tages, Os-ten. Die Spinnengnome waren also auf dem Weg nach Norden. Das schien logisch. Die Spinnengnome hatten zu Brin Ohmsfords Zeiten auf dem Tofferkamm gelebt. Er versuchte, sich das, was er über die Spinnengnome aus den Geschichten der alten Zeit wußte, ins Gedächtnis zu rufen, aber es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren. Brin war ihnen begegnet, als sie, Rone Leah, Cogline, Kimber Boh und die Moorkatze Whisper nach dem vermißten Schwert von Leah gesucht hatten. Doch es gab da noch etwas anderes, etwas über eine Einöde und die schrecklichen Kreaturen, die dort lebten…

Dann fiel es ihm plötzlich ein. Werbestien. Das Wort nistete sich in seinem Kopf ein wie ein Fluch.

Die Spinnengnome bogen in eine enge Schlucht ein. Die Helligkeit im Osten verschwand, und Schatten und Nebel umhüllten sie. In der Ferne flackerte Feuerschein.

Par holte tief Luft. Er wußte, daß sie fast am Ziel sein mußten.

Einen Augenblick später traten sie aus der Schlucht heraus. Überall brannten Feuer, und Hunderte von Spinnengnomen kamen in Sicht. Par wurde ziemlich unsanft fallen gelassen, seine Fesseln durchgeschnitten. Kurze Zeit lag er auf dem Rücken und rieb sich die Gelenke an Händen und Füßen, wobei er feststellte, daß an den Stellen, wo die Fesseln ihm ins Fleisch geschnitten hatten, Blut heraussickerte. Dann zerrte man ihn auf die Beine und schleppte ihn zu einer Höhle im Berghang. Die Spinnengnome schwatzten miteinander in ihrer eigenen Sprache, führten pausenlose Gespräche, die er nicht verstand. Er leistete keinen Widerstand; er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie trieben ihn an einem kleinen Feuer vorbei, das nahe dem Höhleneingang brannte, und brachten ihn hinein. Die Höhle war nicht mehr als zwanzig Meter lang und an der höchsten Stelle zweieinhalb Meter hoch. An ihrer hinteren Wand waren zwei Eisenringe eingelassen, an denen ihn die Spinnengnome festbanden. Mit Ausnahme von zweien, die als Wachen beim Feuer am Eingang der Höhle zurückgelassen wurden, gingen alle fort.

Par versuchte sich zu sammeln, lauschte der Stille und wartete darauf, was als nächstes passieren würde. Als nichts geschah, ließ er seinen Blick prüfend durch die Höhle gleiten. Man hatte ihn mit weitgespreizten Armen an der Wand zurückgelassen; er war gezwungen, an der Wand zu stehen, denn die Eisenringe waren so hoch angebracht, daß er nicht sitzen konnte. Er prüfte seine Fesseln. Sie waren aus Leder und so eng, daß sie seinen Handgelenken nicht die kleinste Freiheit gestatteten.

Einen Augenblick packte ihn reine Verzweiflung. Aber die anderen würden bestimmt nach ihm suchen – Morgan, Steff, Teel. Wahrscheinlich hatten sie Coll bereits gefunden. Sie würden den Spuren der Spinnengnome folgen und kommen, um ihn zu holen. Sie würden ihn finden und befreien.

Er schüttelte den Kopf. Er machte sich selbst etwas vor, das wußte er. Es war fast dunkel gewesen, als die Gnome ihn verschleppt hatten, und der Regen hatte das Seine dazu beigetragen, die Spuren zu verwischen. Das Beste, das er sich erhoffen konnte, war, daß sie Coll gefunden und er ihnen von den Geschehnissen berichtet hatte.

Die Zeit verrann, aus den Sekunden wurden Minuten und aus den Minuten Stunden. Die Dunkelheit vor der Höhle erhellte sich geringfügig, und mit den schwachen Strahlen des Tageslichts drang Wärme herein. Hätten nicht die zwei am Höhleneingang gehockt, hätte Par glauben können, alle seien verschwunden. Der Tag ging dahin. Ein einziges Mal erhob sich einer der Wächter und brachte ihm einen Becher mit Wasser. Er trank es so gierig aus den Händen, die es ihm darboten, daß er das meiste verschüttete und sein Hemd durchnäßte. Langsam nagte auch der Hunger an ihm, aber niemand brachte ihm zu essen.

Par wartete voller Zuversicht und vergaß dabei zum erstenmal die Schmerzen in seinem Körper, den Hunger und die Angst. Irgend etwas würde geschehen. Er spürte es genau.

Das, was geschah, hätte er beim besten Willen nicht erwartet. Er versuchte wieder, seine Fesseln abzustreifen; sein Schweiß begann langsam, sie zu lockern, als eine Gestalt aus der Dunkelheit auftauchte. Sie ging um das am Eingang brennende Feuer herum, trat ins Licht und blieb stehen.

Es war ein Kind.

Par blinzelte.