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Das Kind war ein Mädchen, ungefähr zwölf Jahre alt, ziemlich groß und mager, mit dunklem, strähnigem Haar und tiefliegenden Augen. Sie gehörte nicht der Gnomenrasse, sondern der Menschenrasse an; es war eine Südländerin in einem zerlumpten Kleid, abgetragenen Stiefeln und mit einem kleinen silbernen Medaillon um den Hals. Neugierig sah sie ihn an, taxierte ihn wie einen herumstreunenden Hund und trat auf ihn zu. Sie hob eine Hand, um ihm das Haar aus dem Gesicht zu streichen. »Elfe«, sagte sie leise.

Par starrte sie an. Was hatte dieses Kind unter den Spinnengnomen verloren? »Binde mich los«, bettelte er.

Sie schaute ihn an, ohne ein Wort zu sagen.

»Binde mich los!« wiederholte Par. Er spürte, wie ihm Zweifel kamen. Irgend etwas stimmte hier nicht.

»Ich drücke dich«, sagte das Mädchen plötzlich. Sie kam auf ihn zu, schlang ihre Arme um ihn, und schon hing sie an ihm, fest wie ein Blutegel. Sie klammerte sich an ihn, vergrub sich in seinen Körper, flüsterte immer wieder Worte, die er nicht verstand.

Was war los mit diesem Kind? fragte er sich bestürzt. Er spürte, wie sich der Druck ihrer Hände verstärkte, wie sie forderte, forderte. Der Schock überwältigte ihn. Sie war ganz nah, sie verkroch sich in ihn, vergrub sich in ihn, sie drang in ihn ein, sie verschmolz mit ihm, sie wurde ein Teil von ihm.

Verdammt! Was war hier los?

Der Ekel, der in ihm aufstieg, kam so unerwartet, daß er erschauerte. Er schrie, schüttelte sich vor Entsetzen, schlug verzweifelt um sich, bis es ihm schließlich gelang, sie wegzuschleudern. Sie fiel zu Boden, und ihr kindliches Gesicht verwandelte sich in eine abscheuliche Fratze.

»Gib mir die Magie!« krächzte sie mit einer Stimme, diekeine Ähnlichkeit mehr mit der eines Kindes hatte.

Jetzt war ihm alles klar. »Nein, nein«, flüsterte er und nahm alle seine Kraft zusammen, als sie sich wieder vom Boden erhob.

Dieses Kind war ein Schattenwesen!

»Gib sie mir!« wiederholte sie mit fordernder Stimme. »Laß mich in dich eindringen und sie kosten!«

Sie näherte sich ihm, eine spindeldürre Gestalt, und streckte ihre Hände nach ihm aus.

Er schlug wie wild um sich.

Sie lächelte boshaft und trat zurück. »Du gehörst mir«, sagte sie leise. »Die Gnome haben dich mir überlassen. Ich werde deine Magie bekommen. Überlaß dich mir. Spür doch nur, wie ich mich anfühle!«

Sie näherte sich ihm wie eine Katze der Maus, vermied dabei seine Stöße und krallte sich mit einem schaurigen Heulen an ihm fest. Er zwang sich, nach unten zu sehen, und bemerkte die Gestalt im Körper des Kindes, die versuchte, in den seinen einzudringen. Das Schattenwesen suchte. Er warf den Kopf zurück, biß die Zähne aufeinander, machte seinen Körper so hart wie Stahl und kämpfte dagegen an. Das Schattenwesen versuchte, ihn in Besitz zu nehmen. Es versuchte sich mit ihm zu vereinen!

Er stieß einen Schrei aus, ein Gebrüll aus Zorn und Qual, das die Magie des Wunschlieds freisetzte. Er verband keine Bilder damit, denn er wußte, daß selbst sein furchterregendstes Bild nichts gegen diese Bestien ausrichten konnte. Das Bild ergab sich ohne sein Zutun, befreite sich aus einem dunklen Winkel seines Wesens, um eine Gestalt anzunehmen, die er nicht erkannte. Es war etwas Dunkles, Unerkenntliches, das ihn umspann wie die Fäden einer Spinne. Das Schattenwesen zischte und wich zurück, spuckte und schlug seine Krallen in die Luft. Es fiel noch einmal zu Boden, der Körper des Kindes wurde von einer unsichtbaren Kraft gekrümmt und geschüttelt.

Er wußte nicht, was er getan hatte oder wie er es getan hatte, aber das Schattenwesen im Körper des Kindes war verschwunden. Das Kind erhob sich langsam und richtete sich auf, ein Kind im wahrsten Sinne des Wortes, zerbrechlich und verloren. Aus dunklen Augen schaute sie ihn an und sagte schwach: »Drück mich.«

Dann rief sie in die Dunkelheit hinaus, und Spinnengnome kamen zum Vorschein, zu mehreren Dutzend sich vor dem Kind verbeugend, während sie in die Höhle traten. Sie sprach zu ihnen in ihrer eigenen Sprache, und Par erinnerte sich daran, wie abergläubisch diese Kreaturen waren und Götter und alle möglichen Geister anbeteten. Und jetzt waren sie im Bann dieses Mädchens. Er wollte schreien.

Die Spinnengnome kamen auf ihn zu, lockerten seine Fesseln, die ihn festhielten, packten ihn an Armen und Beinen und schleppten ihn weg. Das Kind stellte sich ihnen in den Weg. »Drück mich!«

Er schüttelte den Kopf und versuchte gleichzeitig, den Dutzenden von Händen, die ihn festhielten, zu entkommen. Sie zerrten ihn nach draußen, dorthin, wo der Rauch der Feuer und der Nebel der Täler sich wie Träume im Schlaf vermischten und sich im Kreis drehten. Am Rand des Abhangs brachte man ihn zum Stehen, und sein Blick fiel hinunter in eine unendliche Leere.

Das Kind mit der leisen und heimtückischen Stimme war immer an ihrer Seite. »Das Altmoor«, flüsterte sie. »Hier leben die Werbestien. Kennst du Werbestien, Elfenjunge?« Er erstarrte. »Sie sollen dich haben, wenn du mich nicht drücken willst. Sie sollen sich an dir laben trotz deiner Zauberkraft.«

Es gelang ihm, sich loszureißen, seine Bewacher wegzuschleudern. Er bot die gesamte Kraft des Wunschlieds auf und warf den Spinnengnomen, die ihn umringten, die Bilder entgegen, in dem verzweifelten Versuch, sich einen Weg durch ihre Mitte zu bahnen. Er stürzte den Abhang hinunter, fiel in den unendlichen Abgrund, in den Strudel von Dunst und Nebel. Hinter ihm verschwanden das Schattenwesen, die Spinnengnome, die Feuer, die Höhle. Er stürzte hinunter, Hals über Kopf, durch Gestrüpp und Gras, über Spalten und zwischen Felsbrocken hindurch. Wie durch ein Wunder verfehlte er die Felsen, die ihn hätten töten oder für immer zum Krüppel machen können, und fiel schließlich in eine unheilvolle Finsternis.

Als er wieder zu sich kam, wußte er nicht, wie lange er bewußtlos gewesen war. Er erwachte auf einem Bett von feuchten Sumpfgräsern. Die Gräser, das wurde ihm klar, mußten seinen Fall gedämpft und ihm somit das Leben gerettet haben. Unfähig, sich zu bewegen, und jeder Kraft beraubt, lauschte er dem Schlagen seines Herzens in seiner Brust. Als er sich etwas erholt hatte, stellte er sich vorsichtig auf die Beine und untersuchte seinen Körper. Er war übersät mit Schnitt- und Schürfwunden, aber anscheinend hatte er keine Brüche davongetragen. Er horchte in die Stille. Weit oben hörte er die Stimmen der Spinnengnome.

Er wußte, daß sie herabkommen würden, um ihn zu holen. Er mußte von hier weg.

Er schaute sich um. Nebel und Schatten jagten durch eine halbdunkle Welt; der Einbruch der Nacht stand kurz bevor. Kleine, fast unsichtbare Dinge hüpften und sprangendurch das hohe Gras. Überall um ihn herum blubberten Schlamm und Schlick. Verkrüppelte Bäume, die zu bizarren Formen erstarrt waren, bestimmten die Landschaft. Geräusche drangen aus allen Richtungen an sein Ohr.

Um ruhiger zu werden, atmete Par tief ein. Er wußte ungefähr, wo er sich befand. Er war auf dem Tofferkamm gewesen. Sein Sturz hatte ihn vom Kamm in das Altmoor fallen lassen. In seinem Bemühen, seinem Schicksal zu entrinnen, hatte er es nur beschleunigt. Er hatte sich unfreiwillig genau dorthin begeben, womit das Schattenwesen ihm gedroht hatte – in das Gebiet der Werbestien.

Er nahm all seinen Mut zusammen und machte sich auf den Weg. Er befand sich am Rande des Moors, beruhigte er sich selbst, noch nicht mitten drin, noch nicht völlig verloren. Er konnte entkommen. Aber er mußte schnell handeln.

Fast spürte er, wie die Werbestien ihn beobachteten.

Die Geschichten über die Werbestien stiegen jetzt vor seinem geistigen Auge auf. Sie besaßen die alte Magie, Monster, die verirrte Kreaturen, die sich ins Moor gewagt oder dorthin geschickt worden waren, überfielen, sich ihrer körperlichen und geistigen Kraft bemächtigten und ihr Leben aussaugten. Die Spinnengnome stellten ihre Hauptnahrung dar; sie hielten die Werbestien für Geister, die Beschwichtigung verlangten, und demgemäß opferten sie sich. Par erschauerte bei dem Gedanken daran, denn genau dieses Schicksal hatte das Schattenwesen ihm zugedacht.

Müdigkeit zwang ihn, sein Tempo zu verlangsamen, und ließ ihn unsicher werden. Mehrere Male stolperte er, und einmal trat er sogar in einen Sumpf, doch es gelang ihm, sich schnell wieder herauszuziehen. Sein Blick war verschwommen, und Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Die aus dem Moor aufsteigende Hitze war erdrückend. Er warf einen Blick zum Himmel und bemerkte mit Schrecken, daß die Dunkelheit sich schnell herabsenkte. Bald würde es stockdunkel sein.