Dann würde er überhaupt nichts mehr sehen können.
Ein riesiger Schlammpfuhl versperrte ihm den Weg und damit den Zugang zu dem Bergkamm. Er bewegte sich schnell am Rande des Sumpfs entlang und horchte gleichzeitig auf Geräusche von Verfolgern. Er hörte keine. Die Finsternis wurde immer schwärzer. Er erreichte das Ende des Pfuhls, marschierte weiter und weiter, um Sümpfe herum, und spähte durch die Dunkelheit.
Er konnte den Tofferkamm nicht ausmachen.
Die Angst, die ihn zu überwältigen drohte, veranlaßte ihn, schneller zu gehen. Er erkannte, daß er sich verirrt hatte – weigerte sich aber, diese Tatsache zu akzeptieren. Er suchte weiter, unfähig, sich einzugestehen, daß er sich in der Richtung getäuscht hatte. Der Kamm war doch eben noch da gewesen. Wie hatte er sich nur so verlaufen können?
Endlich blieb er stehen, unfähig, die Suche fortzusetzen. Es war sinnlos, weiterzugehen, denn er hatte keine Ahnung, wohin er ging. Er würde nichts weiter tun, als endlos umherzuwandern, bis ihn entweder der Sumpf oder die Werbestien verschlangen. Es war klüger, auszuharren und zu kämpfen.
Es war eine seltsame Entscheidung, die mehr von der Müdigkeit als von der Vernunft bestimmt wurde. Denn welche Hoffnung blieb ihm, wenn er dem Moor nicht entkam, und wie konnte er dem Moor entkommen, wenn er an Ort und Stelle stehen blieb? Aber er war müde, und der Gedanke an ein blindes Weitergehen behagte ihm nicht. Und er mußte immer wieder an dieses Kind denken, das Schattenwesen – daran, wie es vor ihm zurückgewichen war, entsetzt über etwas in seiner Zauberkraft, von dessen Existenz er bis dahin selbst nichts gewußt hatte. Auch jetzt wußte er nicht zu sagen, was es war, aber falls es ihm gelingen sollte, es wieder einzusetzen, würden sich seine Chancen gegenüber den Werbestien und sonstigen Dingen, die das Moor für ihn bereithielt, entscheidend verbessern.
Einen Augenblick sah er sich um, bevor er sich einem kleinen Hügel zuwandte, der auf zwei Seiten von Sümpfen, auf der dritten von aufragenden Felsen umgeben und deshalb nur von einer Seite begehbar war. Er erklomm die Anhöhe, auf der er sich niederließ und von der aus er in den Nebel und die Nacht hinausstarrte. Hier wollte er bleiben, bis der neue Tag anbrach.
Die Minuten vergingen. Die Nacht brach herein, der Ne-bel verdichtete sich.
Er sah das Schattenwesen erst, als es fast schon auf ihm war. Wieder war es das Mädchen. Sie trat scheinbar aus dem Nichts heraus, nur wenige Meter vor ihm, und er erschrak über die Unerwartetheit ihres Auftauchens. »Komm mir nicht näher!« warnte er, während er schnell hochsprang. »Wenn du versuchst, mich anzurühren…«
Das Schattenwesen verwandelte sich in einen schimmernden Nebel und verschwand.
Par atmete tief ein. Es war doch kein Schattenwesen, dachte er, sondern eine Werbestie und auch nicht so stark, da es ihm gelungen war, sie mit nichts als einer Drohung zu verjagen.
Irgendwo in der Ferne, weit weg von ihm, hörte er einen einzigen Schrei, einen kurzen Schrei des Entsetzens. Sofort war alles wieder ruhig.
Er starrte wachsam in den Nebel hinaus. Er dachte an die Umstände, die ihn hierher gebracht hatten – an seine Flucht vor der Föderation, an seine Träume, an seine Begegnung mit dem alten Mann und an seine Suche nach Walker Boh. Ein Gefühl der Enttäuschung beschlich ihn, Enttäuschung darüber, daß er nicht mehr erreicht hatte. Er grübelte über sein Gespräch mit Walker nach. Walker war der Meinung, die Magie des Wunschliedes sei keine Gabe. Par schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte Walker ja recht. Vielleicht hatte er, Par, sich die ganze Zeit selbst etwas vorgemacht.
Aber irgend etwas an dieser Magie hatte das Schattenwesen in Angst und Schrecken versetzt. Irgend etwas.
Aber nur das Kind, nicht die anderen, denen er begegnet war.
Was war anders gewesen?
Er fühlte wieder eine Bewegung am Rande des Nebels, und eine Gestalt löste sich aus ihm und kam auf ihn zu. Es war das zweite Schattenwesen, die große, watschelnde Kreatur, der sie am Rande des Anar begegnet waren. Grunzend und mit einer riesigen Keule in der Hand bewegte sie sich auf ihn zu. Einen Augenblick lang vergaß er, wem er gegenüberstand. Er geriet in Panik, weil er sich daran erinnerte, daß das Wunschlied gegen dieses Schattenwesen nichts hatte ausrichten können, daß er hilflos gewesen war. Er machte einen Schritt zurück, bevor er sich wieder fing, seine Verwirrung abschüttelte und seine Gedanken zusammennahm. Ganz instinktiv setzte er das Wunschlied ein, wobei seine Magie das genaue Abbild der ihm gegenüberstehenden Kreatur erschuf, ein Bild, in das er sich selbst einhüllte. Ein Schattenwesen stand dem anderen Schattenwesen gegenüber. Dann begann die Werbestie zu flimmern und sich im Nebel aufzulösen.
Par verhielt sich regungslos, und das Bild, das ihn umgab, löste sich in nichts auf. Er nahm wieder Platz. Wie lange würde er so weitermachen können?
Er fragte sich, ob Coll in Ordnung war, und dachte daran, wie sehr er seinen Bruder brauchte.
Coll.
Er überließ sich seinen Gedanken, die zu anderen Dingen abschweiften. Seine Magie mußte einen Zweck haben, sagte er sich ernst. Es war keineswegs so, wie Walker behauptet hatte. Er besaß die Magie des Wunschliedes aus einem ganz bestimmten Grund; sie war mit Sicherheit eine Gabe. Die Antwort darauf würde er am Hadeshorn finden. Er würde sie erfahren, wenn er mit Allanon sprach. Er mußte sich einfach aus diesem Moor befreien und…
Mehrere schattenhafte Gestalten lösten sich aus dem Ne-bel vor ihm. Die Werbestien hatten beschlossen, nicht länger zu warten. Er sprang auf und stellte sich ihnen entgegen. Sie schoben sich langsam näher, zuerst eine, dann noch eine, alle ohne erkennbare Formen, denn sie verwandelten sich so geschwind wie Nebel.
Dann sah er Coll, der aus der Dunkelheit hinter den Schatten herausgezerrt und von körperlosen Händen festgehalten wurde, sein Gesicht aschfahl und blutverschmiert. Par spürte eine Eiseskälte in sich aufsteigen.
»Hilf mir«, hörte er seinen Bruder rufen, obwohl er seine Stimme nur im Geist vernahm. »Hilf mir, Par.«
Mit der Magie des Wunschlieds stieß Par einen Schrei aus, doch in der feuchten Luft des Altmoors zerbrach er in tausend einzelne Laute. Par zitterte am ganzen Leib. Himmel! Das war tatsächlich Coll! Sein Bruder kämpfte, versuchte mit aller Kraft, sich zu befreien, während er immer wieder schrie: »Par, Par!«
Ohne lange zu überlegen, kam er seinem Bruder zu Hilfe. Mit einem von ihnen unerwarteten Zorn griff er die Werbestien an. Er schrie, und die Magie des Wunschliedes prallte auf die Kreaturen und schlug sie zurück. Er erreichte Coll, packte ihn und entriß ihn ihren Klauen. Hände griffen nach ihm, berührten ihn. Er spürte den Schmerz, eiskalt und brennendheiß zur gleichen Zeit. Coll hielt Par fest, und der Schmerz wurde stärker. Gift strömte in ihn ein, bitter und herb. Beinahe verließ ihn seine Kraft, aber es gelang ihm, sich auf den Beinen zu halten, seinen Bruder von den Schatten wegzureißen und ihn auf die Anhöhe zu zerren.
Zu ihren Füßen sammelten sich die Schatten, die sie aufmerksam beobachteten. Par brüllte auf sie hinab, wohl wissend, daß er vergiftet war; er spürte, wie das Gift sich in seinem Körper ausbreitete. Coll stand neben ihm.
Die Werbestien kamen immer näher.
Auf den Felsen zu seiner Rechten gewahrte er eine erneute Bewegung, und irgend etwas Riesiges tauchte vor ihm auf. Als Par auszuweichen versuchte, fiel er auf die Knie. Große, glänzende gelbe Augen leuchteten in der Nacht, und ein riesiger schwarzer Schatten trat an seine Seite. »Ondit!« flüsterte er.
Die Moorkatze schlich vorsichtig an ihm vorbei und auf Coll zu. Sie stieß ein langes, gefährliches Knurren aus.