»Coll!« Par rief nach seinem Bruder und machte einen Schritt nach vorne, aber die Moorkatze versperrte ihm schnell den Weg und stieß ihn zurück.
Die Schatten kamen immer näher, nahmen Gestalt an, verwandelten sich in schwerfällige Kreaturen, Körper mit Schuppen und Haaren, Gesichter mit dämonischen Augen und Mäulern, die vor Hunger weit aufgerissen waren. Ondit fauchte und schlug nach ihnen. Dann entblößte er seine Zähne und riß Coll in Stücke.
Coll – das, was Par für Coll gehalten hatte – verwandelte sich in ein Etwas von unbeschreiblichem Entsetzen, blutüberströmt und zerfetzt, bevor es glühte und verschwand. Par schrie vor Qual und Zorn auf. Irregeführt! Ungeachtet seines Schmerzes und der plötzlichen Übelkeit sang er das Wunschlied zur Vernichtung der Werbestien, Dolche und Pfeile des Zorns, Bilder von Dingen, die dazu bestimmt waren, sie in tausend Stücke zu reißen. Die Werbestien flimmerten, die Zauberkraft traf sie, ohne ihnen Schaden zuzufügen.
Wieder sammelten sie sich und gingen zum Angriff über.
Ondit bemächtigte sich der nächsten Werbestie, die nur einige Dutzend Schritte entfernt war, und schleuderte sie mit einem Hieb seiner großen Pfote von sich. Eine weitere Bestie machte sich an den Kater heran, doch auch diese packte er und warf sie in hohem Bogen von sich. Jetzt traten andere aus dem Nebel hervor, hinter denen, die bereits herankrochen. Zu viele, dachte Par außer sich vor Angst. Er hatte nicht mehr die Kraft zu stehen, denn das Gift der Werbestien durchströmte ihn jetzt immer schneller und drohte ihn in den bekannten schwarzen Abgrund zu stürzen, der sich vor ihm zu öffnen begann.
Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter, ermutigend und stützend, und er hörte, wie eine schneidende Stimme rief: »Ondit!«
Die Moorkatze zog sich zurück, ohne auch nur einen Blick in die Richtung zu werfen, aus der die Stimme ertönte, sondern nur deren Klang gehorchend.
Par hob den Kopf.
Walker Boh stand neben ihm, eingehüllt in schwarze Gewänder und Nebel, mit einem Ausdruck in seinem schmalen, markanten Gesicht, der Par erschauern ließ; seine Haut war so weiß wie Kalk. »Bleib ruhig, Par«, sagte er.
Er ging auf die Werbestien zu. Es waren ihrer jetzt mehr als ein Dutzend. »Geht!« lautete sein einfacher Befehl, während er in die Nacht hineinzeigte.
Die Werbestien bewegten sich nicht von der Stelle.
Walker tat noch einen Schritt auf sie zu, und jetzt war seine Stimme so eisig, daß sie scheinbar die Luft erzittern ließ. »Geht!«
Eine der Bestien streckte die Hand nach ihm aus, ein riesiges Etwas schnappte nach ihm. Walker Boh bewarf die Bestie mit Staub. Flammen schlugen zum Himmel auf, aus einer Explosion, die die Erde erschütterte, worauf die Werbestien spurlos verschwanden.
Walker drehte sich um und kehrte auf die Anhöhe zurück, wo er sich neben Par hinkniete. »Das ist alles meine Schuld«, sagte er leise.
Par bemühte sich zu sprechen, spürte jedoch, wie ihn seine Kräfte verließen. Er war dabei, das Bewußtsein zu verlieren. Zum drittenmal stürzte er in den finsteren Abgrund.
12
Par Ohmsford trieb durch eine Welt der Träume. Seine Seele war in seinem Körper und gleichzeitig außerhalb davon, er war zugleich Täter und Zuschauer. Er spürte die stete Bewegung, die manchmal so stürmisch war wie eine Reise auf offenem Meer, dann wieder so sanft wie der Sommerwind, der durch die Bäume streicht. Er sprach mit sich selbst, abwechselnd in der dunklen Stille seines Geistes und dann aus dem Inneren eines Spiegelbildes. Seine Stimme war ein körperloses Flüstern oder ein donnerndes Gebrüll. Farben erschienen vor seinen Augen, die im nächsten Moment in schwarzweiße Bilder übergingen. Geräusche kamen und gingen. Auf seiner Reise war er alles und nichts.
Die Träume waren seine Wirklichkeit.
Zu Anfang träumte er, daß er fiel, daß er in ein Loch so schwarz wie die Nacht hinunterstürzte. Er fühlte Schmerz und Angst; es gelang ihm nicht, sein Selbst zu finden. Manchmal hörte er Stimmen, die ihn riefen, warnten, beruhigten und in Angst und Schrecken versetzten. Er wurde von Krämpfen geschüttelt. Irgendwie wußte er, daß er, sollte er nicht aufhören zu fallen, für immer verloren sein würde.
Endlich nahm der Fall ein Ende. Er wurde langsamer und kam zum Stehen, und seine Krämpfe ließen nach. Er befand sich inmitten einer Wiese voll Blumen, die in allen Regenbogenfarben leuchteten. Vögel und Schmetterlinge flogen bei seinem Näherkommen auf, und die Düfte, die aus den Feldern aufstiegen, waren mild und gut. Nicht ein Laut war zu hören. Er versuchte selbst einen Laut hervorzubringen, doch er stellte fest, daß er ohne Stimme war. Auch sein Tastsinn war nicht mehr vorhanden. Er fühlte weder sich selbst noch die Welt um sich herum. Er empfand wohltuende und besänftigende Wärme, aber mehr auch nicht.
So trieb er dahin, und eine Stimme tief in seinem Inneren flüsterte ihm zu, daß er tot sei.
Die Stimme, dachte er, war Walker Bohs Stimme.
Dann verwandelte sich die Welt der süßen Düfte und Anblicke in eine Welt der Dunkelheit und der üblen Gerüche. Feuer trat aus der Erde und bespuckte einen zornigen, besudelten Himmel. Schattenwesen huschten und sprangen vorbei, rote Augen funkelten, während sie ihn geißelten, einen Augenblick in der Luft schwebend, im nächsten sich versteckend. Gewitterwolken zogen blitzend über ihm hinweg, geboren aus einem Wind, der ohnmächtig heulte. Er spürte, wie er geschlagen und gestoßen, gleich einem trockenen Blatt über die Erde gewirbelt wurde, und er hielt es für das Ende allen Seins. Als sein Tastsinn und seine Stimme wiederkehrten, spürte er noch einmal den Schmerz, der ihn laut schreien ließ.
»Par?«
Er hörte die Stimme, und dann war sie wieder verklungen – Colls Stimme. Aber diesmal sah er Coll in seinem Traum, ausgestreckt vor einer Felsengruppe, leblos und blutüberströmt, mit Augen, die ihn anklagend ansahen. »Du hast mich allein gelassen. Du hast mich verlassen.« Er schrie, und die Magie des Wunschlieds warf ihre Bilder überall hin. Aber die Bilder verwandelten sich in Ungeheuer, die sich umwandten, um ihn zu verschlingen. Er spürte ihre Zähne und ihre Klauen. Er spürte ihre Berührung…
Er erwachte.
Regen tropfte auf sein Gesicht, und er öffnete die Augen. Dunkelheit umgab ihn und das Gefühl, daß er nicht allein war, ein Gefühl von Bewegung um sich herum und der Geschmack von Blut. Er hörte Schreie, Stimmen, die gegen die Wut eines Sturms anzuschreien versuchten. Er stand auf, würgend, speiend. Hände drückten ihn wieder nieder, glitten über seinen Körper und sein Gesicht.
»… wieder wach, haltet ihn…«
»… zu stark, als besäße er die Kraft von zehn…«
»Walker! Schnell!«
Bäume brachen im Hintergrund, gigantische Gewächse erhoben sich in das beängstigende Schwarz, der Wind heulte aus allen Richtungen. Sie warfen Schatten an die Felswände, die ihnen den Weg versperrten. Par hörte sich schreien.
Die zuckenden Blitze und der rollende Donner erfüllten die Finsternis mit Klängen des Wahnsinns. Eine riesige rote Welle verschleierte seinen Blick.
Plötzlich erschien Allanon – Allanon! Er kam aus dem Nichts, in schwarze Gewänder gehüllt, eine Gestalt aus uralter Zeit. Er beugte sich zu Par nieder; seine Stimme war ein Flüstern, dem es irgendwie gelang, durch das Chaos zu dringen. »Schlaf, Par«, murmelte er beschwichtigend. Eine knochige Hand berührte Par, und das Chaos löste sich in nichts auf und wurde abgelöst von einem grenzenlosen Gefühl des Friedens.
Par trieb wieder weg, weit in sein Selbst hinein, doch jetzt kämpfte er, weil er spürte, daß er leben konnte, wenn er es nur wollte. Ein Teil von ihm erinnerte sich an das Vergangene – daran, daß die Werbestien ihn gefangengenommen hatten, daß ihre Berührung ihn vergiftet, das Gift ihn krank gemacht und die Krankheit ihn in einen schwarzen Abgrund gestürzt hatte. Walker war gekommen, um ihn zu holen, hatte ihn gefunden und vor den Bestien gerettet. Er sah Ondits riesige gelbe Augen, die ihn warnend anblinzelten, bevor sich seine Lider senkten. Er sah Coll und Morgan. Er sah Steff, sein zynisches Lächeln, und Teel, die still wie immer war.